Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Das Steinkreuz von Oberschönau

Die uns geläufigen und allgemein bekannten Flur- und Wegekreuze im Nordböhmischen Niederland sind beeindruckende Zeugnisse einer tiefen Volksfrömmigkeit und vor allem in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts bis tief ins 19. Jahrhundert hinein entstanden. Ihre Geschichte ist gut erforscht, soweit dies die Quellenlage überhaupt zulässt. Zusammenfassend sei hier auf das nachstehend genannte umfangreiche Werk über eine „Landschaft von geschmiedeten Kreuzen“ (so die deutsche Übersetzung des Titels) verwiesen. Allerdings soll heute ein Kreuz völlig anderen Typs vorgestellt werden, das Steinkreuz von Ober-Schönau. Steinkreuze von diesem Typ sind mittelalterlich und damit um mehrere Jahrhunderte älter als die vorgenannten Flur- und Wegekreuze. Im Nordböhmischen Niederland ist mir nur noch ein einziges weiteres Steinkreuz bekannt, jenes aus Zeidler, das auch heute noch vor dem Grundstück c.p. 266 an der kleinen Nebenstrecke nach Herrnwalde steht. Anders als jenes in Oberschönau scheint das Steinkreuz von Zeidler noch sehr gut erhalten. Man kann die ursprüngliche Kreuzesform sehr gut erkennen. Beim Steinkreuz in Schönau scheinen die Kreuzesarme arg abgearbeitet zu sein und es ist nur noch ein Rumpf vorhanden.

Steinkreuze sind in den mitteldeutschen Ländern gang und gäbe, sie finden sich in nahezu jeder Gemarkung. Wir dürfen nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, dass es auch im Nordböhmischen Niederland einst zahlreiche weitere Steinkreuze gegeben haben wird, die allerdings die Zeiten nicht überdauert haben.

Mittelalterliche Steinkreuze sind bedeutende Rechtsdenkmale. In der Regel künden sie von einer Untat genau an dieser Stelle, wo sie heute noch stehen. Das kann ein Mord oder ein Totschlag gewesen sein, oder etwas ähnlich dramatisches. Zur Buße mußte der geständige Täter als Mahnmal ein Steinkreuz errichten, oft war in die Oberfläche des Steinkreuzes als Symbol auch die Tatwaffe eingeritzt, meist ein Messer, zuweilen auch eine Axt oder dergleichen. Damit war allerdings auch die Gerechtigkeit wieder hergestellt, der unseelige Kreislauf von Rache und Vergeltung war durchbrochen und die Familien enthielten sich von nun an jeglicher weiterer Racheaktionen. Wichtig ist damit besonders der topographische Ortsbezug eines jeden Steinkreuzes. Ein Versetzen eines Steinkreuzes ist nur schwer zu rechtfertigen, denn es markiert ja genau diesen Ort der ruchlosen Tat und das Geschehene wird damit der Vergessenheit entrissen.

Das Steinkreuz von Oberschönau ist ebenso wie jenes aus Zeidler als Kleindenkmal in die Denkmalliste des Landes eingetragen.

Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg haben sich mit den Steinkreuzen zuweilen sagenähnliche Geschichten verknüpft, da sich die ursprünglichen Hintergründe in der Regel nicht erhalten haben, sondern in Vergessenheit geraten sind. Zum Steinkreuz von Oberschönau sind leider keine Sagen bekannt oder überliefert. Vielmehr muß man sogar bezweifeln, dass das Steinkreuz überhaupt über den engeren regionalen Bezug hinaus in Schönau bekannt gewesen war. Zumindest habe ich bislang das Steinkreuz nirgends erwähnt gefunden, weder in der heimatkundlichen Literatur noch in den wissenschaftlichen Werken wie der politischen Heimatkunde von J. Fiedler von 1898.

Das Steinkreuz von Oberschönau ist damit das älteste erhalten gebliebene geschichtliche Zeugnis in der Gemarkung von Groß Schönau, viel älter als die Ortskirche und alle anderen Gebäude. Als Geschichtsdenkmal ist es nur noch vergleichbar mit der uralten topographischen Fluraufteilung und den historischen Ackerrainen, die noch aus der Entstehungszeit unserer Dörfer herrühren.

Steinkreuz von Oberschönau [Aufnahme M. Turyna, VS]
Standort des Steinkreuzes in Oberschönau [Quelle: https://ags.cuzk.cz/archiv/]
Steinkreuz von Zeidler [Aufnahme M. Turyna, VS]

Literatur/Quellen:

Jiří Belis / Natalie Belisová / Petra Červinková, Krajina kovaných křížů, Prag 2015.

https://www.drobnepamatky.cz/smirci-kriz