Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Königswalde – Ortschronik

Transkripirt aus einem Originaldokument, das sich im Deciner Archiv befindet.

Eine Chronik des Dorfes Königswalde

Vorbemerkungen

Vorliegende Chronik von Königswalde hat Fritz Dornau im Jahr 1895 beendet. Sie gehört damit zu den ältesten überlieferten Werke dieser Art für Königswalde. Fritz Dornau hat dafür die seinerzeit zugänglichen Fachschriften verwendet und insbesondere aus der „Geschichte der Stadt Schluckenau“ von Robert Lahmer aus dem Jahr 1889 und aus den Mitteilungen des Nordböhmischen Exkursionsklubs jener Jahre zitiert. Ein drittes Werk, das Fritz Dornau nutzte, ist „Ein deutsches Buch von Böhmen“ von Armand Paudler aus den Jahren 1894/1895.

Der vorliegende und ursprünglich in Sütterlin abgefasste handschriftliche Text wurde von mir transkripiert und dabei in seiner ursprünglichen Fassung belassen und lediglich behutsam der heutigen Rechtschreibung angepasst. Gekürzt wurden jedoch die zahlreichen Angaben zu Steuern und Abgaben, da sie durchweg in heute nicht mehr gebräuchlichen Währungen aufgeführt wurden.

Die Chronik findet sich auf den letzten Seiten des ältesten Kauf- und Gerichtsbuches von Königswalde, in dem am Schluß noch einige Seiten frei geblieben waren und von Fritz Dornau beschrieben wurden. Das Kauf- und Gerichtsbuches befindet nebst zahlreichen anderen Dokumenten im Deciner Archiv und ist so bis in unsere Zeit hinein erhalten geblieben.

Andreas Hille

Chronik

Wie Königswalde entstand, woher sein Name stammt, das alles beruht wohl auf Hypothesen. Die ganze Gegend war vor 1000 Jahren noch sumpfiger Urwald. Zu Ende des 12. und am Anfang des 13. Jahrhunderts erfolgte nun im böhmischen Niederlande die Einwanderung zahlreicher Colonistenzüge aus dem Markgrafenthum Meissen. Um diese Zeit nun dürfte auch Königswalde im „königlichen Walde“ entstanden sein. Man muß annehmen, dass die Besiedlung des böhmischen Niederlandes von verschiedenen Richtungen und zwar insbesondere von den betreffenden Hauptorten und kirchlichen Stühlen ausgegangen ist. Von Löbau kamen die Ansiedler nach Georgswalde, von Hohenstein-Sebnitz kamen sie nach Lobendau, Nixdorf, Schönau und Schluckenau, und von Bischofswerda wurde Röhrsdorf (b. Hainspach), Rosenhain, Kaiserswalde und Königswalde besiedelt. In kirchlicher Beziehung gehörte das ganze Gebiet bis zum 30jährigen Kriege unter das Bistum Meissen und unter verschiedene Erzpriesterliche Stühle (sedes genannt). So gehörten nach einer Urkunde vom Jahr 1346 die Orte Königswalde, Kaiserswalde, Rosenhain und Röhrsdorf zur Sedes Bischofswerda. Bei der Erbteilung Hinko II. v. Berka n. Dubas Tode 1410 erhielt Hinko III. auf Hohenstein die Herrschaft Schluckenau mit einem Antheil auch Königswalde.

Am 25.04.1434 belehnte Herzog Friedrich v. Sachsen, Herr der Herrschaft Schluckenau, die Gebrüder Nickel, Heinrich und Thame v. Luttitz mit den Dörfern Georgswalde, Königswalde, jeder halb.

Im Jahr 1451 kam die Herrschaft Schluckenau mit den Vasallen oder Lehensleuten, Hano und Thamme von Luttitz auf Königswalde und einem Theil auf Georgswalde an Albrecht v. Berka n. Duba.

Den 29.05.1467 erließ der Breslauer Legat Rudolf von Lawant ein Schreiben an die Pfarrer von Zittau und Görlitz, worin nebst anderen auch Siegmund von Hainwald zu Königswalde die ehemaligen Albrecht Berkaischen Besitzungen „wider Recht“ besetzt halten und und sie mit dem Kirchenstrafen bedroht würden.

1472 geben die Herzöge Ernst und Albrecht v. Sachsen, Herren der Herrschaft Schluckenau, das Dorf Königwalde mit der Hälfte des dortigen Gerichts dem Siegmund v. Warnsdorf und seinen Töchtern Margaretha, Magdalena und Anna zu einem Knechtlehen wie sie früher durch Herrn Christ. v. Warnsdorf, Herr auf Tetschen, belehnt gewesen waren. Zugleich sollte Sieg. v. Warnsdorf lebenslänglich das Recht haben, das genannte Dorf zu verkaufen oder zu vertauschen. Hierbei sei bemerkt, dass das Dorf Königswalde und namentlich das Schlösschen daselbst nach der Volkssage einigen Edelfräulein gehört haben soll. Es wäre möglich, daß nun diese Edelfräulein gefunden wären. Das ehemalige Schlössel stand an Stelle des Hauses Nr. 304.

Im Jahr 1481 verkauften die Herzöge von Sachsen die Doppelherrschaft Tollenstein-Schluckenau an den reichbegüterten sächsischen Obermarschall Hugold v. Schleinitz für seinen Sohn Heinrich, dem die Stadt Schluckenau samt den Dorfschaften bereits am 27. Mai zugewiesen wurde. Unter Hugold v. Schleinitz wurde in Leipa und Meissen über die Schluckenauer Salzstrasse verhandelt, dieselbe schon von Alters her von Hall, Stolpen, Neustadt, Schluckenau, Rumburg nach Leipa [führte]. Noch heutigen Tages findet man noch Spuren dieser alten berühmten Salzstrasse in den Köngswalder Waldungen gegen Rumburg zu.

Die Dorfschaften der Herrschaft Schluckenau erfreuten sich unter Heinrich v. Schleinitz großer Fürsorge, so gewährte er den Königswaldern 1512 nicht unbedeutende Robotermäßigungen.

Anno 1646 verkaufte Frau Kathe, Hansens Klingers Eheweib, Hansen von Keilingks (Kieling) Tochter und Besitzerin des Schlössels in Königswalde, einen baufälligen Teich für 16 Schl. M Bargeld an Herrn Georg v. Schleinitz, Besitzer der Schluckenauer Herrschaft.

Im Jahr 1555 hat in Königswalde die Pest arg gewüthet. Der Ort starb fast ganz aus.

Ernst v. Schleinitz, Besitzer der Herrschaft, errichtete in Königswalde einen Kretscham (Gasthaus) in Nr. 220.

Bei der Übernahme der Herrschaft Schluckenau am 10.04.1623 wurden im Meierhofe zu Königswalde inventarisch aufgenommen: 320 Schock Getreide, 67 Stück Rindvieh, 1384 St. Schafe und 7 Stück Hühner. An Zinsengefälle zum Termin „Walpurgis“ hatte Königswalde an die Herrschaft Schluckenau 6 Schock Groschen 24 Pf zu entrichten.

Während des 30jährigen Krieges ging das Rittergut mit der Ritterfeste zugrunde (1618-48).

Auch Königswalde wurde von der Reformation ergriffen und gehörte zur Seelsorge nach Spremberg in Sachsen. Noch heute heißt ein Fußweg dorthin „der Kirchsteg“. Einige Emporen in der Spremberger Kirche benennt man noch heute „die Königswalder Körbel“. Nach der Gegenreformation kam Königswalde zur Schluckenauer Seelsorge. Am 23.08.1657 bestimmte Graf v. Mannsfeld, Besitzer der Schluckenauer Herrschaft: Da die Schluckenauer den eingepfarrten Dorfschaften Königswalde, Kaiserswalde und Rosenhain von den von alters her obliegenden Schuldigkeiten ihr Bier aus dem Schluckenauer Stadtbräuhaus zu beziehen losgelöst haben, wurden die obgenannten Dorfschaften verpflichtet, ihren Wein, Branntwein und Holz einzig und allein nur von Schluckenau zu beziehen.

Nach dem am 19.08.1663 im Amt Schluckenau aufgenommenen Inventar von Sophie Agnes, Fürstin v. Dittrichstein als neue Besitzerin der Herrschaft Schluckenau, besaß Königswalde im Jahr 1663 1 Schänke (Nr. 220), 1 Forwerk (Meierhof), 1 Mahl- und 1 Brettmühle. Am 04.08.1665 ertheilte Sophie Agnes Dittrichstein der Dorfschaft Königswalde die Conzession des Salz- und Brantweinhandels. Im Jahr 1677, 16/2, wurde durch Phil. Siegm. Grafen von Dittrichstein obiges Privilegium wieder benommen. Den sehr erträgliche Salzhandel betrieb die Herrschaft selbst.

Während des Bauernaufstandes vom Jahre 1680 nahm derselbe auf der Schluckenauer Herrschaft mit Ausnahme von Königswalde nicht jene Dimensionen an wie auf der Hainspacher Herrschaft. Im Jahr 1680 verbreitete sich von Prag aus die Pest auch über unseren Ort. An den meisten Orten Böhmens wüthete sie.

Anno 1760 ließ Ferdinand Bonaventura, Graf von Harrach, Besitzer der Herrschaft Schluckenau, die abzugebenen Geldabgaben und Robothschuldigkeiten abfassen und sind solche wie folgt verzeichnet.

Königswalde hatte folgendes zu leisten:

An Erbzins, Jagdgeld und andere Zinse haben zu geben das Dorf Königswalde 128 Thl 16 4 ½ kf.

Fernere Bestimmungen waren:

Die Kaiserswalder und Königswalder Häusler sind schuldig, der Obrigkeit auf dem Schloß zu Schluckenau einen Wächter bei der Nacht zu halten. Die Kaiserswalder Häusler aber sind verbunden auf dem Königswalder Meierhofe alljährlich das Getreide gegen Verabfolgung von 3 Strich guten Korns einzupansen, solches auch gegen den 13. Theil Dreschermaaß auszudreschen, es werden jährl. 12 Drescher benöthigt.

Die Kaiserswalder Häusler müssen im Königswalder Meierhofe die Siede oder Häckerling schneiden und jeder des Tages 12 Körbe voll fertigen, wofür 1 Robottag abgerechnet wird.

Die Königswalder Häusler waren verbunden, zechweis jährlich 24 das obrigkl. Getreide einzupansen und auszudreschen. Mit obrigkeitl. Dekret von 1739 wurden sie von dieser Schuldigkeit befreit, dagegen die Kaiserswalder Häusler wegen einiger gegen die Obrigkeit begangener Halsstarrigkeit und Ungehorsam zur Strafe zur Verrichtung bemelter Arbeit verordnet. Daher zahlen die 24 Königswalder für die Befreiung jeder 2 ggr. in Summa 3 fl.

Aus gleicher Ursach wurden 1739 die Königswalder Häusler vom Siedeschneiden befreit, wofür vor 152 Täge a 4 ½ Pf 9 fl 30 kr. zu zahlen.

Die Königswalder Bauern sind zu den obrigkl. Fuhren in 20 Züge eingetheilt.

Der Königswalder Müller bekam wegen cassirten 2 Teichen (Lindt- und Waldteich, welche durch den jetzigen Herrschaftsbesitzer Grummt in den 70 oder 80 Jahren wieder angeschannt [?] wurden) 2 Scheffel 1 Viertel Acker von der Obrigkeit zur Nutzung, wofür er jährlich 10 ggr 6 Pf. an die obrigk. Renten zu zahlen hat.

Jede Magd im Meierhof dienend muß der Obrigkeit 3 Stück Garn spinnen oder 12 ggr zahlen.

Sophie Agnes [Fürstin] von Dittrichstein gewährte den Königswalder 10 Häuslern am 25. Mai 1666 frei 3 Stück Rindvieh auf ihnen angewiesenen Meierhofshutungen zu treiben.

Die Mahlmüller zahlten jährlich für Pacht, Hühner-, Eier-, Schweinemast-, Jagdhund- und Bretthölzerplangeld und zwar der Königswalder Boxmühle und der Königswalder „neue Mühle“ je 58‘30 fl.

Die in dem Königswalder Meierhofe dienenden „Mentscher“ (Mägde) muß jede jährlich 3 Stück Garn spinnen oder bei dessen Verschonung für jedes Stück 15 Kr in die Renten zahlen.

Im Baierischen Erbfolgekriege lagerte am 30.7.1778 das Bellingsche Regiment (Preußen) in Königswalde. Als im Jahr 1779 Kaiser Josef II das nördliche Böhmen bereiste, passierte er am 20. September 1779 von Ebersbach kommend Königswalde. In der Nähe des Meierhofes wurde er von den Schluckenauern Dominikalbeamten und einer großen Menge Volkes empfangen.

In den früheren Zeiten, als die Leinwandindustrie im böhmischen Niederlande blühte, wurde auch der Flachsbau, der jetzt fast gar nicht mehr betrieben wird, sehr gepflegt.

Gans besonders cultivierte im böhmischen Niederland den Flachsbau Königswalde. Alle Flächen, die nicht unbedingt zu den nothwendigsten Feldfrüchten bebaut werden mußten, benützte man zum Flachsbau. Knechte wie Mägde der Landwirte bedangen und erhielten als theilweise Entlohnung hergerichtetes Ackerland zur Anpflanzung von Flachs. In Königswalde hatte eine Magd 2 halbe Viertel Flachsfeld, das sind 2 Beete Acker, jedes 150 Schritte lang.

Auch Garn- und Flachsbleichen bestanden in Königswalde. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bestand im Haus Nr. 220 eine Druckerei und eine Bleiche. Ebenso wurde noch um dieselbe Zeit bei dem Hause Nr. 54 gebleicht.

Während des Befreiungskrieges 1813 hatte Königswalde durch Preußendurchmärsche, Einquartierungen, Preußendurchzüge und Plünderungen viel zu leiden. Am 18. August 1813 hatten sich die Franzosen in Nieder-Königswalde gelagert und gingen am 19. August nach Schluckenau. Am 24. August kam die Vandammische Armee 100.000 Mann wieder eiligst nach Schluckenau, welche, ohne Aufenthalt zu nehmen, nach Sachsen zogen. In Königswalde wurde fast das ganze Vieh geraubt. Am 2. September kamen Franzosen und Pollaken an. Am anderen Tage kamen 200 Mann kaiserl. und preuß. Militär sowie Kosaken in die Nähe. In Neusalza war auch kaiserliches und russisches Militär, welche von einem Hügel bei Königswalde (Kreuzberg) in der Nacht zuvor in das polnische Lager bei Schluckenau geschossen hatten. Da marschierten die Polen über Königswalde nach Neusalze.

Während dieses Krieges flüchteten viele Einwohner in die Wälder und hielten sich 3-6 Wochen daselbst auf.

Am 1. Juli 1892 kam die Finanzabteilung nach Königswalde. 5 Mann.

Im Jahr 1887 erbaute Ed. Jungnickel das Schützenhaus.

Im Jahr 1888 wurde vom Nordböhmischen Gebirgsverein auf dem Jüttelberg ein hölzerner Aussichtsturm und vom Eigenthümer Johann Nagel am Waldessaum eine Restauration erbaut, welche Restauration im Jahr 1894 durch einen Anbau bedeutend vergrößert wurde.

Im Jahr 1892 erbaute Johann Zenkner an der Rumburger Straße eine große Sommer- und Waldrestauration mit geräumigem 8-eckigem Saale. Diese Restauration wie auch die Jüttelberg Restauration wurden von Touristen und namentlich von Sachsen des Sommers sehr stark besucht. Im Jahr 1893 wurde die Schule durch einen Anbau erweitert und kostete dieser Erweiterungsbau die Gemeinde 14.369 fl.

Königswalde im März 1895 Franz Dornau