Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Baltzer-Kapelle in Niederschönau

Beitragsbild: Installation einer Glocke in der Kapelle zwischen den Häusern Nr. 366 und 209, die 1956 abgerissen wurden. Die Kapelle selbst wurde 1975 abgerissen.

zeitgenössische Grafik

links die Eisenbahn auf dem Damm, in der Mitte das Gasthaus „Zur Böhmischen Nordbahn“, Schönau Nr. 366, rechts die Baltzer-Kapelle in Niederschönau

Fast am westlichen Ortsausgang von Groß Schönau gab es bis in die 80iger Jahre am sogenannten Damm eine kleine Kapelle, die, so erzählte mir mein Vater, Baltzer-Kapelle hieß. Der Damm trägt auch heute noch die Gleise der Eisenbahn, die von Nixdorf nach Schluckenau und darüber hinaus führt, die Kapelle allerdings gibt es schon lange nicht mehr.

Die heutigen Zeilen sollen diesem längst verschwundenen Kleinod der Volksfrömmigkeit ein Denkmal setzen und seine Geschichte vor dem endgültigen Vergessen bewahren. Die Kapelle war im Ursprung ein barockes Gebäude aus Stein, mit Schindeln gedeckt, im Innern gab es einen Altar mit zwei Altarbildern. Der Kirchbau war zweiteilig: ein kleines Hauptschiff und ein kleiner eingezogener rechteckiger Chorraum. Das Pultdach des Kirchenschiffes trug einen etwas überdimensioniert erscheinenden Glockenturm, der seinerseits vier große Rundbogenfenster hatte. Über der Eingangstür gab es eine Rundbogennische, in der eine Figur eingestellt war.

Errichten ließ die Kapelle laut Verzeichnis der Kreuze Stauen und Kapellen aus dem Jahr 1836 im Jahr 1784 Baltzer Herrmann aus Niederschönau. Allerdings wird die Kapelle bereits im Jahr 1743 erstmals erwähnt, als besagter Baltzer Herrmann vom gleichnamigen Vater das Auhaus H232 /Neu Nr. 209 im Jahr 1743 erwirbt.

Baltzer Herrmann war herrschaftlicher Hofzimmermeister; offenbar arbeitete er zuförderst für die Hainspacher Herrschaft, zur damaligen Zeit also die Familie Salm-Reifferscheidt. Er wurde am 15.01.1704 in Niederschönau Nr. 209 als Sohn seines gleichnamigen Vaters geboren, der ebenfalls herrschaftlicher Hofzimmermeister war. Kurz vor dem Tode seines Vaters kaufte Baltzer Herrman im Februar 1743 dessen Auhäusel samt dreier Fläckel Gärten. Wenig später heiratete Baltzer Herrmann die aus Schönau stammende Anna Maria Elisabeth Remisch; deren Vater Hans Remisch war Häusler und Bäcker in Niederschönau.

Den Eheleuten Herrmann wurden in der Folgezeit 6 Kinder geboren, allerdings starben drei Kinder bereits im Kleinkindalter. Baltzer Herrmanns Ehefrau starb 1773. Als schließlich auch noch sein Sohn Joseph, Vater von drei Kindern, 1779 noch jung mit 34 Jahren starb, muß dies ein weiterer herber Schicksalsschlag für Baltzer Herrmann gewesen sein. Am Ende seines Lebens muß er den Entschluß gefasst haben, neben seinem Haus eine Kapelle errichten zu lassen. Die Fertigstellung der Kapelle 1784 hat er nicht mehr erlebt, da er bereits am 04.10.1783 im Alter von 79 Jahren verstorben war. Auf den alten Katasterkarten ist die Kapelle bereits eingetragen; sie befand sich schräg gegenüber dem Haus Nr. 209 am Weg, der nach Wölmsdorf führte. Bis heute hat sich dafür ein separates Flurstück von 22 m² Größe erhalten. In einem alten Verzeichnis von 1846 wird diese Kapelle m. W erstmalig beschrieben. Demnach gab es zwei Altarbilder: das eine zeigte die Krönung Mariens und das andere Altarbild zeigte die Mutter Gottes mit dem Jesuskind. Der Boden gehörte damals zu einer Überschar des Bauerngutes Nr. 259 Lorenz Herrmann. Eine Verwandtschaft dieser beiden Herrmann-Familien konnte bislang allerdings nicht nachgewiesen werden.

Zu Beginn des 20. Jahrhumnderts wurde die Kapelle im neoromanischen Stil umgebaut, wobei sie jedoch ihre grundsätzliche Kubatur behalten hat. Das Äußere hat sich jedoch gewandelt und dem Stile der Zeit angepasst.

Ein Foto vom Inneren zeigt den neugotischen Altar. Im Altarbild eine Marienskulptur mit dem Jesuskind. Blumen und Kerzen verweisen auf eine fromme Nutzung.

Auf einem weiteren Bild ist zu erkennen, dass die Osterreiten an der Baltzerkapelle vorbeizogen. Ob sie dort auch angehalten haben ? (Foto Slg. Liebisch)

1Hinweis von Frau N. Belisova in ihrem Buch über die geschmiedeten Kreuze, 2015, S. 49, Fußnote 4: Der Schöpfer der Kapelle war also schon sein Vater, der Hofschreiner Balzer Herrmann, der vielfach für den Adel arbeitete.

Aufnahme ca. 1940 [Bilder 1, 2, 4, 6 und 7 Slg. M. Turyna]