Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Heinrich Ruzićka (1789-1850)

Heinrich Ruzićka (1789-1850)

ein Vertreter der Frühphase der Industrialisierung in Schönau/Nordböhmen

Ein wichtiger Akteur in der Frühzeit der industriellen Geschichte von Schönau in Nordböhmen war Heinrich Rusitzschka, oder wie er sich wohl selbst schrieb: Ruzićka. Eine weitere Schreibweise findet sich auf seinem Grabstein, der sich auf dem Schönauer Kirchfriedhof erhalten hat: Rusitzka. Die Schreibweise des Namens variierte sehr stark, vermutlich auch deshalb, weil ein böhmisch/mährischer Namen für das nordböhmische Niederland doch eher ungewöhnlich und die Schreibweise damit ungeübt war.

Heinrich Ruzićka wurde am 31.05.1789 in Trebitsch/Mähren geboren. Aufgewachsen ist er jedoch in Schönau/Nordböhmen. Sein Vater Joseph Ruschitzka war Gefreiter im Infanterieregiment von Hohenlohe und lebte einige Jahre in Schönau, wo von 1793 bis 1798 vier Kinder geboren wurden. Möglicherweise hat er Schönau um 1800 auch schon wieder verlassen. In den Mannschaftsbüchern jener Zeit taucht er jedenfalls nicht auf. 1816, als seine Tochter Magdalena in Schönau Nr. 13 starb, war er anscheinend nicht mehr am Leben.

Heinrich Ruzićka verblieb wohl in Kleinschönau und tritt das erste mal in den Kirchenbüchern mit seiner Eheschließung am 22.09.1814 mit Theresia, einer Tochter von Anton Pietschmann, einem Zimmermeister in Kleinschönau Nr. 43, in Erscheinung. Schönau Nr. 13 ist von nun an sein Wohnsitz, hier werden seine vier Kinder geboren, von denen bereits drei im Kleinkindsalter versterben. Stets wird er in den Kirchenbucheinträgen Schnürenmacher und dann später Bandweber genannt.

Das änderte sich spätestens mit dem Jahr 1825, als er in einem Adressbuch der Handlungsgremien und Fabriken mit dem Hinweis genannt wird, dass er „Mousselin [Gewebe in Leinwandbindung], Bercails [Bettwäsche aus Baumwolle], gestreifte Badner und Niederländer Bandel fabriciert“. An andere Stelle wird erwähnt, dass „Barchent“ gehandelt wurde, ein Mischgewebe aus Leinen (Kette) und Baumwolle (Schuss).

Von nun an wird er in den offziellen Mitteilungen wie dem jährlich erscheinenden böhmischen Schematismus zu Industrie und Handel in Österreich und diversen Adressbüchern gemeinsam mit anderen unter dem Stichwort „Bänder“ als Fabrikant aufgeführt. Er stand damit in einer Reihe mit weiteren frühen Fabrikanten jener Zeit wie den Gebrüdern Ambros und Josef Hille aus Schönau, August Liebisch aus Leopoldsruh und Josef Frind aus Kleinschönau. Wiederholt wird erwähnt, dass Heinrich Ruzićka die Märkte in Wien „mit Bändern“ besucht, so wird z. B. 1838 die Adresse „auf der Freyung, Landskrongasse, Hütte 190“ angegeben.

Spätestens mit dem Jahr 1834 wird in den Kirchenbüchern neben Schönau Nr. 13 als weiterer Wohnort Leopoldsruh Nr. 5 genannt. Oder war das gar die Produktionsstätte? Beide Adressen wechselten sich nun ständig ab. In Leopoldsruh Nr. 5 starb 1837 seine Ehefrau Theresia als Frau eines Bandfabrikanten. Kurze Zeit später heiratete er die aus eben jenem Leopoldsruh Nr. 5 stammende Maria Amalia Paul, eine Tochter des Reisemannes Franz Josef Paul und seiner Gattin Franziska, die wiederum eine Tochter von Franz Jäger war, Müllermeister in Leopoldsruh und zentrale Gestalt im öffentlichen Leben jener Zeit. Im Jahr darauf erwarb Heinrich Ruzićka von seinem Schwager das Anwesen Leopoldsruh Nr. 5 gänzlich. In einem Adressbuch der Kaufleute Böhmens wird 1841 direkt von einer Schnürenfabrik gesprochen, allerdings jedesmal unter Schönau. Die genaue Anschrift der Fabrik ist leider nicht bekannt. Möglicherweise war sie unter Schönau Nr. 13 angesiedelt. Wir wissen es jedoch nicht. Wir wissen aber auch nicht, wie es überhaupt dazu kam, dass aus Heinrich Ruzićka ein Bandfabrikant wurde. Allerdings wird in der sog. Liehrchronik berichtet, dass Heinrich Ruzićka zunächst bei Josef Frind in Kleinschönau arbeitete, eher er später selbst das Geschäft betrieb und als erster auch einen Buchhalter und in Schönau auch eine eigene Färberei hatte. Da Josef Frind im Jahr 1838 starb, haben wir ein weiteres zeitliches Indiz für das industrielle Wirken von Heinrich Ruzićka.

Leopoldsruh Nr. 5, von 1838 bis 1847 Wohnhaus von Heinrich Ruzićka, Aufnahme 2022

1847 verkaufte Heinrich Ruzićka das Anwesen Leopoldsruh Nr. 5 an den Fabrikanten Ambros Hille aus Schönau und kaufte statt dessen im Jahr 1849 das Anwesen Leopoldsruh Nr. 12, wo er am 17.09.1850 an einer schweren Krankheit im Alter von 61 Jahren verstarb. Er hinterließ seine Frau Amalia, die das Geschäft wohl alleine weiterführte, einen 1824 geborenen Sohn Heinrich, der als Bandweber und Knopfmacher in Nixdorf lebte, und eine im Jahr 1839 geborene Tochter Amalia, die 1861 den Buchdrucker und Kartonagefabrikanten Franz Strobach ehelichte und damit zur Stammutter eines angesehenen und weitverbreiteten Geschlechtes von Fabrikanten und Kaufleuten in Nordböhmen und Sachsen wurde.

Über das Leben von Heinrich Ruzićka sind wir über die Kirchen- und auch Grundbücher jener Zeit gut unterrichtet. Was wir nicht genau kennen, war das Portfolio seines Unternehmes, mit Ausnahme dessen, was uns die frühen Quellen der 30iger und 40iger Jahre des 19. Jahrhunderts erzählen. Heinrich Ruzićka scheint auch umtriebig gewesen zu sein, wie eine Nachricht, er hätte sich finanziell an anderen Unternehmen jener Zeit beteiligt, aufscheinen läßt. Fotos gibt es von ihm nicht, dafür ist er zu früh verstorben. Briefe oder andere Dokumente haben sich offenbar ebenfalls nicht erhalten. So bleiben uns nur die Spuren, die er in den Kompendien jener Zeit und den genannten anderen Quellen hinterlassen hat.

Grabstein von Heinrich Rusitzka [Rusitzka] (1789-1850) und Franz Strobach, historischer Kirchfriedhof in Velky Senov, Aufnahme 2000.

Grabstein der Familie Strobach aus Schönau Nr. 380 auf dem Neuen Friedhof von Velky Senov. Neben Amalia Ruzićka und ihrer Tochter Amalie Strobach und deren Ehemann Franz Strobach fanden die früh verstorbene Enkelin Anna und zwei Urenkelkinder, Maria Franziska und Erhard Franz Strobach, ihre letzte Ruhestätte in diesem Familiengrab. Auf der weißen und offensichtlich später hinzugefügten Marmorplatte sind Angehörige der Familie ihres Enkelsohnes Josef Strobach aufgezeichnet. Aufnahme 2022