Josef Hille, Reisemann in Schönau, gestorben 1761 in Holland.
Der Beruf eines Reisemanns war in Schönau des 18. Jahrhunderts recht häufig und sicher stets mit allerlei Gefahren verbunden.
In Liehrschmieds Chronik, einer launig verfassten Chronik von Schönau im 19. Jahrhundert, wird ausführlich von den sogenannten Reisemännern berichtet:
„Schönau ist am Anfänge des 19. Jahrhunderts ein Bauerndorf ohne Industrie, keine Fabrikation ist da, die Leute lebten viel vom Spinnen, aber auch vom Feldbau, auch gab es damals viele Einwohner im Orte, welche nach Georgswalde, Rumburg und Schluckenau arbeiteten. Sehr stark waren damals die Reiseleute vertretend, es waren Schleifer, Siebmacher. Diese reisten nach Sachsen, Preussen, sogar bis nach Hamburg. Die meisten gingen nur bis nach Sachsen oder Preussen. Die, welche nach Preussen reisten, kamen alle an einem Tage nach Hause und zwar am Thomasabende, zu Weihnachten. Die nur bis Sachsen reisten, kamen jährlich mehrmals nach Hause und sie reisten aber alle so anfangs März wieder fort, wenn in der Kirche das Evangelium verlesen wurde: Christ treibt die Teufel aus. Wenn sie verreisten, nahmen sie Waren von hier mit, auf Schubkarren luden sie diese auf: Sensen, Sicheln, Wetzsteine, Siebboden, Messer, Scheren, aber auch noch manche andere Waren. Sie brachten viel Geld ins Land, man wurde aber nicht reich durch ihre Kundschaft, sie waren sehr karg in ihren Ausgaben, aber sehr wichtig hatten sie es, sie taten sehr gross, ihre Weiber lebten zu Hause sehr spärlich, aber sie hatten keine Not, sie hatten die grösste Ordnung in allem. Aber es war in den 49er Jahren, da durften sie nicht mehr nach Preussen, die sich nicht konnten ansässig machen. So zogen viele Familien nach Preussen und verkauften hier ihre Hauser. Die bloss nach Sachsen reisten, die reisten noch. Damals gab es auch viele, die Zwirngeschäfte hatten, diese betrieben es aber im Grossen. Sie fuhren grosse Wagen mit 4 und 6 Pferden bespannt nach Frankfurt oder Leipzig, wo sie ihren Absatz haben. Diese wurden alle reich. Z. B. hat der wohlhabende Reisemann Paul aus Schönau Nr. 3 von seinen Reisen nach Köln für die Schönauer Kirche 14 Stationsbilder mitgebracht.“
Ein Reisemann jener Zeit war mein Vorfahre Josef Hille, der am 10. April 1705 in Oberschönau Nr. 17 (H79) als Sohn von Hans Georg Hülle geboren worden war. Er wurde wie sein Vater Reisemann, heiratete am 14. Januar 1737 Anna Maria Rösler, die aus der sogenannten Mittelmühle in Schönau Nr. 156 stammte. Das Paar hatte 10 Kinder, von denen zwei bereits im Kleinkindalter starben.
Im Jahr seiner Hochzeit 1737 erwarb Josef Hille vom Vater das elterliche Haus H79. Seine Eltern blieben im Haus wohnen und starben hier 1746 bzw. 1739. Josef Hille war geschäftlich sehr erfolgreich, anders ist nicht zu erklären, warum er im Jahr 1749 schon das nächste Grundstück erwerben konnte und zwar die Nr. 18 (H78). Das war zu jener Zeit noch eine Brache, Baustelle genannt, an „Käufers eigenen Grund und Boden Gärtel beim Auwasser gelegen“. Ob er noch ein weiteres Haus bauen wollte ? Vielleicht als Investition in die Zukunft ? Ein Haus wurde nicht auf diesem Grundstück gebaut.

Zwischen dem 4. und dem 17. November 1761 traf in Schönau die Nachricht ein, dass der Häusler Josef Hille am 8. Oktober auf seiner Reise in Holland zu Harlem im Alter von 57 Jahr gestorben sei und alldorten auch beerdigt wurde. Ich hatte mich gefragt, wie diese Nachricht so schnell von Holland nach Schönau in Böhmen gelangen konnte. Zwischen Haarlem bei Amstadam und Groß Schönau liegen 840 Reisekilometer, in jener Zeit sicher ein Unternehmen von mehreren Wochen Fahrt. Hatte Josef Hille einen Reisepass bei sich ? Oder war allgemein bekannt, dass er aus Schönau in Böhmen stammte ? Hatte Josef Hille in Harlem, wenn das wirklich ein zentraler Ort seiner Reisetätigkeiten war, einen Kontor und vielleicht dort sogar Angestellte ? All das wissen wir nicht.
Als Joseph Hille 1761 in Harlem starb, hinterließ er seine Frau Anna Maria und acht zum großen Teil noch minderjährige Kinder.
Dann habe ich gelesen, dass seine Söhne seinerzeit ebenfalls in Holland waren. Der ältere Sohn Johann Josef war 1761 20 Jahre alt und spätestens seit 1758 ebenfalls auf Reisen in Holland. Ich nehme an, dass sie gemeinsam unterwegs waren und so die Nachricht vom Tode des Vaters rasch den Weg nach Schönau in Böhmen gefunden hat. 1794 ist Johann Josef Hille als Junggeselle in Schönau an „Abzehrung“ gestorben.
Der jüngere Sohn Johann Anton war 1761 erst 14 Jahre alt. Er heiratete später eine Elisabeth (Herkunft unbekannt) und bekam unbekannten Orts wenigsten 4 Kinder, die seit 1773 in den Schönauer Aufzeichnungen als „in Holland“ leben genannt werden. Johann Anton Hille war bis mindestens 1794 in Holland unterwegs, 1798 ist er als gestorben vermerkt. Sein Sterbetag ist unbekannt. Waren seine Kinder bis 1799 zunächst ebenfalls als „in Holland“ unterwegs vermerkt, reduzierte sich deren Wanderschaften zuletzt erheblich. Josef war 1803/1804 „Schumacher auf der Wanderschaft“ und Anton reiste bis 1809 in Sachsen. Der jüngste Sohn Bernard, Feldscher in Schönau Nr. 17 und Dresden, kehrte 1801 „aus Holland zurück“. Damit war das Abenteuer Holland für diese Hille-Familie vermutlich beendet.
Bernard Hille hatte übrigends einen 1807 geborenen Sohn Josef Anton Bernard, der später Pfarrer in Peterswald war (heute Petrowice), dem Ort, in dem später auch sein Namensvetter Josef Hille, der Dichter, Pfarrer war.