Geschichte der Nickelblechfabrik Hille & Müller in Groß-Schönau, Böhmen, mit Zweigfabriken in Porschdorf bei Bad-Schandau, Sachsen, und Düsseldorf-Reisholz, Rheinland
Zur Geschichte des bedeutenden Industrieunternehmens Hille & Müller, welches seine Wurzeln im Nordböhmischen Groß Schönau hat, und seine überregionale Bedeutung als erste galvanisch tätige Firma in Österreich-Ungarn, wenn nicht gar weltweit, gibt es eine umfangreiche Literatur. Stellvertretend sei hierfür die Notiz von E. Marschner im „Heimatkreis Schluckenau 1977“, S. 165 und S. 183, genannt. Die auch heute noch als Hille & Müller GmbH wirkende und zu „Tata Steel Nederland“ gehörende Firma betreibt gegenwärtig in Düsseldorf weiterhin ein Kaltwalzwerk und bezeichnet sich als Marktführer für kaltgewalzte und galvanisch veredelte Stahlbänder, die z. B. für Batterien, Benzinleitungen und in sonstigen Elektrogeräten verwendet werden.
Eine Gesamtfirmengeschichte scheint noch nicht geschrieben worden zu sein. Daher soll im heutigen Beitrag die Gründergeneration, vielmehr der Juniorchef Josef Müller jn. (1884-1955) selbst zu Wort kommen dürfen, der anläßlich der Abnahme des Schönauer Kirchturmknopfes im Jahr 1935 folgenden Bericht schrieb:
Als Sohn des Gründers dieser Firma, die sich seit ihrem Bestehen vom Jahre 1883 bis heute zu einer immerhin bedeutenden Höhe emporgearbeitet hat, fühle ich mich veranlasst, künftigen Generationen unseres Heimatortes einen Aufschluss zu geben, wie unser Unternehmen, dessen Geschäftsführung mir in der Gegenwart zum grossen Teile obliegt, entstand und unter welchen Verhältnissen die Entwicklung desselben seit seiner Gründung vor sich gegangen ist.
Gegen Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts kam mein Vater, Josef Müller, geb. 3. Dezember 1853 in Schönau No. 53, von seinen Wanderjahren aus der Schweiz und Deutschland, zuletzt Löbau in Sachsen, wieder nach Schönau zurück und war als Werkmeister bei der Firma von Dominik Liebisch, wie in den Kirchturmdokumenten aus dem Jahr 1878 von Dominik Liebisch selbst erwähnt, angestellt. Unter den primitivsten Verhältnissen versuchte er dort, mit galvanischen Elementen kleine Zinkblechstücke zu vernickeln, aus denen die Firma Liebisch Nickelknopfmuster herausbrachte, die großen Anklang fanden.
Diese ersten Proben wurden in den Kellerräumen des Wohnhauses No. 325, seinerzeit Dominik Liebisch, heute Landwirt Joh. Rud. Hille, vorgenommen. Die gute Aufnahme solchen Materials für Knöpfe verschiedener Art brachte meinem Vater die Ueberzeugung, dass die Herstellung von verfeinerten Zinkblechen ein lebensfähiges Gewerbe für ihn ergeben würde, weshalb er in der Fabriksrealität der Firma August Liebisch Söhne, No. 127, in einem Kellerräume mit einer kleinen, dort bestehenden Wasserkraft in ganz bescheidenem Umfange begann, Zinkbleche auf dynamo-elektrischem Wege zu vernickeln.
Auf dieses Gebäude (No. 127) lautet auch die erste Konzession: „Vertrieb der Galvanisierung von Zinkblechen“ laut Gewerbeschein vom 5. Oktober 1883 der k.u.k. Bezirkshauptmannschaft Schluckenau.
Der Artikel erwies sich, Dank seiner günstigen Aufnahme in der Gablonzer Knopf- und Bijouterie-Branche, als entwicklungsfähig und bald reichte die kleine Wasserkraft und der meinem Vater zur Verfügung stehende kleine Kellerraum nicht mehr aus, so dass er sich zu einem Umzuge in die damals schon leergewordene Holzstiftlfabrik in Leopoldsruh entschliessen musste, wo er bereits eine kleine Dampflokomobile aufstellte und die Erzeugung dadurch vergrössern konnte.
Als 2 Jahre später Herr Julius Hille, geb. 29. September 1860 in Schönau No. 274, der Sohn des alten Herrn Johann Hille (Gründer der Firma Hille & Sohn, Hainspach, genannt „Knoppmacher“), von seinem Pariser Aufenthalte in Schönau auf Urlaub weilte, fanden sich Techniker und Kaufmann zusammen und gründeten am 24. März 1885 gemeinsam die Firma Hille & Müller, Schönau bei Schluckenau, welche Firma als solche am 9. November 1887 beim Kreisgerichte in Böhm.-Leipa protokolliert wurde.
Mit fremden Mitteln wurde nun auf dem Gelände des heutigen Betriebes ein kleiner Fabriksbau errichtet und in glücklicher Ergänzung ihrer ausgesprochen technischen und kaufmännischen Fähigkeiten gelang es beiden Männern auch bald, mit zähem Fleisse und unermüdlicher Ausdauer das Unternehmen weiter auszubauen.
Der Brand des kaum 3 Jahre arbeitenden Betriebes im Jahre 1888 und noch mancherlei andere Missgeschicke wurden bald überwunden und schon im Jahre 1890 konnte an die Gründung des ersten reichsdeutschen Filialbetriebes in Porschdorf, Sachsen, geschritten werden.
Deutschland war das grössere Absatzgebiet als die damalige österr.- ung. Monarchie und man erweiterte dort das Fabrikationsprogramm auf Eisen- und Weissbleche, die in vielseitiger Ausführung, in galvanisierter, lackierter und dessinierter Form überall guten Absatz fanden und das Unternehmen im Jahre 1905 in die Lage setzten, ein weiteres Tochterunternehmen im Rheinland, dem Zentrum der Kohle- und Eisenindustrie, und zwar in Düsseldorf_Reisholz zu gründen, welchem Werk im Jahr 1910 auch ein Kaltwalzwerk zur Herstellung der in grossen Mengen benötigten Eisenbänder angegliedert wurde.
Am 11. juni des Jahres 1917 starb mein Vater und überliess mir, damals Dreiunddreissigjährigem, der ich als Offizier im k.u.k. österr. Ulanenregiment No. 1 an der russischen Front stand, die technische Leitung unseres Unternehmens.
Nicht unerwähnt kann ich lassen, dass unser Prokurist, Herr Franz Josef Richter, geb. 13. Februar 1873 in Hainspach, in vielfältiger, treuer Mitarbeit einen ausschlaggebenen Anteil an dem Emporwachsen unseres Unternehmens genommen hat; leider wurde uns Herr Richter am 6. April durch den Tod entrrissen.
Der mittlerweile schon 75jährige Mitgründer unseres Hauses, Herr Julius Hille, ist infolge seines hohen Alters und seines jahrzehntelangen unermüdlichen Schaffens für unser Haus heute leider nicht mehr imstande, an der Mitarbeit und der Leitung unseres Unternehmens teilzunehmen und hat dessen Schwiegersohn, Herr Fritz Setzer, geb. am 15. September 1881 in Alstadt b. Tetschen, der bereits seit 1906 als Prokurist tätig war, seit 1919 als mein Kompagnon und als Nachfolger im Stamme Hille, die vorwiegend kaufmännische Leitung unserer Firma.
Seit 1932 ist auch mein Neffe, Dipl.-Ing. Laurenz Müller, der Sohn meiner Schwester Marie Müller und ihres Gatten, Laurenz Müller, Fabrikanten in Gross-Schönau, Böhmen, als technischer Leiter unseres rheinischen Werkes und seit 1934 als Teilhaber an unseren beiden reichsdeutschen Unternehmungen tätig.
Unser Haus besteht demnach heuer gerade 50 Jahre!
Aus ganz schlichten Anfängen heraus haben wir es heute bis zu dieser Bedeutung gebracht und beschäftigen zusammen gegenwärtig ungefähr 700 Angestellte und Arbeiter; wir erreichten im Jahr 1934 eine Jahresproduktion von rund 12 Millionen Kilogramm, das sind 1200 Waggons, in allen 3 Werken.
Wir halten uns trotz bestehender grossen Konkurrenz im In- und Auslande mit unseren Leistungen und Qualitäten noch immer an erster Stelle. Möge auch für die weitere Zukunft ein glücklicher Stern über unserem Hause walten, zum Wohle unserer Familien und nicht zuletzt auch zum Wohle unserer Heimatgemeinde Gross-Schönau, Böhmen)
Groß Schönau, Böhmen, 28. September 1935 Jos. F. Müller
Anmerkungen:
Johann Hille, Knopffabrikant in Schönau Nr. 274, war auch in der Firma seines Sohnes Julius Hille tätig. So errichtete er Ende des Jahres 1884 auf dem benachbarten Grundstück in Nieder-Schönau Nr. 275 eine neue Fabrik mit Dampfkraft, worin vernickeltes Zinkblech erzeugt werden sollte und deren Eröffnung für das Jahr 1885 geplant war. Das war jenes Gebäude, welches im Jahr 1888 durch Brand vernichtet wurde.
Die Fabrik in Porschdorf in der Sächsischen Schweiz wurde auf dem Areal der ehemaligen Frinzthalmühle am Fuße der Brandscheibe erbaut und existierte noch viele Jahre als VEB.
Julius Hille hat 1903 die Villa am Urberg errichtet, Groß Schönau Nr. 420.
Josef Müller errichtete in Schönau Nr. 460 die Villa am Ende der Schützenhausstraße.
Aus den 20iger Jahren des vergangenen Jahrhundert liegen zahlreiche Notgeldscheine der Nickelblechfabrik Hille & Müller vor, die vom Werk in Düsseldorf-Reisholz herausgegeben worden waren.






Grabstätte der Familie Julius Hille




