Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Dominik Hille 1795 – 1819

Der Tod des Reisemannes Dominik Hille in der Silvesternacht 1819 in der Bernsdorfer Heide b. Roßlau (heute Dessau-Roßlau, Land Sachsen-Anhalt)

Es klingt wie eine Nachricht aus der Tageszeitung, die Notiz findet sich jedoch in der Kirchenchronik von Schönau in Nordböhmen. Eine Nachricht, auf die Familie Hille aus Schönau Nr. 5 gern verzichtet hätte.

Ausschnitt aus der Kirchenchronik von Schönau/Nordböhmen

„Am 31. Dezember vorigen Jahres [1819] ward Dominikus Hille, Reisender, lediger 24 jähriger Sohn der Wittwe Maria Anna Joh. Christoph Hillin aus Schönau Nr. 5 nach gemachter Anzeige der Stadtgerichten von Zerbst an das hiesige Hainspacher Amt vom 4. Februar 1820 in der Bärensdorfer Heide zwischen Zerbst und Roßlau in Sachsen, ermordet und beraubt. Erst nach 4 Wochen darauf fand man den Leichnam des Unglücklichen im Walde und ward auf Veranstaltung des dortigen Herzoglich Anhalt-Köthenschen Justizamtes in Roßlau begraben. Der Mörder ward entdeckt, gestand sein Verbrechen und erwartet nun seine Bestrafung!“

Im Schönauer Kirchenbuch L175/22/6 findet sich der Todeseintrag auf Folie 4.

Sterbeintrag im Schönauer Kirchenbuch L175/22/6, Kirchenbucharchiv Litoměřice

Diese Informationen werden für die Schönauer Verwandtschaft des Ermordeten wohlmöglich genügt haben müssen, zumindest finden sich bislang keine weiteren Nachrichten zu diesem Mord in den Schönauer Unterlagen. Und hier beginnt eine schöne Verquickung der genealogischen Forschungen im Nordböhmischen Niederland mit jenen in Sachsen-Anhalt, auf die ich hier zurückgreifen darf. Sachsen hier als synonym für alles, was sich aus Sicht des Nordböhmischen Niederlandes im Umfeld von Dessau und Zerbst befand. 1815 gehörte die Landschaft ja schon zu Preußen.

Mein hochgeschätzter Forscherkollege Jürgen Haseloff aus Halle machte mich auf eine Schrift im Landesarchiv von Sachsen-Anhalt aufmerksam, die sich gernau mit diesem Vorgang der Ermordung des Dominikus Hille befasste. Daraus erfahren wir sogar den Namen des Täters, ein gewisser Posamentierer August Luther, der den Scherenschleifer Dominikus Hille in der Bärendorfer Heide bei Roßlau in der Silvesternacht 1819/1820 beraubte und ermordete.

Akte Dominik Hille 1820, im Landesarchiv Sachsen-Anhalt

Untersuchungsakte wider dem Posamentier August Luther 1822, Landesarchiv Sachsen-Anhalt.

Luther war bei der Gerichtsverhandlung 1820 noch minderjährig, so dass die Vollstreckung des Todesurteils erst mit seiner Volljährigkeit im Jahr 1822 möglich wurde. Die Untersuchungsakte vom 14. Januar 1822 ist recht umfangreich, allerdings für mich schwer zu lesen. Der Mord fand auch Erwähnung in der Schrift zur Anhaltischen Volkskunde (Alfred Wirth, Dessau 1932). Hier wird die seltsame Geschichte vom Armen Sünderblut beschrieben, welches mit Leinwand vom Schaffott gewischt wurde und bei den Bauersfrauen jener Zeit als Mittel gegen Behexung und Epilepsie heiß begehrt war. Ob das erwähnte Schächtelchen mit einem kleinen Streifen jener Leinwand noch im Zerbster Museum aufzufinden ist ? An der Mordstelle zwischen Jütrichau und Tornau sah man lange Zeit ein an eine Fichte genageltes Hufeisen und eine halbe Schere, sicher eine Reminiszens an den ermordeten Scherenschleifer Dominik Hille aus Schönau in Nordböhmen.

Die weiteren Recherchen zur Familie von Dominik Hille ergaben den bedauerlichen Befund, dass auch schon sein Vater Hans Christoph Hille als Reisender in Sachsen, diesmal jedoch in Oranienbaum, heute ein Ortsteil von Oranienbaum-Wörlitz (Landkreis Wittenberg), an Faulfieber (Typhus) verstorben ist und dort begraben wurde. Ob der Sohn Dominik das Geschäft seines Vaters in Sachsen weiter betrieben hatte ? Wir werden es wohl nicht mehr herausfinden.

Zum Leben und Wirken der Reisenden oder auch Reisemänner wissen wir nicht viel. In der Forschung ist dafür noch viel Luft nach oben. Waren es Einzelreisende, wie es das Schicksal von Dominikus Hille nahelegt ? Oder war man in Familie unterwegs, wie bei jenem Hille, der im fernen Harlem / Holland verstarb ? Immer wieder liest man in den Kirchenbüchern, dass die Reisemänner jahrelang ausblieben und zuweilen auch in der Fremde starben. Die Frauen blieben dagegen zu Hause und meisterten Leben, Haus und Kinder.


Exkurs –
Genealogische Verbindung zum Autor

AZ 1

Dominik Hille, Reisender / Scherenschleifer in Schönau Nr. 5; geb. 29.04.1795 (100); + 31.12.1819 (6) in der Bernsdorfer Heide bei Roßlau/Sachsen.

AZ 2 und 3 – Eltern

Johann Christoph Hille, Reisender in Schönau Nr. 5 / H94, geb. 26.02.1759 in Nr. 101 / H45 (147); mit 55 Jahren laut Totenschein am 26.05.1814 in Oranienbaum/Sachsen gestorben und dort begraben worden (151); Trauung am 22.01.1787 in Schönau (8) mit

Maria Anna (Rößler), geb. 1765, + n. 1820

Kinder:

  1. Joseph; geb. 1788
  2. Ottilia; geb. 1790
  3. Klara; geb. 1793
  4. Dominik; geb. 1795
  5. Magdalena; geb. 1800

Johann Christoph Hille kaufte am 26.12.1787 das Auhaus Nr. 5 / H94 von seinem Schwiegervater Zacharias Rösler. Die Töchter Klara, verehelichte Hille, und Magdalena, verehelichte Rafelt, übernahmen im Jahr 1833 das nachgelassene Auhaus des am 28. Mai 1814 in Oranienbaum verstorbenen Johann Christoph Hille. Die Schwestern veräußerten im Folgejahr das Auhaus Nr. 5 an Franz Hoffmann aus Schönau Nr. 132.

AZ 4 und 5 – Großeltern

Johann Christoph Hille; Häusler und Reisemann in Schönau Nr. 101 / H45; geb. 01.01.1724 (197); + in Schönau am 01.07.1776 52 J. (289); Trauung am 09.02.1752 in Schönau (15) mit

Anna (Marschner); geb. 17.04.1726, + n. 1793;

Kinder:

  1. Johann Josef; geb. 1752
  2. Johann Philipp; geb. 1757
  3. Johann Christoph; geb. 1759
  4. Apollonia; geb. 1762
  5. Magdalena; geb. 1767

Am 26.12.1750 kauft Hans Christoph Hülle, Hans Hülle, gewester Gärtners Sohn, von Hans George Hancke dessen innegehabtes Auhaus.

AZ 8 und 9 – Urgroßeltern

Hans Hille, Gärtner und Reisemann in Schönau G3; geb. 25.07.1673 (67); + in Schönau am 11.10.1751, 77 J. als Gärtner und Leinweber (188); Trauung mit

Anna Maria; geb. 1682, + 10.05.1741 59 J. geweste Gärtnerin, Gärtners Hanselin (445)

AZ 10 und 11 – Urgroßeltern

Zacharias MARSCHNER, Reisemann auf der Leopoldsruh; „auf obrigkeitlichem Grunde“; geb. 31.12.1696 in Schönau; + 24.12.1771, 76 J. in Schönau Nr. 120 (260); Trauung am 19.01.1722 in Schönau (244) mit

SabinaKUNTZE, geb. 29.05.1695 in Schönau; + 30.11.1773, 79 J. in Schönau Nr. 120 (284)

Erkenntnis

AZ 8 und 9 sind meine Ahnen AZ 586 und 587

AZ 10 und 11 sind meine Ahnen AZ 324 und 325