Beschreibung des Titelblatts: Deckblatt des Urbar von 1574 im Gebietsarchiv Decin
Dem geübten Genealogen und Familienforscher sind Sinn und Wesen von Urbaren wohl vertraut, so dass ich statt einer Einleitung auf die Ausführungen in den Standardwerken zur Genealogie verweisen kann.1 Gegenstand dieser Untersuchung sind konkret 6 Urbare der ehemaligen Herrschaft Hainspach2, die vom Staatlichen Gebietsarchiv Leitmeritz über deren Onlineplattform den Heimat- und Familienforschern dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt werden.3
Für das Untersuchungsgebiet befinden sich im Leitmeritzer Zweigarchiv Decin 6 Urbare (Details siehe Tabelle 1). Das sind im Einzelnen sortiert nach ihrer Inventarnummer:
A Inv.-Nr. 188 1574 426 Folien 418 Digitalisate
B Inv.-Nr. 192 N (1668) 626 Folien 326 Digitalisate
C Inv.-Nr. 248 1668 516 Folien 457 Digitalisate
D Inv.-Nr. 2264 1668-1695 425 Folien 413 Digitalisate
E Inv.-Nr. 2265 1574 295 Folien 282 Digitalisate
F Inv.-Nr. 2288 1668 (1719) 372 Folien 315 Digitalisate
Die Urbare gliedern sich in zwei Gruppen; das sind zum einen jene, die sich auf das Jahr 1574 beziehen: A (Inv.-Nr. 188) und E (Inv.-Nr. 2265), sowie zum anderen die 4 übrigen mit Bezug auf das Jahr 1668.
Urbar A stammt aus dem Jahr 1574 und stellt somit für dieses Gebiet das älteste erhaltene Urbar dar. Die Grundeigentümer sind, anders als bei der zweiten Gruppe, nicht getrennt in den Kategorien „Bauern – Gärtner – Häusler“, sondern offenbar recht einheitlich gemäß ihrer räumlichen Anordnung aufgeführt4. Urbar A führt neben den Grundstückseigentümern des Jahres 1574 auch einige nachgetragene jüngere Eigentümer auf, wobei in der Regel der jüngste Nachtrag etwa dem Jahr 1677 zuzuordnen ist. Grundlage für das Urbar A waren offenbar mehrere alte Erbregister, die wohl nicht mehr erhalten sind5.
Das Urbar A von 1574 ist etwa 100 Jahre später wortgetreu abgeschrieben worden (Urbar E). Die Lesbarkeit dieser Kopie ist ausgesprochen gut und damit ist auch das Urbar von 1574 selbst sehr gut zu erschließen. Allerdings wurden die Namen der Besitzer aus A nicht übertragen, sondern es wurden in dieser Abschrift allein die Besitzer von 1677 angegeben6.
Die zweite Gruppe Urbare eint der Bezug auf das Jahr 1668.
Die Urbare C und D verfügen über ein gleichlautendes Vorwort7, wonach die Urbare nach Ableben des hochwohlgeborenen Herrn Carl Adam Graf zu Mansfeld8 angelegt worden seien. Erwähnt wird dabei das Urbar von 1574 (A), das „von neuem aufgerichtet und in eine wahrhafte Ordnung gebracht worden sei“ 9. Die wortgleichen Vorbemerkungen von C und D unterscheiden sich überraschend deutlich in der Angabe der Erstellung des Erbregisters: nämlich Urbar D „Walpurgis 1668“, also der 30.04.1668; Urbar C dagegen „Michaelis 1668“, also der 29.09.1668, mithin ein Unterschied von 5 Monaten.
Im Folgenden sollen einige Thesen zur chronologischen Abfolge der inhaltlich sehr ähnlichen Urbare B, C, D und F vorgetragen werden10.
Hilfreich für die Untersuchung sind z. B. die Eintragungen zum Dorf Zeidler, die laut Eintrag in den Urbaren D und F mit Stand vom 14. September 1695 nachgetragen wurden. Die Eintragungen der Namen und der Abgaben gleichen sich bei D und F bis auf wohl 99 %. Unterschiede zeigen sich nur in ganz wenigen Namenseintragungen wie z. B. F Grohma / D Grohman; F Fridrich / D Friedtrich; F Bartell Rösler / D Barthel Rößler. Die Schreibweisen in F muten in diesem Vergleich dabei etwas alterthümlicher an. Es scheint also, dass der Abschreiber des Urbar F die Schreibweise der Namen im neuen Urbar D behutsam angepaßt hat.
These 1: F ist älter als D
Bleiben wir noch etwas beim Dorf Zeidler: Auch die Urbare C und F weisen zueinander eine große Ähnlichkeit auf. Allerdings wird im „Inhalts“-Verzeichnis von C auf Folie 3 darauf verwiesen, dass ab Folie 906 der Ort Zeidler aufgeführt wird. Leider endet das Digitalisat derzeit mit Folie 890, so dass nicht zu erkennen ist, ob Urbar C tatsächlich Angaben zu Zeidler enthält.
Beim Urbar F ist ein Inhaltsverzeichnis nicht erhalten, der Ort Zeidler wurde jedoch ausweislich der Eintragung auf S. 342 (Folie 304) mit Stand 1695 im Urbar nachgetragen worden, muß also vermutlich ursprünglich gefehlt haben.
These 2: F ist älter als C
Ein hilfreiches Unterscheidungsmerkmal ist die Zahl der Häusler, die in den Urbaren aufgeführt werden. Hier ist zunächst ein kaum merklicher und dann ein erheblicher Zuwachs zu erkennen11.
These 3: C undF sindälter als D und D ist älter als B
C und D sind demnach beides Abschriften von F, wobei deutlich eine größere Nähe von C zu F als von D zu F festzustellen ist. So werden z. B. bei Schönau in C an mehreren Stellen gleichlautend mit F frühere Besitzer von Grundstücken angegeben, die bei D schon nicht mehr aufgeführt werden.
Auch in der Schreibweise der nachgetragenen, jüngeren Eigentümer treten Abweichungen zwischen den Urbaren C und D auf, die ähnlich wie beim oben dargestellten Vergleich der Zeidler Namen auf eine ältere Erstellung des Urbars C gegenüber D verweist.
Eine eindeutige Abhängigkeit ist zwischen Urbar D und B festzustellen, insofern, dass B die Ersteinträge aus D übernimmt und weitere Besitzer bis in die Zeit der Mitte des 18. Jahrhunderts nachträgt.
These 4: D ist älter als B
Zusammenfassung
Urbar A stammt aus dem Jahr 1574 und ist 100 Jahre später abgeschrieben worden (Urbar E).
Das älteste12 Urbar der zweiten Gruppe ist F. Möglicherweise ist es noch vor 1662, dem Sterbejahr des Grafen von Mansfeld, abgefasst worden.13 Die Urbare C und D sind Abschriften von F, wobei C um weniges älter14 sein muß als D.15
Als jüngstes Urbar ist B anzusehen, hierbei ist eindeutig Urbar D die Vorlage gewesen.
Genealogischer Ausblick
Sowohl die Urbare C und D als auch das etwas jüngere B führen neben dem jeweils Erstbesitzer weitere spätere Besitzer auf, die eine vortreffliche Basis für spezifisch genealogische Überlegungen bilden können. Die Verknüpfung mit den Urbaren A und E läßt dann gelegentlich auch einen Sprung in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zu, also einer Zeit, die für das Gebiet der Herrschaft Hainspach weit vor den ältesten erhaltenen Kirchenbüchern16 liegt.
Tabelle 1 Urbare der Herrschaft Hainspach im staatlichen Gebietsarchiv Leitmeritz; Ortsindex
In Klammern ab Seite des Digitalisat im Onlinearchiv (abgerufen am 22.09.2021)
| A | B | C | D | E | F | |
| Jahr lt. Archiv | 1574 | (1668) | 1668 | 1668 (1695) | 1574 (1677) | 1668 (1719) |
| Inv.-Nr. | c 188 | c 192 | c 248 | c 2264 | c 22651 | c 22882 |
| Hains-pach | 5 (4) | 8 (2) | 10 (12) | 9 (10) | 17 (10) | 8 (3) |
| Wölms-dorf | 41 (44) | 54 (35) | 65 (63) | 67 (67) | 69 (36) | 56 (48) |
| Nieder-einsiedel | 61 (64) | 66 (54) | 98 (85) | 92 (88) | 97 (50) | 80 (67) |
| Oberein-siedel | 81 (84) | 89 (72) | 142 (103) | 113 (106) | 120 (63) | 98 (82) |
| Neudör-fel | 97 (98) | 110 (89) | 180 (119) | 133 (123) | 142 (73) | 115 (96) |
| Loben-dau | 119 (120) | 127 (106) | 228 (139) | 155 (142) | 173 (88) | 132 (110) |
| Hilgers-dorf | 170 (168) | 188 (156) | 341 (193) | 207 (191) | 246 (125) | 168 (143) |
| Röhrs-dorf | 213 (210) | 242 (184) | 427 (232) | 250 (231) | 302 (153) | 199 (170) |
| Schönau | 232 (239)3 | 261 (193) | 457 (245) | 265 (244) | 324 (164) | 211 (180) |
| Nixdorf | 290 (287) | 333 (230) | 609 (316) | 329 (303) | 403 (203) | 256 (222) |
| Zeidler | 398 (391) | 466 (283) | –4 | 430 (403)5 | 529 (266) | 342 (304)6 |
| Register | 419 (411) | 555 (279) | 352 (314) |
Tabelle 2
Urbare der Herrschaft Hainspach im staatlichen Gebietsarchiv Leitmeritz; Ortsindex
die Häusler
| A | B | C | D | E | F | |
| 1574 | (1668) | 1668 | 1668 (1695) | 1574 (1677) | 1668 (1719) | |
| c 188 | c 192 | c 248 | c 2264 | c 2265 | c 2288 | |
| Hains-pach | 30 | 30 | 34 | 30 | ||
| Wölms-dorf | 59 | 19 | 19 | 19 | ||
| Nieder-einsiedel | 57 | 8 | 10 | 8 | ||
| Ober-einsiedel | 51 | 19 | 21 | 19 | ||
| Neu-dörfel | 23 | 14 | 14 | 14 | ||
| Loben-dau | 134 | 38 | 42 | 38 | ||
| Hilgers-dorf | – | 41 | 43 | 41 | ||
| Röhrs-dorf | – | 5 | 6 | 5 | ||
| Schönau | – | 86 | 87 | 86 | ||
| Nixdorf | 224 | ohne | 224 | |||
| Zeidler | 151 | – | (63) | ohne | ||
| Schrift | leidlich | leidlich | leidlich | Geht so | ||
| Namen | Mehr weitere | ohne | weitere | ohne |
Abfolge: F → C → D → B
Anmerkungen zur Tabelle 1
1 Zu diesem Urbar liegt im Gebietsarchiv Decin eine maschinenschriftliche Abschrift von A. Hesse vor (R-2498).
2 Die Seiten 1-5 fehlen.
3 Bei Schönau ist das Digitalisat durcheinander gekommen. Schönau beginnt bei (239), die Digitalisate ab (229) gehören ebenfalls zu Schönau, stellen jedoch die Folien ab 245 ff. dar.
4 Zeidler wird in den Vorbemerkungen für ab Folie 906 angezeigt, allerdings endet das Digitalisat bereits mit Folie 890.
5 Zeidler wurde erst 1695 nachgetragen.
6 Zeidler wurde erst 1695 nachgetragen, mit Ergänzungen zu Wolfsberg, Langengrund und Schnauhübel.
Abbildungsnachweis:
Abb. 1 Petr Karlíček / Jan Němec 2016, S. 22 oben
Anmerkungen zur Tabelle 2
1 Hier eine kleine Auswahl an Einstiegsliteratur: http://wiki-de.genealogy.net/Urbar_(Verzeichnis) https://de.wikipedia.org/wiki/Urbar_(Verzeichnis) https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Urbare
2 Räumlich ist die Herrschaft Hainspach in etwa identisch mit dem seit 1850 gebildeten Gerichtsbezirk Hainspach: https://de.wikipedia.org/wiki/Gerichtsbezirk_Hainspach
3 http://vademecum.soalitomerice.cz/vademecum/SearchBean.action?searchType=basic
4 Für (Groß)Schönau gibt es allerdings einige kleine Abweichungen von diesem Schema, die Ursache dafür konnte bislang nicht geklärt werden.
5 Siehe Vorwort zum Urbar A (Inv.- 188), Abb. 1
6 Von diesem Urbar hat Lehrer Alfred Hesse aus Wolfsberg 1944 eine stark schematisierte, maschinenschriftliche Abschrift angefertigt (Kreiarchiv Decin R-2498, bislang leider nicht online verfügbar).
7 Auch Urbar F könnte über ein Vorwort verfügt haben, allerdings sind hier die ersten 5 Seiten nicht erhalten geblieben. Ausweislich des Digitalisates hat Urbar B vermutlich kein gesondertes Vorwort enthalten, vielmehr beginnt der Text gleich mit der Beschreibung der Herrschaft Hainspach.
8 Carl Adam Graf zu Mansfeld, Herr zu Schluckenau und Hainspach (* 1629 Schluckenau; + 30.05.1662 bei Bremen), siehe: https://dewiki.de/Lexikon/Stammliste_des_Hauses_Mansfeld#16 (abgerufen: 23.09.2021). Nicht geklärt werden kann in diesem Zusammenhang die Bemerkung im Vorwort der Urbare, wonach das Erbe an die Nachkommen seiner Frauen Schwester Gräfen Trauthson gefallen sei, hier sind noch weitere genealogische Forschungen notwendig.
9 Das Archiv Leitmeritz hat die jeweiligen Vorworte transkripiert und in der Datenbank wortgetreu wiedergegeben.
10 Auf chronologische Unterschiede hat schon K. Richter (1960, S. 51) hingewiesen. Da Richter die genaue Quellenangabe zu den beiden von ihm ausgewerteten Urbaren nicht angibt (ebenda S. 53), seien sie an dieser Stelle nachgetragen: „Urbar 1664“ ist Inv.-Nr. 248 (hier Urbar C) „Urbar 1668“ ist Inv.-Nr. 2264 (hier Urbar D).
11 z. B. Niedereinsiedel (siehe Tabelle 1): Urbar F und C je 8 Häuser; Urbar D 10 Häuser; Urbar B 57 Häuser; ähnliches kann auch für Schönau und Hainspach festgestellt werden.
12 Nicht geklärt werden konnte, ob F seinerseits eine Abschrift eines verlorengegangenen älteren Urbars sein könnte.
13 Urbar F scheint auf jeden Fall einige Jahre vor 1665 geschrieben worden zu sein, da z. B. in Hilgersdorf der 13. Bauer bis Walpurgis 1665 von allen Diensten befreit sei, eine Aussage, die in die Zukunft reicht. Konsequenter Weise findet sich diese Anmerkung dann nicht mehr im Urbar B, welches als jüngstes Urbar anzusehen ist.
14 Das korrespondiert mit den Überlegungen von K. Richter (1960, S. 51), wonach auch Urbar C bereits 1663/1664 angelegt worden sei.
15 Diese These widerspricht sich allerdings mit den Erstellungsangaben in den jeweiligen Vorworten.
16 Hainspach ab 1656, Schönau ab 1653, Zeidler ab 1675 http://vademecum.soalitomerice.cz/vademecum/
Literatur:
Petr Karlíček / Jan Němec: Mikulášovice / Nixdorf. dlouhá historie nejdelšího města českého severu (Mikulášovice 2016)
Karl Richter: Geschichte des Niederlandes. Die Besiedlung (Sonthofen 1960)
