Am 03.12.1911 starb im Krankenhaus zu Schönlinde der Schuhmachermeister Johann Hille aus Groß Schönau Nr. 6. Drei Tage später wurde er auf dem Schönauer Stadtfriedhof beerdigt. Der Kirchenbucheintrag findet sich auf Seite 10 des entsprechenden Kirchenbuches. Die Daten bestätigen im Grund genommen das, was auch durch Familientradition überliefert war. Johann Hille war 83 Jahre alt, war Schuhmachermeister und lebte in Schönau Nr. 6. Nun gut, die Überlieferung erzählte, dass er in einem Spital zu Schluckenau gestorben sei. Diese Verwechslung war noch zu verkraften, waren doch beide Orte nur wenige Kilometer von einander entfernt. Doch was war mit den sonstigen Angaben; weder Geburtstag, angegeben wurde der 31.10.1829, noch die Angabe zu den Eltern stimmten mit meinen Informationen überein. War das gar ein anderer Johann Hille, obwohl doch die Angaben zu den Todesumständen anscheinend stimmig waren ?
Als Genealoge wußte ich es jedoch besser, hatte ich doch Geburt und Hochzeit seines Sohnes Johann schon längs ermittelt, die jeweils mit den m. E. korrekten Abstammungshinweisen versehen waren.
Was also war passiert? Als Johann Hille starb, hatte er die letzten Jahre, gewiss finanziell nur wenig bemittelt und womöglich sogar etwas abgeschoben, in einem Spital gelebt. War er ein Pflegefall? Wir wissen es nicht. Immerhin war er mit Bewilligung des Schönlinder Pfarramtes nach Schönau zur Beerdigung überführt worden. Nachdem er beerdigt wurde, mußte der Pfarrer (beerdigt hatte ihn Kaplan Josef Kade) anschließend die nötigen Eintragungen in das Kirchenbuch vornehmen. Gewiss wollte der Pfarrer beim Eintrag in das Kirchenbuch alles richtig machen, doch wen sollte er zum Leben von Johann Hille befragen? Der einzige Sohn Johann, mein Urgroßvater, war schon Jahre zuvor an TBC verstorben; und die Schwiegertochter Anna war mit ihren zwei kleinen Kindern zu ihren eigenen Eltern zurück in das Haus Schönau Nr. 114 gezogen und wußte es womöglich selber nicht richtig. Johann Hille selbst war Witwer gewesen; weder er noch seine Frau hatten Geschwister. Die sonstige Verwandtschaft war rar gesät.
Also schaute er im Schönauer Taufbuch nach. Das Alter „83 Jahre“ wußte er und so fand er ziemlich schnell heraus, dass Johann Hille am 31.10.1829 in Schönau Nr. 6 geboren worden war. Neben dem Geburtstag trug er auch die Eltern, in diesem Fall die ledige Mutter Maria Anna, Tochter des verstorbenen Häuslers Josef Hille aus Schönau Nr. 6, ein. Irgendwie verband sich dies gut mit der familiären Überlieferung, wonach Johann Hille ein Waisenkind gewesen sei.
Der Pfarrer jedoch war kein Genealoge und war mit seinen Nachforschungsergebnissen zufrieden. Aber er hatte sich geirrt. Der am 31.10.1829 geborene Johann Hille war nicht der jenige, der am 03.12.1911 gestorben war. Vielmehr war er wie seine 1817 geborene Schwester Veronika ein uneheliches Kind der Maria Anna Hille, die tatsächlich in Schönau Nr. 6, dem Wohnhaus ihrer Eltern Josef und Maria Elisabeth Hille, gelebt hatte. Allerdings war das Kind bereits wenige Wochen später am 12.03.1830 ebenfalls in Schönau Nr. 6 gestorben, wie der entsprechende Eintrag im Schönauer Kirchenbuch auf scan 30 aufweist. Dies hatte der Pfarrer übersehen. „Unser“ Johann Hille war bereits wenige Wochen vorher am 14.01.1829 als Sohn des Schnürenmachers Ambros Hille und seiner Frau Apollonia, geb. Kittel aus Schönau Nr. 109, geboren worden, allerdings in Schönau Nr. 17. Ambros Hille war ein Cousin der oben genannten Maria Anna Hille und unser Johann also mithin ein Großcousin des anderen Johann Hille. Mit 14 Jahren war er in der Tat Waise geworden. Seine Spur verliert sich dann zunächst, bis er nach seiner Hochzeit 1862, dann als Einwohner von Schönau Nr. 6, wieder auftaucht. Er richtete sich dort eine Schuhmacherwerkstatt ein.

Kirchenbucheintrag zum Tod von Johann Hille (1829-1911)

Schuhmacherwerkstatt aus Schönau (allerdings in Wildschönau/Österreich)
