Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Die Bandfabrik Schorisch in Groß Schönau

1888 errichtete erste Werkhalle der Firma Schorisch (googlestreat)

Die Bandfabrik Schorisch in Groß Schönau

Frau Filomene Swoboda, geborene Schorisch, in dankbarer Erinnerung.

Neben Hille & Hampel, J. Frind und August-Liebisch-Söhne gehörte die Bandfabrik Schorisch vermutlich zur ersten Generation der Bandfabriken in Groß Schönau. Das Firmenemblem ziert stolz die Jahreszahl 1803 und auch die einschlägige Literatur führt diese Jahreszahl als Gründungsdatum der Firma auf. Allerdings wird in einer Publikation von 1878 das Jahr 1830 als Gründungsjahr der Firma angegeben.

Der Geschichte dieser großen Bandfabrik soll in diesem Beitrag nachgegangen werden. Hilfreich dabei war eine im Jahr 1935 von Anna Schorisch und Fritz Wünsche, den letzten Inhabern der Firma, zusammengestellte kurze Firmengeschichte. Zahlreiche Hinweise stammen weiterhin aus den Kirchenbüchern und dem Internet.

Die Geschichte der Bänder- und Schnürenproduktion geht auf Florian Schorisch (1770-1846) zurück. Dieser entstammte einer alteingesessenen Schönauer Familie. Seine Vorfahren waren zumeist Reisemänner oder Zimmerleute. Ursprüngliches Stammhaus der Familie war die Nr. 258 (alt H178). Das Haus Nr. 269 erwarb Florians Großvater Hans Schorisch erst im Jahr 1728. Florian Schorisch wird in den Kirchenbüchern ab 1798 Schnürenmacher genannt, sicherlich der Anfang der späteren umfangreicheren Bandweberei. Zu jener Zeit muß man davon ausgehen, dass im eigenen Haus wohl ein bis maximal zwei Webstühle standen, die von der eigenen Familie bedient wurden. Verarbeitet wurden zunächst nur einheimische Flachsgarne, die mit Hand gesponnen wurden. Um 1830 übernahm der Sohn Franz Josef Schorisch (1798-1869) das Geschäft. Von 1834 bis 1848 wurde er in den Kirchenbüchern als Bandweber in Schönau Nr. 177 genannt. In diesem Haus wurde auch 1837 der spätere Fabrikant Augustin Schorisch geboren. Von 1862 bis 1868 war Josef Schorisch Bandwarenerzeuger und Hausbesitzer in Schönau Nr. 269 und 1869 bei seinem Tod dann Bandwarenfabrikant.

Ab 1848 wurden Erzeugnisse aus Baumwollgarnen hergestellt und nur Spezialartikel wurden noch aus Leinengarnen gefertigt. Der Absatz der gewebten Bänder lag in den Grenzen von Österreich. Mit Pferdefuhrwerken wurden die großen Märkte in Prag, Pilsen und Brünn aufgesucht. Erst mit der Eisenbahn 1868 und infolge der Kriege 1866 und 1870/71 bekam die Bandweberei neue und bessere Grundlagen. In den Jahren 1870-1880 begann allgemein die Mechanisierung der Bandwebstühle, bis dahin gab es nur Handbetrieb. Die Fa. Schorisch beschäftigte in jener Zeit einige 20 Arbeiter.

Nach dem Tod von Franz Josef Schorisch übernahm 1869 der Sohn Augustin Schorisch (1837-1911) die Firma. Damit begann für die Firma Schorisch die industrielle Phase der Bandwarenerzeugung. Schließlich konnte im Jahr 1888 an das Haus Nr. 269 ein neues Fabrikgebäude mit Kessel, Esse und Dampf- und Appreturmaschine errichtet werden (Abb. 1). Hier fanden 30 Bandstühle und die erforderlichen Zusatzmaschinen Platz. Bis zum Beginn des ersten Weltkrieges beschäftigte die Firma 150 Arbeiter und Arbeiterinnen sowie weitere 40 Bandweber als Heimarbeiter in Hainspach, Lobendau und Hilgersdorf. Interessanter Weise war auch Franz Josef Schorisch, der ältere Bruder von Augustin Schorisch, Bandwarenerzeuger. In seiner Produktionsstätte Leopoldsruh Nr. 23 ist er von 1870 bis 1878 als Banderzeuger nachzuweisen. Danach verliert sich allerdings seine Spur.

Aus dem Jahr 1878 liegt für die Firma Schorisch eine Aufzählung der Produktpalette vor: Leinen- und Baumwollbandwaren, Gurt- und Strumpfbänder, Batisband und „überhaupt alle Artikel des Bandfaches“. Zudem hatte die Firma eine Niederlassung in Prag.

Im Jahr 1886 trat nach vorzüglicher kaufmännischer Ausbildung der älteste Sohn von August Schorisch, Josef Schorisch (1863-1911), in das Geschäft ein. Ab 1898 war er Gesellschafter.

Um 1890 herum muß die Fa. Schorisch das Grundstück des bisherigen Bauerngutes Nr. 266 „Liebisch“ erworben haben. Familie Liebisch errichtete die neuen Hofgebäude anschließend nördlich der Landstraße an der Stelle, wo sie bis mindestens 1968 noch gestanden haben. An der Stelle der abgerissenen Hofgebäude von Nr. 266 wurden im Jahr 1895 das Wohn- und Geschäftshaus Nr. 401 sowie damit zusammenhängend vier Jahre später ein weiteres Fabrikgebäude errichtet .

Die Bandfabrik Schorisch in Schönau, Lageplan der Gebäude (Archiv Decin)

1892 wurde der erste Jaquardbandwebstuhl aus Barmen aufgestellt und auch von dort ein Werkmeister angestellt. Firmenerweiterungen gab es 1898 und auch 1905 als Maschinenhaus, Kesselhaus und große Esse errichtet wurden. Fast in jedem Jahr gab es weitere Erweiterungen. 1911 starben jedoch überraschend Josef Schorisch und auch sein Vater Augustin Schorisch. Neuer Inhaber wurde der jüngere Bruder Johann Georg Schorisch (1877-1929).

1895 errichtetes Wohn- und Geschäftshaus Nr. 401 (Googlestreat)

Bauplan des Geschäftshauses Schönau Nr. 401 (Archiv Decin)

Ende des Jahrhunderts, so berichten es die örtlichen Zeitungen, gab es Streik bei der Fa. Schorisch. Anlaß war wohl das von den Arbeitern zu zahlende „Licht- und Stuhlgeld“. Die 60 streikenden Arbeiter konnten 1899 den Wegfall des Lichtgeldes erreichen, das Stuhlgeld hingegen mußte offenbar weiterhin gezahlt werden, bzw. wurde vom Lohn gleich einbehalten.

Ende des 19. Jahrhundert erschloß die Familie Schorisch für sich ein zweites wirtschaftliches Standbein. Spätestens ab 1895 war Augustin Schorisch (1868-1928), der zweitälteste Sohn des Bandfabrikantens Augustin Schorisch, Inhaber des Bauerngutes Nr. 181 und bewirtschaftete mit 30 ha Gesamtfläche ein recht großes Bauerngut. Letzter Bauer war dann sein Sohn Wilhelm Schorisch.

Bauernhof Schorisch, Schönau 181, im Jahr 1951

Der erste Weltkrieg brachte große Veränderungen und einen gravierenden Einbruch in der Produktion mit sich. Lieferschwierigkeiten und Arbeitskräftemangel (mehr als die Hälfte der Arbeiter war eingezogen worden) führten zur Einstellung der Produktion in den Kriegsjahren 1914-1918. Dessen ungeachtet sind auch für diese Jahre weitere Bauvorhaben zu verzeichnen. Nach Kriegsende trug die zahlreiche Zeichnung von Kriegsanleihen zu einem weiteren Niedergang bei. Durch Umverarbeitung, wir würden heute sagen recycling, von Kriegsuniformen zu Dingen des täglichen Bedarfs gelang eine gewisse Überbrückung, so dass schließlich 250 Leute in der Fabrik und ebenso viele Heimarbeiter Arbeit fanden.

Bandwarenfabrikant Johann Georg Schorisch (1877-1929)

Nach dem Tod von Johann Georg Schorisch 1929 leitete die Witwe Anna Schorisch mit Unterstützung Ihres Neffens Fritz Wünsche den Betrieb. 1935 hatten im Betrieb 150 Leute Arbeit. 1924 wurde mit dem Fabrikanten Staude aus Warnsdorf ein gemeinsames Unternehmen gegründet: Staude & Co. KG. Vom 27. Mai 1925 datiert die Erlaubnis für die Fa. Staude, in der Betriebststätte der Fa. Schorisch eine „Betriebsstätte für fabrikmäßige Erzeugung von Schuhbändern“ einzurichten. 1937 schließlich wurde die große Werkhalle Schönau Nr. 547 errichtet.

Musterkatalog der Firma Schorisch

Mit der Vertreibung der deutsche Bevölkerung 1945 endete allerdings die Bandwarenproduktion in diesen Gebäuden nicht. Heute hat die Fa. STAP aus Vilemov / Wölmsdorf hier ihre Schönauer Niederlassung.