Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Augustin Hille

Aus dem Leben meines Urururgroßvaters

Augustin Hille (1809-1855)

Unser Vorfahre Augustin Hille war ein Schönauer Bandfabrikant der zweiten Generation. Sein Vater Franz Josef Hille, Bandfabrikant und Schulaufseher in Schönau Nr. 114, war gemeinsam mit seinem Bruder Ambros Hille Inhaber der Firma Gebrüder Hille in Schönau. Zu einem noch nicht geklärten Zeitpunkt trennten sich die Brüder und jeder machte seine eigene Firma auf. Als Augustin am 05.10.1809 geboren wurde, war der Vater noch Bandweber bzw. Schnürenmacher und lebte in Niederschönau Nr. 271, das er am 14.06.1806 nebst zwei Fleckel Gärten erworben hatte. Taufpate von Augustin war sein Onkel und späterer Bischof von Leitmeritz Augustin Batholomäus Hille, damals Student der Theologie im 3. Jahr, sowie seine Tante Brigitta, die Frau von Ambros Hille aus Schönau Nr. 50. Ab ca. 1814 lebte die Familie dann in Oberschönau Nr. 114 (zur Miete?), bis am 19.07.1821 das Haus letztlich käuflich erworben wurde.

Über die frühen Lebensjahre von Augustin Hille ist wenig bekannt. Es ist überliefert, dass das Umgebindehaus Nr. 114 im Jahr 1826 gänzlich abbrannte [man erzählt sich, dass die Familie statt zu löschen, das ganze Mobiliar und weiteres Hausrat aus dem Hause rettete] und im nächsten Jahr „so wie vorher“ wieder aufgebaut wurde. Die Geschichte von Nr. 114 wird jedoch an anderer Stelle umfänglich erzählt.

In den 30iger Jahren des 19. Jahrhunderts ist Augustin wiederholt Pate bei verschiedenen Kindstaufen. Bei diesen wird er zumeist Bandfabrikantensohn genannt, im Jahr 1838 allerdings auch schon Bandfabrikant in Nr. 114.

Im Jahr 1837 kaufte der Vater das Haus Nr. 131 in Oberschönau, ein Haus, das für Augustin später noch eine besondere Rolle spielen sollte.

Am 14.09.1840 heiratete Augustin. Seine Frau Magdalena Jäckel war eine Tochter von Gottfried Johann Jäckel, einem Häusler und Viehhändler in Niederschönau Nr. 262, der selbst aus Neudörfel b. Stolpen / Sachsen stammte und im katholischen böhmischen Niederland weiterhin evangelischen Glaubens blieb.

Bald nach der Hochzeit sind die jungen Eheleute Augustin und Magdalena Hille in das Haus Nr. 131 gezogen, wo ihre Kinder Augustin (1841), Maria Magdalena (1843) und Josef (1849) geboren wurden. Ende 1849 erwarb Augustin Hille von seinem Vater das Haus Nr. 131. Da in den Kirchenbüchern jener Zeit ständig angegeben ist, dass Augustin Hille Bandfabrikant in Schönau Nr. 131 ist, darf angenommen werden, dass in diesem Haus auch die Bandfabrik untergebracht war. Nicht bekannt ist, ob Vater und Sohn ein gemeinsames Geschäft betrieben oder jeder für sich allein wirtschaftete.

Am 23.12.1847 übernahm Augustin Hille von Theresia Forst ein weiteres Auhaus und zwar die Nr. 27. Allerdings zog er nicht in dieses Haus, sondern überließ es zunächst seinem älteren Bruder Johann Hille, der dort (?) im selben Jahr eine Färberei gründete, ein Geschäft, das ja auch eng verbunden war mit der Bandwarenproduktion.

Spätestens 1850, vielleicht auch schon 1848, tauschten die beiden Brüder jedoch ihre Wohnstätten, so dass Johann Hille und seine Frau Amalia in Nr. 131 lebten und wirtschafteten, also ihre Färberei nach hierher verlegten, und Augustin das schöne Auhaus Nr. 27 bezog. Hier bekamen Augustin und Magdalena noch zwei weitere Söhne: Alois, unser Vorfahre (1851) und Johann (1852), der spätere „Hille-Doktor“ in Schönlinde.

Im Jahr 1850 nahm Augustin Hille an den kommunalen Wahlen in Schönau teil und wurde in den Rath gewählt, wie die Kirchchronik II erzählt.

Leider ist nicht bekannt, wo sich die Bandfabrik von Augustin Hille befand. Ob sie ebenfalls in Nr. 27 untergebracht war, läßt sich nicht mehr feststellen, da einerseits das Haus bereits abgerissen ist und sich andereseits auch keinerlei Bauunterlagen in den Archiven erhalten haben. Möglicherweise war die Produktion aber weiterhin in Nr. 114 angesiedelt, da eine am 28.05.1851 erteilte „Landesbefugnis zur Erzeugung von Baumwollwaren in Schönau Nr. 114“ lautete. In Wien gab es eine Niederlassung (adresssiert Wien, Stadt Pariser Gasse Nr. 411) mit einem Prokuristen Adolf Grohmann. Im Jahr 1850 erwarb Augustin Hille ein weiteres Haus, Kleinschönau Nr. 34/43, dessen Spuren sich dann allerdings verlieren.

Bedauerlicherweise ist wenig konkretes zur eigentlichen Produktion bekannt. Weder Stoffe noch Bänder haben sich erhalten. Die Firma fungierte damals unter der Bezeichnung F. J. Hilles Sohn, gezeichnet von Augustin Hille (1853). 1854 und 1855 wird sie im Gewerbeschematismus als „ k. k. Priv. Baumwollwaren-Fabrik zu Schönau bei Schluckenau in Böhmen“ genannt, „erzeugt alle Gattungen Baumwoll- und Leinenbänder, Hosenträger und einschlägige Artikel“. Im Jahr 1854 wird allerdings auch eine „Firmalöschung des Hrn. Augustin Hille, lbf. Baumwollwaarenfabrikanten, und der Procura des Hrn. Adolf Grohmann“ bekannt gegeben. Was mag da passiert sein ? Antwort gibt uns eine eher etwas ungewöhnliche Quelle, nämlich die sogenannte Liehrchronik aus Schönau, verfasst um 1900, die ich hier gern selbst zu Wort kommen lassen möchte, berichtet sie uns doch lebendig und auch nahezu zeitnah über die Geschicke der Firma unserer Vorfahren, beginnend mit seinem Vater Franz Josef Hille:

„Sein Bruder Josef fing auch so an wie Ambros und hielt gleichen Schritt mit den andren Fabrikanten. Das Geschäft war auch so gross wie die anderen. Er starb aber zeitiger und hinterliess 5 Söhne. Josef, Alois, August, Johann und Stefan. Der Josef war der grösste, der mochte nicht Lust haben zum Geschäft, so übernahm es August. Josef war aber mittägig im Geschäft und Johann war Färber, Alois wurde Geistlicher und später Kanonikus und Stefan war Bezirksgerichtsadjunkt in Wien. Der August war aber ein eigentümlicher Mann, er machte Plane und führte sie auch aus. Da zog er einmal nach Österreich und verlegte das Geschäft nach dort. Dort mochte es ihm nicht gut gegangen sein, in ein paar Jahren kam er wieder nach Schönau und betrieb das Geschäft wieder hier. Er wollte auch eine Fabrik bauen. Der Keller war schon fertig. Er besaß damals einen Garten. Heute ist in dem Haus, was zu dem Garten gehört, ein Wirtshaus, der Wirt heisst Jansch. Es kam aber nicht zum Bau, es mochte ihm an Mitteln fehlen. Das mochte ihn ärgern. Er mochte darüber nicht hinwegkommen, da erhängte er sich. Dann ging das Geschäft ein. Ein Sohn hat heute noch ein paar Stuhle gehen. In ein paar Jahren starb auch der Johann an Blattern. Seine Frau nahm sich dann einen Färber Wahl mit Namen und machte die Färberei grösser, heute ist es Dampf-Färberei.“

Unser Vorfahre Augustin Hille starb also am 10.04.1855 im Alter von 45 Jahren durch suicid. Er erhängte sich in der sogenannten schwarzen Kammer des Hauses Nr. 114, wo er allerdings zu jener Zeit nicht lebte. Über wirtschaftliche Gründe für seinen Freitod sprach vor über 30 Jahren auch meine vielseitig wissende Großtante Bertl Neumann in Eisleben, allerdings bezogen auf die fernere Verwandschaft der Fa. Hille & Hampel. Die wahren Gründe hat unser Vorfahre jedoch mit in sein Grab genommen, das er wie auch alle anderen Schönauer jener Zeit auf dem Kirchfriedhof des Ortes gefunden hat. Erhalten hat es sich leider nicht, wie auch kein Bild von ihm überliefert ist. Dafür ist er zu früh verstorben.

Seine junge Witwe, von der sich, im hohen Alter, aber ein schönes Foto erhalten hat, lebte noch viele Jahre als Fabrikantenwitwe im Haus Nr. 27 (manchmal auch in Nr. 114), bevor sie dann am 30.10.1889 mit 74 Jahren als Gartennahrungsbesitzerin in Nr. 27 an einem Schlaganfall verstarb.

Der älteste Sohn Augustin wurde Bandwarenerzeuger, er starb allerdings schon 1874 mit noch nicht einmal 33 Jahren und hinterließ eine 1874 geborene Tochter Anna.

Der zweitgeborene Sohn Josef wurde Pfarrer in Nollendorf und Peterswalde (beides Erzgebirge). Von ihm sind ein Foto und einige Gedichte und Mundart-Erzählungen bekannt.

Der drittgeborene Sohn Alois wurde ebenfalls Bandwarenerzeuger und führte den väterlichen Betrieb weiter bzw. startete einen Neuanfang, jedoch ebenfalls in dem schönen Umgebindehaus Nr. 114. Alois Hille wurde unser Vorfahre (Ururgroßvater).

Der Sohn Stephan wurde Gerichtsadjundant

Der jüngste Sohn Johann wurde Arzt in Schönlinde und Kreibitz und wurde vor allem bekannt durch sein Engagement als Obmann des Nordböhmischen Exkursionsklubs, den er über 25 Jahre lang führte.

Magdalena Hille, geb. Jäckel, 30.12.1815 – 30.10.1889

Revers des Fotos von Magdalena Hille, geb. Jäckel

Schönau Nr. 27