
Die Ziegelmühle in Hainspach Nr. 123 war bis zu ihrem Abruch vor wenigen Jahren ein beeindruckendes bauliches Zeugnis aus der Mühlen- und Industriegeschichte von Hainspach. Ihre Geschichte läßt sich bis zum Jahr 1737 zurückverfolgen. Sie gehörte nicht zu den ältesten Mühlen des Ortes. Älter waren auf jeden Fall die Schloßmühle Nr. 157, die erstemals 1689 erwähnt wird, und die Pappenmühle im Hainspacher Niederdorf Nr. 205, die bereits 1693 nachweisbar ist. Das Alter der am südlichsten gelegenen Wassermühle von Hainspach, die Pilz- oder Steinmühle Nr. 189, habe ich noch nicht näher eingrenzen können.
Als die Ziegelmühle errichtet wurde, gab es im ganzen Hainspacher Oberdorf noch keine Wassermühle. Der Bau, insbesondere jedoch die Schaffung des Mühlgraben, war ein umfangreiches Vorhaben, dessen Organisation vermutlich nicht nur allein in den Händen des Mühlenbauers selbst gelegen haben kann. Der Mühlgraben hatte eine beträchtliche Länge und wurde etwa auf Höhe des Hocke-Bauers Nr. 35 vom Dorfbach abgezweigt. Er zog sich dann östlich des Dorfbaches und unterhalb der Bauernhöfe Nr. 87 „Schmiede-Bauer“, Nr. 91 „Bortel-Bauer“, Nr. 102 „Grohmann-Bauer“, Nr. 110 „Kunze-Bauer“ und Nr. 121 „Schlenkrich-Bauer“ entlang, bis er dann auf Höhe der Ziegelmühle selbst die Dorfstraße querte und unterhalb des Gebäudes das Mühlrad antrieb. Noch auf dem gleichen Grundstück strömte dann das Wasser des Mühlgrabens wieder in den Dorfbach zurück.
Bevor die Ziegelmühle auf dem Flurstück errichtet wurde, gab es hier schon ein Auhaus, wie es ja in Bachnähe zahlreiche weitere Auhäuser gab. Unmittelbare Nachbarn waren Nr. 122 und Nr. 124. Das hier interessierende Auhaus mit der alten No. 65 gehörte um 1730 vermutlich dem Ziegelstreicher Christoph Ulbricht. Dieser war am 16.03.1660 in Hainspach als Kind des Häuslers Johannes Ulbricht geboren worden und hatte 1682 in Hainspach die Maria Endler aus dem benachbarten Schönau geheiratet. Das Paar bekam von 1683-1702 neun Kinder; seit 1690 wurde Christoph Ulbricht bei der Taufe seiner Kinder regelmäßig als Ziegelstreicher benannt. Im Verzeichnis von 1718 wird erwähnt, dass er jährlich in einem einzigen Ofen ca. 24.000 Ziegel brennt und auch einen Gesellen hält. 1718 wird er darüber hinaus erstmals als Besitzer des Bauerngutes Nr. 126 (B17) aufgeführt. Dieses Bauerngut war ein Pfarrbauer, Vorbesitzer war die Familie Marschner, über die vor kurzem bereits in dieser Zeitschrift berichtet worden ist (siehe Beitrag zu Matz Marschner in Unser Niederland, Folge 879, 2023). Am 19.04.1722 starb Meister Christoph Ulbricht als „gewesener obrigkeitlicher Ziegelstreicher und Mahlmüller“ im Alter von 63 Jahren.
1734 kaufte Gottfried Ulbricht, vermutlich ein Verwandter von Christoph Ulbricht, das Auhaus No 65. Das Grundbuch für dieses Grundstück wird nach diesem Kaufkontrakt allerdings nicht mehr weitergeführt mit dem Hinweis, dass es anjetzo die Mahlmühle sei und unten den Mühlen fortgeführt wird.
Nur drei Jahre später, am 25.11.1737, erwarb Meister Johann Friedrich Ulbricht die hinterlassene Mahlmühle seines 1722 verstorbenen Vaters Christoph Ulbricht, der bei dieser Gelegenheit Ziegelstreicher und auch Pfarrbauer genannt wird. Es folgte der Hinweis, dass dieser Christoph Ulbricht mit Bewilligung der gnädigen Herrschaft diese Mahlmühle errichtet habe und er für dieses Grundstück von allen Hofediensten befreit sei. Die Ziegelmühle muß also zwischen 1718 und 1722 errichtet worden sein. Nach dem Tod von Johann Friedrich Ulbricht erwarb 1761 sein Sohn Joseph Ulbricht die Mahlmühle, bis diese dann 10 Jahre später an Franz Schubert verkauft wurde. 1843 ist Anton Kunze Besitzer der Ziegelmühle.
Das vierrüthige Bauerngut Nr. 126 übernahm 1723 übrigens der älteste Sohn von Christoph Ulbricht namens Hans Georg Ulbricht (+ v. 1752). 1763 kaufte es Johann Adam Frindt (siehe Beitrag zur Familie Frindt in Unser Niederland Folge 858, 2021).
In den folgenden 100 Jahren sind für die Ziegelmühle verschiedene Müllerfamilien nachzuweisen:
1778 Franz Josef Schubert, 1809 Franz Herrlich, 1818 Ferdinand Staschke, 1828 bis 1856 Anton Kunze. Im Jahr 1873 war die Wassermühle im Besitz von Anton Müller und seiner Frau Theresia, geb. Kunert. Zu diesem Zeitpunkt war die Mühle als solche nicht mehr in Betrieb. Anton Müller war Weber und betrieb dort eine Weberei. Der nächste Besitzer war Klemens Hille, der die Weberei in eine größere Textilfabrik umwandelte und zum Bestandteil der Firma Hille & Hampel in Schönau machte. Im Jahr 1882 lebte Klemens Hille hier mit seiner Frau Bertha, geborene Weber aus Nixdorf. Das Paar hatte einen Sohn Klemens (1882) und die Töchter Valeria Eva (1884) und Julia Franziska (1886). Zu jener Zeit lebte die Familie auch noch in Nr. 123. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Gebäude ausschließlich für Produktionszwecke genutzt. Später wohnten im Nebengebäude wieder etliche Hainspacher, darunter die Familie von Klemens Graser.

Die Ziegelmühle in Hainspach als Teil der Fa. Hille & Hampel (aus Fiedler 1896)
Anm.
Die Angaben zum 19. Jahrhundert entnahm ich der tschechischen Website zu den Mühlen in Böhmen und Mähren https://www.vodnimlyny.cz/de/

Hainspach Nr. 123, Ziegelmühle, Zustand 2009

Hainspach Nr. 123, Ziegelmühle, Zustand 2012, rechts im Vordergrund ein Flurkreuz
