Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Hille’s Linde in Schönau

Hilles Linde mit Josef Lissner, dem Retter des Marterl

Das Marterl an Hilles Linde

Das böhmische Niederland war geprägt von zahlreichen Flur- und Wegekreuzen, die uns noch heute von der tiefen Religiosität der damaligen Bewohner eindrucksvoll erzählen. Eines dieser Wegekreuze war das sogenannte Marterl an Hilles Linde, von dem heute berichtet werden soll. Anders als so manches andere Wegekreuz war es nicht in das öffentliche Leben einbezogen, sondern diente allein der eigenen Familie zur Reflexion und war auch vermutlich nicht weit darüber hinaus bekannt.

Der Bericht unserer Großmutter zu den Ereignissen im Jahr 1945 beginnt mit einer Schilderung ihres Besuches am Marterl. Dieser Gang zum Martelr war fester Bestandteil ihres wöchentlichen Lebensrhythmus. Vater hatte mir mal erzählt, dass nach den gemeinsamen (sonntäglichen ?) Besuchen am Marterl gewöhnlich ein Besuch bei den Verwandten im Ort folgte. Details sind mir jedoch nicht bekannt.

Das Marterl ist ein aus Holz gefertigtes Kruzifix, das gemeinsam mit einem Holzkreuz an einer eigens für diesen Zweck gepflanzten Linde angebracht war. Davor stand eine Bank. Auch gab es eine Laterne, die mit Öl zum Leuchten gebracht werden konnte. Der am Holz leidende gemarterte Christus war dann Namensgeber für das Marterl.

Im 1. Weltkrieg war unser Großvater Soldat im 42. Infanterie-Regiment. Dieses wurde im Juli 1918 in Südtirol in schwere und verlustreiche Kämpfe verwickelt. Die Regimentsfahne in Theresienstadt hing zeitweilig auf Halbmast, was Alois Hille, der Onkel von Großvater, mit Bestürzung feststellte. Als Großvater 1918 dennoch gesund aus dem Kriege heimkehrte, stellte die Familie als Dank das Martel auf und pflanzte dahinter eine Linde. Die Linde steht heute noch markant im Gelände, hat alle Stürme der vergangenen hundert Jahre überstanden. Das Marterl jedoch wurde nach 1945 bei Nacht und Nebel durch Johann Lissner, einem Schulfreund vom Großvater, über die Grenze gebracht. Der abgebrochene rechte Arm wurde ergänzt und der Korpus durch‘s Tant‘l Annl, der Schwester vom Großvater, zur Familie in Laucha gesandt. Lange Jahre befand es sich bei unserem Vater im Computerzimmer, jetzt ist es bei mir im Arbeitszimmer.

Den Standort der Linde kann man unter folgendem Link finden:

https://maps.google.de/?ll=50.998686,14.386897&spn=0.010628,0.01929&t=h&z=16

Hier sind rechts der Hainspacher Straße auf freiem Feld zwei einzelne Bäume zu erkennen, der rechte Baum ist Hampels Linde (steht am ehemaligen heute nicht mehr vorhandenen Wulkstaig), leicht nördlich darüber steht Hilles Linde. Hampels Linde ist inzwischen der Witterung zum Opfer gefallen (siehe Beitrag Hampels Linde).

Dieser Standort ist durch die Familie offensichtlich nicht ganz willkürlich ausgewählt worden. Hier endete nämlich in einem ganz spitzen Winkel der zur ehemaligen kleinen Landwirtschaft Nr. 27 gehörende Flurstreifen, welche lange Zeit der Familie Hille gehörte und auf dem man offensichtlich ohne größere Probleme einen Baum pflanzen konnte.