Frau Maria Kersten, geborene „Berg-Rämisch“ aus Schönau 105 zum Gedächtnis
Der etwas poetische Begriff „Wanderung“ bezeichnet einen Vorgang in der Zeit der industriellen Entwicklung, welcher zwar nur wenige Höfe betraf jedoch für uns ein anschauliches Beispiel sein kann für die Auswirkungen dieser Industrialisierung auf ein dörfliches Gemeinwesen. War bis etwa zum Jahr 1850 eine gewisse Konstanz in der siedlungsgeographischen Entwicklung der Dörfer zu verzeichnen, so änderte sich das mit der fortschreitenden Industrialisierung. Die seit Jahrhunderten an gleicher Stelle befindlichen Bauerngehöfte hatten den Ortschaften ein stabiles optisches Gepräge gegeben. Dazwischen hatten sich zahlreiche Häusler mit mehr oder weniger eigenem Grund angesiedelt. Zuletzt war auch noch die bis dahin gemeinschaftlich genutzte Dorfaue zur Besiedlung freigegeben worden. Dieses Bild einer relativ geschlossenen Besiedlung spiegelt sich gut in den Katasterkarten von 1843/1848 wieder.
Dieses Bild veränderte sich nun an einigen Stellen deutlich. Dies soll hier für den Ort Groß Schönau an einigen Beispielen gezeigt werden.
Es sind vor allem zwei städtebauliche Faktoren, die für die industrielle Entwicklung stehen: der Bau der großen Fabrikgebäude ab der Mitte des 19. Jahrhunderts sowie der Bau der Eisenbahn im Jahr 1884. Als letztere projektiert wurde, wählte man als Streckenführung eine Trasse nördlich von Schönau, anfangs relativ dicht entlang der bestehenden Bebauung aber dennoch im gewissen Abstand dazu, quer durch die Feldstreifen der Landwirte. Erst nach dem Haltepunkt in Nieder Schönau (Bahnhof Hainspach) schwenkte die Trasse in Richtung Süden um, querte Nieder Schönau auf dem so genannten Damm, um dann in der Nähe der noch zur Gemarkung Schönau gehörenden „Pietsch-Mühle“ dieses Gebiet in Richtung Nieder Nixdorf zu verlassen.
Diese Streckenführung ging nicht ganz ohne räumliche Konflikte vonstatten. Ganz im Ober Schönau traf es den „Pietsch-Bauer“, ein noch heute bestehendes, etwas abgelegenes Gehöft, das von Familie Hentschel bewohnt wurde. Der Hofname „Pietsch“-Bauer rührt im Übrigen von einer Familie Pietschmann her, die diesen Hof im 18./19. Jahrhundert bewirtschaftete. Bis zum Eisenbahnbau standen die Hofgebäude allerdings viel näher an der Straße, just genau an der Stelle, wo heute die Bahntrasse relativ dicht bis an die Straße reichte. Beiliegender Ausschnitt aus dem Katasterplan zeigt diese Situation sehr anschaulich.

Im oberen Bereich des Bildes ist die Kaiserstraße, oben rechts die Obere Schänke Nr. 79 und die Obere Schmiede Nr. 333, darunter unter der Straße der „Ober-Bauer“ Nr. 77; schräg von links unten nach rechts oben verläuft die Dorfstraße; die Eisenbahn ist durch drei dünne Linie dargestellt: links unten verläuft sie zwischen Dorfstraße und dem Bauerngut Nr. 62 (Lauer/Richter), dann trifft sie auf den damaligen „Pietsch-Bauer“ Nr. 66. Dieser war ein 4-Seiten-Hof. Neu aufgebaut wurde er als 3-Seiten-Hof. etwas nach Norden versetzt.
In Nieder Schönau traf es die kleine Landwirtschaft bzw. Gartennahrung Nr. 210, die viele Jahre lang von einer Familie Strobach bewirtschaftet wurde, übrigens Vorfahren der Fa. Graveur-Strobach. Allerdings ist mir nicht bekannt, ob um 1885 die Wirtschaft als solche noch bestand. Zum Hof gehörte ein kleiner Flurstreifen, der ebenso wie der vom benachbarten Gut „Nieder-Lieb’sch“ in Richtung Wölmsdorf zeigte. Auch hier mussten die Hofgebäude der Eisenbahn weichen. Das Anwesen wurde etwa auf gleicher Höhe jedoch etwas östlich vom alten Standort neu errichtet.
Druck wurde auch seitens der neuen industriellen Großbetriebe ausgeübt. Als Beispiel sei hier die Landwirtschaft Nr. 266 „Bürger-Bauer“, früher Liebsch-Bauer, aufgeführt, an deren ursprünglichen Standort die Bandfabrik Schorisch errichtet wurde.
In Nieder-Schönau können weitere Beispiele aufgeführt werden. Auf den Karten von 1843 ist gut zu erkennen, dass die Höfe Nr. 288 „Neumann-Bauer“ und Nr. 299 „Kaufer-Bauer“ beide noch nicht an den uns gegenwärtig bekannten Stellen nördlich der Straße standen. Kann man bezüglich des Hofes Nr. 288 noch gut den ursprünglichen Standort der Gebäude identifizieren, dieser befand sich südlich der Ortstraße, etwa am Standort der später errichteten Gebäude Nr. 463 und Nr. 514, so lässt sich zum ursprünglichen Standort der Wirtschaft Nr. 299 derzeit nichts sagen. Vermutlich steht die Erbauung der Hofgebäude mit der Neueinrichtung der Wirtschaft vor 1846 im Zusammenhang.

Eine ganz andere Wanderung hat der Bauernhof vom „Furnand-Bauer“ vollzogen. Dessen Felder lagen zwischen dem „Hentschel-Bauer“ und dem „Mautsch-Bauer“ und zeigten demnach in Richtung Süden. Die Hofgebäude standen bis um 1870 etwa dort, wo das Haus vom Plischek-Schuster stand. Nachdem der Hof jedoch abgebrannt war, wurde er nicht an alter Stelle neu erbaut sondern auf der anderen Seite des Baches auf dem Grundstück Nr. 307. Dort hatte der Schwiegervater des Bauers sein Anwesen. Dieser hieß Dominik Liebisch und war ein bekannter Leinwandproduzent. Seit dem war der „Furnand“-Kindermann Bauer der einzige Bauer in Schönau, bei dem sich Hof und Flurstreifen nicht auf der gleichen Bachseite befanden sondern durch diesen getrennt waren.
Obwohl die geschilderten Hofverlagerungen sicher eine erhebliche Bedeutung für die damaligen Bewohner hatten, sind sie doch bald aus der Erinnerung verschwunden. Zumindest habe ich von keinem der Nachkommen, mit denen ich im Laufe der Jahre ins Gespräch kam (mit Ausnahme Bauerngut Nr. 307), von diesen Hof-Wanderungen gehört.
Die beiden Karten stammen aus der Website: https://ags.cuzk.cz/archiv/