Die Choleraepidemie des Jahres 1848 und ihre Auswirkungen auf die Ortschaften Beneschau, Zábřeh und Kosmitz im Hultschiner Ländchen
Seuchen haben immer wieder große Teile Europas heimgesucht mit oft verheerenden Folgen. Besonderes Grauen erregte neben der Pest insbesondere die Cholera, die bis ins 19. Jahrhundert zu den gefürchtetsten Krankheiten gehörte und in mehreren Pandemien ganz Europa und auch Teile von Nordamerika überzog und viele Tausend Opfer forderte. Allein Berlin wurde in 42 Jahren zwischen 1831 und 1873 dreizehnmal von der Cholera heimgesucht. In ganz Preußen waren die Epidemien von 1848/49, 1852, 1855 und 1866 besonders schwer; bei der letztgenannten starben offiziell 114.683 Menschen an der Cholera (1).
medizinischer Hintergrund
Die Cholera ist eine Erkrankung der Darmschleimhaut, die zu permanentem Erbrechen und Durchfall führt. Der stetige Wasserverlust bewirkt die innere Austrocknung des Körpers und den Verlust lebenswichtiger Mineralien. Ohne Behandlung sterben bis zu zwei Drittel aller Erkrankten innerhalb von ein bis sechs Tagen. Hervorgerufen wird die Cholera durch eine Infektion mit dem Vibrio cholerae, einem im Wasser lebenden Bakterium, das gegen Austrocknung empfindlich ist. In Süßwasser sowie auf feuchtem Untergrund, teilweise auch in Salzwasser, kann es jedoch wochenlang überleben und sich vermehren. Mittels kontaminierten Wassers oder kontaminierter Lebensmittel gelangt es in den Körper, vermehrt sich dort massenhaft im Darm und wird anschließend ausgeschieden. Nicht jede Infektion führt zwangsläufig zu einer Erkrankung. Auch ansonsten symptomfreie Keimträger können die Krankheit weiterverbreiten. Gelangten nämlich infizierte Ausscheidungen undesinfiziert in die Wasserversorgung einer Siedlung, konnte es zu einem explosionsartigen Anstieg der Erkrankungen innerhalb kürzester Zeit kommen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren diese Fakten allerdings noch lange nicht bekannt; sowohl hinsichtlich der Epidemiologie als auch der Pathologie der Krankheit tappte man lange Zeit im Dunkeln. Die Frage, was genau denn nun eigentlich der Erreger der Cholera sei, ein Gift, ein Pilz oder ein winziges Tier, wurde mit der Entdeckung des „Komma-Bazillus“ Vibrio cholerae durch Robert Koch 1883 beantwortet. Dies hatte weitreichende Folgen für die Choleravorsorge und –bekämpfung. Als sicherste Vorsichtsmaßnahmen gegen einen Ausbruch der Cholera galten nunmehr die Isolierung von Erkrankten und potentiellen Keimträgern, die Desinfektion ihrer Kleidung und Bettwäsche und das Abkochen von Trinkwasser (1).
Historie
Für das 19. Jahrhundert sind in Europa 6 Cholera-Pandemien belegt: Die Ausläufer der ersten Pandemie erreichten 1823 das europäische Festland. Die zweite Pandemie begann 1830 und endete erst im Jahre 1837. Die Eingangspforte nach Europa bildete wiederum das russische Reich. Da man mittlerweile davon überzeugt war, dass die Cholera den ansteckenden Krankheiten zuzuordnen sei, wurde das ganze Arsenal von Maßnahmen in Aktion gesetzt, das im 17. und 18. Jahrhundert überall in Europa zur Abwehr der Pest entwickelt worden war. Militärkordons um infizierte Gebiete, Verhängung von Quarantänen und Häuserabsperrungen sowie Reinigung oder Räucherung verdächtiger Stoffe schienen die geeigneten Instrumentarien, die neue „Pest“ zu stoppen. Die Flucht erschien dennoch den meisten das einzige wirklich Erfolg versprechende Mittel gegen eine ansteckende Krankheit zu sein, so dass vielerorts ein regelrechter Exodus zu beobachten war. (1).
Kaum waren die letzten Ausläufer der zweiten Cholerapandemie 1837 erloschen, brach bereits die dritte Pandemie (1840-1860) aus, die 1847 Europa erreichte und in zwei Wellen bis 1854 anhielt. Auch von der vierten (1863-1875), fünften (1881-1896) und sechsten Pandemie (1899-1923) waren weite Teile Europas betroffen. Flächendeckend wurde Deutschland zum letzten Mal im Jahre 1873 von der Cholera erfasst (1).
kleinräumige Verbreitung
Da die eigentliche Ursache unbekannt war, breitete sich die Krankheit nahezu ungehemmt aus. Schon frühzeitig wurde jedoch versucht, mit Hilfe von genauen Kartierungen der Krankheitsfälle, Ursachen und Wirkung der Krankheit auf die Spur zu kommen. Karl Friedrich Vollrath Hoffmann hat auf seiner Anfang 1832 erschienenen Karte „Die morgenländische Brechruhr nach ihrem Zuge und ihrer Verbreitung, auf drei Karten bildlich dargestellt“ diesen ersten Seuchenzug sehr genau wiedergegeben und die dabei befallenen Orte mit roter Farbe markiert. So konnte er nachweisen, dass die Cholera sich vorzugsweise entlang der großen Flussläufe vorwärts bewegte; mit infiziertem Flusswasser gelangten die Krankheitskeime weiter stromabwärts (2). Eine ziemlich detaillierte Beschreibung des Verlaufs der hier näher interessierenden Cholerapandemie von 1848/1850 liegt von dem aus Lobendau in Nordböhmen stammenden Anton Drasche vor (3).
Ein Blick in Kirchenbücher des Hultschiner Ländchen zeigt, dass die Cholera nicht überall gleichzeitig und gleich aggressiv wirkte. Während in einigen Kirchenbüchern, z. B. in Pleßna oder Dielhau in jener Zeit gar keine Opfer der Cholera verzeichnet sind, gab es in anderen Orten zahlreiche Eintragungen mit Cholera als Todesursache. Vorausgesetzt, dass dem Kirchenbuchführer die richtigen Informationen zu den festgestellten Todesursachen vorlagen, sind durch die Cholera des Jahres 1849 im Kirchspiel Beneschau 26 Personen ums Leben gekommen (4). Der erste Todesfall trat am 08.09.1849 auf (4; Folie 94), der letzte Eintrag mit der Cholera als Todesursache erfolgte am 22.11.1849 (4; Folie 95). Zum Vergleich wurden die Kirchenbücher von Hultschin herangezogen (5), hier gab es relevante Eintragungen allerdings nur für das Vorjahr 1848. Jedoch traten die Todesfälle wiederum ausschließlich im Herbst und im frühen Winter auf. Vom 19.09.1848 bis zum 07.12.1848 wurden insgesamt 17 an der Cholera Verstorbene registriert, darunter 10 Personen aus den Dörfern Koblau, Markersdorf, Klein Darkowitz und Langendorf. 7 Personen stammten aus der Stadt Hultschin. Von den 26 Verstorbenen der Pfarrei Beneschau stammten nur 6 Personen aus den Dörfern Kosmitz und Zábřeh und damit 19 Personen aus der Stadt Beneschau. Im Vergleich mit den Sterbematriken aus Hultschin ergibt sich eine weitere Auffälligkeit (5). Besonders gefährdet erscheinen zwei Personengruppen unterschiedlichen Alters: Eine erste Häufig ist bei Personen im Alter von 25 bis 35 Jahren und eine weitere im Alter von 55 bis 65 Jahren festzustellen. Insbesondere stammten alle Verstorbenen der älteren Altersgruppe aus der Stadt Hultschin, während dessen in den Dörfern niemand in diesem Alter an der Cholera starb. Entgegen den Erwartungen sind nur sehr wenige Kinder an der Cholera verstorben. Besonders tragisch erscheint dabei das Schicksal der Familie des bereits am 29.12.1843 verstorbenen Gärtners Franz Kotalla in Beneschau (4, Folie 74), als innerhalb von 3 Tagen zuerst die 19jährige Tochter, dann zwei Tage später die 51jährige Witwe Katharina und am Folgetag die beiden verbliebenen kleineren Kinder, die 14jährige Ludwiga und der 6jährige Johann, verstarben. Ob andere Familienangehörigen überlebten, ist nicht bekannt, da sich für diese Familie in den Kirchenbüchern außer für den Sohn Johann keine weiteren Kindstaufen finden. Diese Familie war allerdings nicht das einzige Beispiel, wo mehrere Glieder einer Familie an der Cholera verstarben. Die Cholera hat wider Erwarten nicht zu einer erhöhten Sterblichkeit in der Gemeinde Beneschau geführt. Vielmehr liegt die Zahl der Verstorbenen des Jahres 1849 mit 96 Personen sogar noch etwas unter dem Durchschnitt der Jahre 1841 bis 1893, der bei 102,5 Verstorbenen liegt. Dennoch beträgt der Anteil der Cholera als Todesursache beachtliche 25%, so dass nicht ausgeschlossen werden darf, dass die Cholera eventuell im Zusammenspiel mit weiteren Krankheiten oder anderweitigen Vorbelastungen diese Wirkung zeigte.
Als nächstes Beispiel wurden die Todesfälle der Gemeinde Krawarn geprüft (6). Hier starben vom 15.10.1849 bis zum 12.12.1849 14 Personen an der Cholera, geteilt wieder in zwei deutlich getrennte Altersgruppen: 7 Kinder im Alter von 2 bis 16 Jahre sowie eine weitere im Alter von 45 bis 61 Jahren mit einer deutlichen Häufung zwischen 55 und 61 Jahren.
In Troppau, der größten Stadt in dieser Gegend, begann die Cholera am 13.08.1849 ihr Werk (7). Nach kurzer Pause starben dann jedoch vom 05.09.1849 bis zum 23.1.1849 an der Cholera 123 Personen, das sind ca. 36 % der Verstorbenen. Entgegen den zuerst genannten Beispielen hat hier die Cholera jedoch in der Tat zu einem deutlichem Anstieg der Verstorbenenzahl geführt.
Auf die Cholera wurde ich aufmerksam, als ich im Kirchenbuch von Beneschau las, dass der Pfarrer Franz Pawlenka „Opfer seines Berufes“ wurde (4, Folie 94). Da für das Jahr 1849 weniger an eine religiös determinierte Todesursache gedacht werden durfte, waren andere Begründungen für diese Bemerkung erforderlich. Diese ergab sich aus der Todesursache „Cholera“, insbesondere wenn man las, dass der Pfarrer Pawlenka gleich bei mehreren Gemeindegliedern den geistlichen Beistand geleistet hatte. Ohne Zweifel musste er sich bei einem dieser Versehgängen angesteckt haben. Infektion, Erkrankung, Tod und Beerdigung müssen sehr schnell vonstatten gegangen sein, denn im Kirchenbuch von Beneschau fand sich als Folgeeintrag nach seinem Eigenen der Sterbeeintrag eines weiteren Gemeindemitgliedes, dessen Versehung noch von ihm selbst vollzogen worden war.
Pfarrer Pawlenka war selbst ein Gemeindekind und am 03.11.1816 als ältestes Kind des Bauern Johannes Pawlenka in Zábřeh geboren worden. Zu Studium und eventuellen früheren Wirkungsstätten ist mir nichts bekannt. In den Kirchenbüchern von Beneschau tritt er erstmals am 06.05.1840 bei einer Taufe und am gleichen Tag auch anlässlich einer Beerdigung als Cooperator von Buslawitz und Sawada auf. Anläßlich dieser ersten Diensthandlungen wird er ausdrücklich als Weltpriester bezeichnet. Seine erste Trauung vollzog Franz Pawlenka am 02.06.1840. Anläßlich seines Sterbeeintrages wird auch kurz der seelsorgerische Lebenslauf geschildert. Demnach war Pfr. Pawlenka Cooperator bis 1843, seit diesem Jahr bis September 1847 Administrator und dann bis zu seinem Tode Parochus (Pfarrer) von Beneschau.
Dechant im Pfarrort Beneschau war zu jener Zeit der aus Kranowitz stammende Pfarrer Matthias Soyka, ein Bruder seiner Mutter. Anläßlich des Todes von Dechant Matthias Soyka am 31.12.1842 ist übrigens eine längere Schriftprobe von Franz Pawlenka überliefert, als er in Form eines kurzen und mit sichtlich ergriffenen Worten formulierten Nachrufes die Umstände des Todes seines Onkels näher beschreibt (4, Folie 69).
Der tragische Tod von Pfarrer Franziskus Pawlenka im Zusammenhang mit seiner Berufsausübung hatte seine Zeitgenossen tief beeindruckt. Dies zeigte sich nicht nur an der bereits zitierten Bemerkung im Kirchenbuch. Anschaulich wird die Verehrung, die Pfarrer Pawlenka bei seinen Gemeindegliedern genoss, auch anhand der großen Grabplatte, die sich bis heute an der Außenwand der Kirche von Beneschau erhalten hat (Abb. oben).

Die Grabinschrift lautet dabei wie folgt:

Literatur / Quellen
(1) http://www.gesundheitsamt.de/alle/seuche/infekt/bakt/chol/sg.htm
(2) Karl Friedrich Vollrath Hoffmann; (Die) morgenländische Brechruhr nach ihrem Zuge und ihrer Verbreitung, auf drei Karten bildlich dargestellt. Stuttgart 1832.
(3) Anton Drasche, Die epidemische Cholera (Mit zwei colorierten Landkarten und einer graphischen Darstellung). Wien 1860, bes. ab S. 50
(4-7) https://digi.archives.cz/da/
(4) Sterbematrikel 2621, H IV 10, Dolni Benešov (Beneschau)
(5) Sterbematrikel 2600, H I 13, Hlučín (Hultschin)
(6) Sterbematrikel 2641, H XI 9, Kravaře (Krawarn)
(7) Sterbematrikel 35, Op I 33a, Opava (Troppau)
