Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Niedereinsiedel – Geschichte der bäuerlichen Landwirtschaften

Erläuterung zum Beitragsbild: Landwirtschaftsfluren von Niedereinsiedel nebst Hausnummern (auf Grundlage eine Karte von 1843)

Bäuerliche Familien in Niedereinsiedel vor Beginn des ältesten Kirchenbuchs von 1760

Niedereinsiedel war ursprünglich ein klassisches Waldhufendorf im Nordböhmischen Niederland. Links und rechts vom Heimichbach reihten sich die landwirtschaftlichen Höfe; hinter diesen erstreckten sich bis zur Gemarkungsgrenze die dazu gehörenden Flurstreifen mit den Äckern, Wiesen und Wäldern. Manch ein Bauer hatte auf der anderen Gemarkungsseite noch eine Überschar. Zuletzt allerdings widmete sich wohl nur noch ein einziger Hof der Landwirtschaft, nämlich der „Münzel-Bauer“ Nr. 1. Hier gab es zudem einen Gasthof „Zum Alten Gericht“, ein Hinweis auf die Tätigkeit der früheren Besitzer.

Die älteste konkrete namentliche Überlieferung der Grundeigentümer bringt das Urbar von 1574, das im Deciner Archiv aufbewahrt wird. Demnach gab es zu jener Zeit 1 Lehenrichter, 6 Bauern und 8 Gärtner. Unbesetzte Hofstellen sind nicht zu erkennen.

Der 30-jährige Krieg hatte verheerende Auswirkungen nicht nur für das nordböhmische Niederland insgesamt sondern auch speziell für Niedereinsiedel. Auf der westlichen Bachseite waren sämtliche Landwirtschaften mit Ausnahme der sehr kleinen Gartennahrung Nr. 6 verlassen. Auf der östlichen Seite des Dorfbaches waren nur zwei Bauern „alteingesessen“ (Nr. 68 und Nr. 74). Die übrigen Fluren waren wüst. Die konkreten Ursachen des Wüstwerdens der Höfe sind nicht bekannt. Möglicherweise spielten hier auch die Folgen des Krieges auch die Gegenreformation 1627-1653 eine nicht zu unterschätzende Rolle, insofern als die Besitzer der Höfe die Region der Religion wegen verlassen haben.

Zwischen der Neubesetzung der bäuerlichen Höfe nach dem 30jährigen Krieg bis zum Beginn der erhaltenen Kirchenbücher klafft eine Lücke von reichlich 100 Jahren. Um diese Lücke wenigstens etwas zu schließen, können weitere genealogische und historische Quellen zu Rate gezogen werden. Da sind zunächst die Mannschaftsbücher, die bekanntlich detaillierte Informationen zu den Familien und sonstigen Bewohnern der Häuser des jeweiligen Ortes enthalten. Das älteste erhaltene Mannschaftsbuch von Niedereinsiedel bezieht sich auf des Jahr 1750 und ist damit nochmal 10 Jahre älter als das älteste erhaltene Kirchenbuch für Niedereinsiedel von 1760. Mit Hilfe der Häuserliste von 1719 aus dem Theresianischen Kataster gelingt dann ein ungefährer Überschlag zu den Urbaren der Herrschaft Hainspach, die helfen, die Lücke zur Neueinsetzung der Wirte nach dem 30jährigen Krieg zu schließen. Für einige wenige Landwirtschaften sind zudem konkretere Informationen zur Wiedereinsetzung nach Krieg und langer Ödzeit bekannt. Ein Blick in die Grundbücher von 1740 runden das Bild oftmals ab.

Lehenrichter Nr. 1

Dieser Hof galt gemäß berni rula um 1650 alsverlassen. 1654 wird als Besitzer Baltazar Herzog genannt. Die Familie Herzog / Hertzig bewirtschaftete den Hof dann bis Ende 19. Jahrhunderts. Dieser Bauer hatte zugleich das Amt eines (Orts-)Richters inne. Mitte des 19. Jahrhundert war Familie Knoth Besitzer vom Hof. 1945 war der Hof als „Münzel-Bauer“ bekannt.

Bauer Nr. 8

Dieser Hof galt gemäß berni rula um 1650 als verlassen. Das Urbar von 1668 nennt Christoph Fritze als Besitzer. Von 1719 bis 1767 ist eine Familie Zabel nachweisbar und von 1782 bis 1839 die Familie Ramsch. Danach wirtschaftete hier die Familie Sieber.

Der Bauer Nr. 8, nach alter Zählung B1, hatte auf der östlichen Gemarkungsseite eine sehr große Überschar.

Bauer Nr. 11 vulgo Heimansches bzw. Kittelsches Gut

Dieser Hof galt gemäß berni rula um 1650 als verlassen. 1663 wird er als „ganz wüst und ohne Gebäude“ bezeichnet. Ab 1668 ist die Familie Herlet / Herldt auf diesem Grundstück nachweisbar. Im 19. Jahrhundert wirtschaftete hier ebenfalls die Familie Sieber.

Bauer Nr. 15 vulgo Friedel-Gut

Dieser Hof galt gemäß berni rula um 1650 als verlassen.Im Jahr 1661 erwirbt Friedrich Sieber den Hof. Dessen Familie bewirtschaftete den Hof bis ins 19. Jahrhundert hinein.

Dieser Bauer, nach alter Zählung B3, war der größte im Ort und war ehedem „6-rüthig“, wurde dann aber der schlechten Böden wegen wie ein 4-rüthiger Bauer behandelt, was steuerliche Auswirkungen hatte.

Die kleinen Gartennahrungen Nr. 23, 30, 31 und 36 sind 1569 aus dieser Flur herausgelöst worden. Die Flur hieß damals „Georg-Schneiders-Gut“.

Bauer Nr. 68 vulgo Bergertsches Gut

Dieser Hof war gemäß berni rula um 1650 ansässig. Der damalige Besitzer hieß Christoph Grohmann, der den Hof bis 1668 inne hatte. Im selben Jahr findet sich als Besitzer Georg Müller. Dessen Familie ist hier mindestens bis Ende des 18. Jahrhunderts nachweisbar. Im 19. Jahrhundert gab es hier eine Familie Marschner.

Die Flur wirkt um 1843 als stark verändert. Des Weiteren gehörte dazu eine Überschar, die sich innerhalb des alten Wirtschaftsstreifen von Bauer Nr. 70 erstreckte.

Bauer Nr. 70 vulgo Gemeindegut

Dieser Hof galt gemäß berni rula um 1650 als verlassen. Das Urbar von 1668 nennt Hans Herlt als Besitzer. Dessen Familie wirtschaftete hier bis ins 19. Jahrhundert hinein.

Bauer Nr. 74 vulgo Berggut

Dieser Hof war gemäß berni rula um 1650 ansässig. Der damalige Besitzer hieß 1654 Friedrich Sybr. Die Familie Sieber ist hier von 1654 bis ins 19. Jahrhundert nachweisbar. Erstmalig wird die Familie Sieber hier jedoch schon 1574 als Besitzer genannt.

Papiermühle Nr. 84

Für die alte Papiermühle wurde ein gesonderter Flurstreifen geschaffen. Das Urbar von 1668 berichtet, dass dieser Streifen vor langen Jahren aus des Christoph Friesen Gutes genommen wurde. Dabei kann es sich nur um den Hof Nr. 70 handeln. Das Urbar von 1574 nennt als Vorbesitzer jedoch Thomas Keyser.

Die Gartennahrungen

In Niedereinsiedel gab es sieben Gartennahrungen, also kleinere Landwirtschaften, deren Fluren nicht bis an die Gemarkungsgrenze reichten, sondern offenbar vor langer Zeit aus anderen Fluren herausgelöst wurden, so wie oben beschrieben. Diese Gärtner waren gemäß berni rula 1650 alle verlassen und unbewohnt. Lediglich für Nr. 23 wird angegeben, dass hier ein Wirt ansässig sei. Von 1719 an bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ist auf Nr. 23 eine Familie Friese nachweisbar. Die Neubesetzung des Hofes Nr. 49 erfolgte im Jahr 1653 und für den Hof Nr. 57 im Jahr 1654. Eine über längere Zeit andauernde Familienkontinuität konnte mit Ausnahme von Nr. 23 allerdings bei keiner Gartennahrung festgestellt werden.

Eine genauere Auflistung der Eigentümer zu den Fluren findet sich in meinem Beitrag:
Niedereinsiedel. Genealogische Studien zu den bäuerlichen Familien vor Beginn des ältesten erhaltenen Kirchenbuches. In: Sudetendeutsche Familienforschung XV/Heft 8 (Regensburg 2022) S. 351-357.

weitere Literatur

Herzig, Josef; Aus alter und neuer Zeit (Niedereinsiedel 1923).

Müller, Klaus; Ein gezielter Blick in die Berni Rula von 1654 (Regensburg 2015).