Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Der Doppelgrabstein der Eheleute Liebisch auf dem historischen Kirchfriedhof von Groß Schönau

Ein bedeutendes Kulturdenkmal aus dem Spätbarock auf dem Kirchfriedhof von Groß Schönau.

Bevor auf den Fluren des Kirch-Bauers in Schönau Nr. 316 der Neue Friedhof der Gemeinde errichtet wurde, sind die Toten, wie auch anderenorts üblich, unmittelbar an der Kirche bestattet worden. Auch viele Jahre nach der Auflösung des Alten Friedhofes in Groß Schönau haben sich hier noch zahlreiche Grabsteine aus der Zeit der Deutschen Besiedlung erhalten.

Vor vielen Jahren ist in einer Sudetendeutschen Zeitschrift von diesem Friedhof der Grabstein Liebisch erstmals publiziert worden. Seinerzeit fand allerdings lediglich eine Seite des Grabsteins eine Beachtung.

Dabei handelte es sich um den Grabstein von Christoph Liebisch, einem „wohlachtbaren Garnbleicher“ aus Schönau, der am 23.06.1765 im Alter von 75 ¼ Jahren gestorben war. Der Sterbeeintrag von Christoph Liebisch ist im Schönauer Kirchenbuch noch erhalten. Er informiert darüber, dass Christoph Liebisch in Schönau alte Nr. 103 gelebt hatte und zudem Witwer war. Der Grabstein war gemäß der damaligen Sitte figürlich reich gestaltet und führte als oberen Abschluss ein Auferstehungsrelief. Kunstgeschichtlich gehört dieser Grabstein dem böhmischen Spätbarock an.

Der Stein galt leider als verschollen, da vor Ort nicht mehr auffindbar. Soweit der Stand bis Herbst 2018.

Bei einer Begehung des alten Schönauer Friedhofes habe ich diesen besonderen Grabstein wieder entdeckt. Bei diesem Grabstein handelt es sich um einen sogenannten doppelseitigen Grabstein, von denen es auf dem Schönauer Kirchfriedhof noch ein weiteres Exemplar gibt, nämlich der Grabstein der Eheleute Menzel.

Hier zunächst meine Ausführungen zur Seite der Ehefrau Anna Elisabeth Liebisch, der Ehefrau des eben bedachten Garnbleichers Christoph Liebisch. Von äußerer Gestalt ähnelt er sehr dem Grabstein des Ehemannes, allerdings führt er statt des Auferstehungssymbols im oberen Abschnitt eine Kreuzesdarstellung. Die Schrift war zum Zeitpunkt meiner Begehung nicht ganz lesbar, da der Stein von Grünwuchs teilweise überwuchert war. Das, was lesbar war, hilft jedoch für eine eindeutige Identifizierung der Bestatteten: Demnach war Anna Elisabeth am 5. März 1693 in Hilgersdorf als Tochter des Bauers Christoph Schierz geboren worden. Ihre Ehe schloss sie vermutlich im Jahr 1713. Sie war die „geweste Eheliebste“ des „Christoph Liebschen, Häusler und Bleicher allhier“. Diese Angaben halfen, auch für Anna Elisabeth Liebisch in den Schönauer Kirchenbücher den genauen Todestag zu ermitteln: Sie starb am 18. März 1763 mit 70 Jahren. Dies korrespondiert hervorragend mit der Geburtseintragung auf eben diesem Grabstein.

Nachdem erkannt wurde, dass auf der Rückseite der liegenden Platte die Informationen zum Ehemann zu finden waren, können hier weitere Erkenntnisse zu Christoph Liebisch mitgeteilt werden:

Laut Kirchenbucheintrag wurde Christoph Liebisch am 13. März 1690 als ältester Sohn des Webers Christoph Liebisch, genannt lang Christel, und seiner Frau Maria in Niederschönau geboren. Der vulgo Namen lang verbindet in jener Zeit noch weitere Personen miteinander, ohne dass deren genaue Verwandtschaft zueinander genauer ermittelt werden konnte. Christoph Liebisch starb am 23.06.1765 im Alter von 75 ½ Jahren. Bevor Christoph Liebisch Garnbleicher wurde, ist er bei den Taufen seiner Kinder in den Kirchenbüchern als Häusler, Leinweber und immer wieder auch als Musikant bezeichnet worden. Anna Elisabeth und Christoph Liebisch wohnten in Schönau Nr. 137 (früher 103), der späteren Patzelt-Färbe, und haben von 1716 bis 1735 laut den Taufeintragungen im Kirchenbuch neun Kindern das Leben geschenkt. Die Grabinschrift seiner Frau erwähnt dagegen fünf Söhne und drei Töchter. Den Beruf eines Garnbleiches führte allein der Sohn Hans Jakob Liebisch weiter. Dieser hatte mit seinen zwei Frauen Anna Elisabeth und Maria Anna insgesamt 18 Kinder. Der jüngste Sohn, Augustin mit Namen, ist jener Liebisch, der um 1830 die Firma August Liebisch in Leopoldsruh gründete, der späteren Firma „August-Liebisch-Söhne“ (siehe dazu meinen Beitrag von 2013 in Unser Niederland Folge 762).

Durch die Sterbevermerk ist nun natürlich auch der Grabstein selbst datiert: 1763 und 1765. Ich betone dies hier deswegen so ausdrücklich, weil sich mit diesem Grabstein ein hervorragendes Kunstobjekt aus der für das böhmische Niederland so bedeutenden Kunstepoche erhalten hat, dem böhmischen Spätbarock. Sollte sich die Gemeinde Velky Senov entschließen, den Grabstein der Familie Liebisch wieder aufzurichten und zusätzlich vor einer weiteren Gefährdung zu sichern, so wäre das ein hervorragendes Beispiel für ein kommunales Engagement zur Bewahrung des kulturellen Erbes der Gemeinde und daher sehr zu begrüßen. Die beiden aus dem Barock stammenden und so wunderbar formschön gestalteten Seiten wären dann wieder lesbar und ein für die Geschichte von Schönau wertvolles Kunst- und Kulturdenkmal aus dem späten 18. Jahrhundert wäre wieder zugänglich.

All-focus

Kirchfriedhof von Groß Schönau. Lage des umgestürzten Doppelgrabstein der Eheleute Liebisch aus dem späten 18. Jahrhundert.

Der Name Liebisch ist in Schönau nicht ganz selten gewesen. So gab es um 1900 in Schönau neben verschiedenen Fabrikanten auch vier Bauernfamilien dieses Namens: darunter Baltzer-LIebisch, Ober-Liebsch und Nieder-Liebsch.

All-focus

Detailaufnahme M. Turyna, Velks Senov,