Beitragsbild: Schönau Nr. 360 und Nr. 449 (Lithographie aus J. Fiedlers Heimatkunde von 1898)
Die Bandfabrik Johann Franze in Groß Schönau Nr. 360 und Nr. 449

Werksgebäude der Firma Franze in Schönau, Nr. 449, errichtet 1893
Auch heute noch zählen die Fabrikgebäude der Bandfabrik Franze zu den beeindruckenden Zeugnissen eines einst bedeutenden Industriezweiges in Schönau, wenn auch der gegenwärtige Zustand nur noch wenig erahnen läßt von der einstigen Bedeutung und Größe der Firma. Schaut man sich die Geschichte dieser Firma näher an, so ist auch hier ein stetiger Aufstieg von zuerst sehr bescheidenen Verhältnissen bis schließlich zu einem der größten Betriebe in Schönau zu beobachten. Auch hier lief nicht alles geradlinig, vielmehr mußten auch hier Rückschläge verkraftet werden.
Die Fa. Franze zählt selbst zur sogenannten zweiten Generation an Bandfabriken im Ort. Die Vorfahren des ersten Fabrikanten waren eingesessene Schönauer und stammten von Christoph Franze vom Nieder Schönauer Bauerngut Nr. 239 „Nieder-Franzen“ ab und waren in der Regel Reisemänner und Landgeher. Johannes Franze (1766-1812), der Vater des ersten Fabrikanten, war ein Handelsmann in Kleinschönau Nr. 24 und kam bei seinen Reisen sogar bis nach Hamburg. Ab 1804 lebte er aber in Schönau Nr. 128, dem Haus seiner Schwiegereltern. Hier wurde 1812 u. a. der Sohn Johann geboren. In den Jahren 1835-1852 wird dieser Johann Franze in den Kirchenbüchern noch als Bandweber in Schönau Nr. 128 genannt. Durch seine 1835 erfolgte Eheschließung mit Maria Theresia Hesse aus Nixdorf trat er allerdings in Verbindung mit den großen Schönauer Bandfabrikanten der ersten Generation. Die Oheime seiner Frau waren Ambros und Franz Josef Hille, die zu den Begründern dieser Industrie in Schönau zählten. Ganz gewiß wird dies die spätere Entwicklung auch von Johann Franze beinflußt haben. Bei den Geburten seiner 11 Kindern treten nun etliche Vertreter der Schönauer Bandindustrie als Paten auf. 1846 wird Johann Franze sn. erstmals als „Bandfabrikant in Schönau Nr. 128“ genannt. Von ca. 1848 bis wenigstens 1854 führte er ein gemeinsames Geschäft mit seinem Schwager Joseph Hille (1810-1876), einem Sohn des Bandfabrikanten Franz Anton Hille aus Schönau Nr. 311. Man produzierte „leinende und baumwollende Bänder“ und hatte sogar eine Niederlassung in Wien. Das Geschäft lief aber nicht so gut, so dass man sich wieder trennte.
Wie auch anderenorts üblich hatte Johann Franze seine Stühle im eigenen Haus Schönau Nr. 128 stehen. Sehr groß kann das Geschäft also nicht gewesen sein. Das änderte sich mit der Hochzeit seines Sohnes Johann im Jahr 1866 mit Anna, der Tochter des vermögenden Bauern und Handelsmannes Josef Mayer aus Hainspach Nr. 28. Schon im Jahr 1874 gab es den ersten Neubau: Errichtet wurde an der Zeidler Straße das Wohn- und Geschäftshaus Nr. 360, ein stattliches zweietagiges Gebäude mit ausgebautem Dachgeschoß und reich gegliederter und anschaulicher Fassade.

Bauplan Wohn- und Geschäftshaus Schönau 360 der Fa. Franze von 1874 (Archiv Decin)
Ob hier auch produziert wurde, ist nicht bekannt. Drei Jahre später wurde auf dem Hof ein erstes, flaches und unterkellertes Hofgebäude errichtet, das auf jeden Fall bereits der Produktion diente. 1879 starb allerdings Johann Franze sn., der Firmengründer. Ihm folgte sein Sohn Johann, der nach seiner Trauung im Jahr 1866 auf der „gegenüberliegenden Seite“, nämlich in Leopoldsruh Nr. 8, lebte, von 1869-1873 Geschäftsteilnehmer im väterlichen Betrieb in Schönau Nr. 360 war und ab 1875 auch in Nr. 360 wohnte. In den folgenden Jahren gab es die erste größere Fabrikserweiterung. Am im Jahre 1874 errichteten Hofgebäude wurde nördlich ein zweietagiges Fabrikgebäude mit zwei Arbeitssälen und hoher Esse am nördlichen Giebel angebaut.
Ein einschneidendes Ereignis war 1890 der Tod von Johann Franze jn., so dass die Witwe Anna Franze die Firma alleine weiterführte. Die Firma muß sehr gut gelaufen sein, denn schon im Jahr 1893 gab es die nächste große bauliche Erweiterung. Das ursprüngliche Hofgebäude wurde nunmehr stark in Richtung Leopoldsruh erweitert und auf drei Etagen erhöht. Dabei wurde sogar die alte Gemarkungsgrenze nach Leopoldsruh überschritten und eine alte, in Ost-Westrichtung verlaufende Wegeverbindung überbaut. Der Neubau erhielt die Nr. 449. Es entstand der bis in unsere Tage existierende Gebäudekomplex. Die große Bedeutung der Firma für Schönau und Umgebung erkennt man auch daran, dass sie einen Platz in der Politischen Heimatkunde von Josef Fiedler gefunden hat (1898). Aus jener Schrift stammt auch die beigefügte Abbildung oben mit den Fabrikgebäuden jener Zeit. Als letzte Firmenerweiterung folgte im Jahr 1908 der industrielle Flachbau entlang der Zeidler Straße, der mit dem Haus Nr. 360 baulich verbunden war und der Firma als Magazin diente.

Bauzeichnung zum Neubau Nr. 449, Fa. Franze in Schönau (Archiv Decin)
Wie wohl auch bei anderen Firmen in Schönau bewirkte der Erste Weltkrieg für die Fa. Franze einen Niedergang. Da auch die folgenden Jahre wohl keine einschneidende Änderung brachten, stellte die Firma im Jahr 1925 ihr Geschäft ein. Laut Kalender von 1933 ist Klemens Franze (1877-1939), ein Sohn von Johann Franze jn., Eigentümer von Nr. 360 und Nr. 449. Klemens Franze hinterließ zwei Töchter, von deren Verbleib leider nichts bekannt ist.
Der Gebäudekomplex der ehemaligen Fa. Franze blieb bis 1945 weiterhin Sitz verschiedener Firmen, die da wären: Josef Jahnel, ein Bandwebstuhlbauer; die Bandweberei Wilke & Pfeiffer sowie die Hosenträgererzeugung Johann Hille.

Schönau Nr. 360 (links im Bild), Nr. 449 im Hintergrund und das Magazin (rechts im Bild) Aufnahme 2016 M Turyna

Musterkatalog der Fa. Franze in Schönau / Nordböhmen

Grabstein der Familie Franze aus Schönau 360 auf dem städtischen Friedhof,
Aufnahme 2025, M. Turyna
