Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Röhrsdorf und die Familie Protze

Eine Familie Protze in Röhrsdorf bei Hainspach und die Rekonstruktion der frühesten Hausnummerierung des Dorfes

In seltenen Fällen gelingt es, alle Namensträger innerhalb einer Dorfgemeinschaft auf einen gemeisamen Urahnen bzw. Stammvater zurückzuführen1. Innerhalb von Röhrsdorf, einer kleinen Katastralgemeinde im nördlichsten Böhmen, ist dies für die Familie Protze gelungen.

Röhrsdorf ist ein kleines Waldhufendorf, dessen Gründung für die zweite Hälfte des 13. Jhd. anzunehmen ist. Seine Gesamtflächengröße wird mit 219 ha angegeben3. Die urkundliche Ersterwähnung erfolgte wohl, gemeinsam mit einer ganzen Reihe von weiteren Gemeinden jener Gegend, im Jahr 1346.

Die ursprüngliche Anzahl der bäuerlichen Landwirtschaften läßt sich nur schwer abschätzen. In der Aufstellung zur Schleinitzschen Teilung von 1566 werden zu Röhrsdorf 11 Landwirte (8 Bauern, 3 Gärtner) genannt. In den frühesten Urbarien der Herrschaft Hainspach werden für Röhrsdorf in der Regel ein Lehn- und Erbrichter, 6 Bauern, 5 Gärtner, 5 Häusler und 2 Hausgenossen genannt.

Eine Fluranalyse anhand der Flurbesitzerkarte von ca. 1843 ergibt dagegen eine abweichende Anzahl von landwirtschaftlichen Fluren gegenüber den oben genannten Angaben. Hier sind nunmehr ca. 13 Flurstreifen nachzuweisen. Dies korrespondiert mit den Angaben in verschiedenen Chroniken, wonach wenigstens drei Bauern über eine sogenannte Überschor verfügten, also abseits vom eigentlichen bäuerlichen Haupt-Flurstreifen einen weiteren ebenfalls vom Dorf bis zur Gemarkungsgrenze reichenden zweiten Flurstreifen.

Die Quellenlage hinsichtlich der überlieferten Kirchenbücher ist sehr gut. Das älteste Kirchenbuch (gemeinsam mit dem wesentlich größeren Hainspach) beginnt im Jahr 1656. Wichtige Grundlage für die Identifizierung der älteren Hausnummern bilden jedoch die Mannschaftsbücher, die für Röhrsdorf in erheblicher Zahl vorliegen. Basis für die Kartierung war darüber hinaus die bereits erwähnte Flurbesitzerkarte von 1843, da hier auch die damaligen und bis 1945 gültigen Hausnummern in korrekter Weise eingetragen sind. Schließlich sind als Grundlage für diese Arbeit auch die Grundbücher von Röhrsdorf zu nennen, wobei das älteste, ab 1713 geführte Grundbuch ebenfalls online einsehbar ist.

Anlaß zur Beschäftigung mit der Frage der ältesten Hausnummerierung war die Erkenntnis, dass die Familie Protze in Röhrsdorf in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wohl zeitgleich 10 unterschiedliche Häuser bewohnte, für ein Dorf mit für 1752 gezählten 41 Häusern (das waren damals 6 Bauern, 5 Gärtner und 30 Häusler) eine recht beachtliche Quote.

Wichtigstes Ergebnis bei der Beschäftigung mit den Hausnummern war, dass die Zählungen einige bedeutsame Brüche aufweisen. Eine durchgehende Hausnummerierung, unabhängig vom Status der Grundbesizer, gab es bekanntlich erst 1771. Zuvor wurden in der Regel Bauern, Gärtner und Häusler, manchmal auch die Hausleute, jede Gruppe für sich, getrennt aufgeführt. Spätestens mit den erhaltenen Urbarien der Jahre (1668) und 1668 ist in der Herrschaft Hainspach in der Regel für die Bauern und Gärtner eine gleichbleibende und identische Zählung festzustellen11.

Das Grundbuch für Röhrsdorf wurde im Jahr 1740 angelegt. Die Grundstücksverkäufe und -übergaben werden bei den Bauern und Gärtnern grundstücksweise unter Beibehaltung einer gleichbleibenden Reihenfolge aufgeführt. Für die Auhäuser erfolgte darüber hinaus eine erste und teilweise bis ins 19. Jahrhundert beibehaltene Zählung.

Offenbar unabhängig hiervon verzeichnen die Mannschaftsbücher jener Zeit die Bewohner und Häuser zumindest bis 1770 wieder getrennt nach Bauern, Gärtner und Auhäusler, wobei hinsichtlich der Bauern und Gärtner eine Konkordanz zur bisherigen Zählung in den Urbarien und den Grundbüchern festzustellen ist. Anders dagegen die nun festgelegte Reihenfolge bei den Auhäusern. Diese bleibt nun von 1752 bis 1763 gleich. Dann tritt eine Änderung insofern auf, als dass im Jahr 1763 der Gärtner Nr. 3 nicht mehr als Gärtner sondern als Häusler geführt wird. Das führte dazu, dass für jenes Jahr gleich zwei Mannschaftsbücher für Röhrsdorf vorliegen, die den Wechsel in der Nummerierung anschaulich vorführen. Die Gesamtzahl der Häuser bleibt somit zwar bestehen, jedoch ändern sich die tatsächlichen Nummern dahingehend, als dass sie um einen Zähler erhöht sind. Dies bleibt dann weitere 6 Jahre konstant, bis dann 1771 die neue, landeseinheitliche Hausnummerierung eingeführt wird.

Der Name Protze findet sich erstmals im Urbar von 1574, S. 258. Hier wird (allerdings für einen späteren Zeitpunkt) Christoph Protze als Inhaber eines 4-rüthigen Bauerngutes genannt. Weitere Angaben zu den Abgaben, die Christoph Protze zu leisten hat, finden sich im Urbar von 1668, wo er als 4. Bauer genannt wird. Im selben Urbar wird als 3. Kleingärtner auch ein Georg Protze genannt. Häusler und dgl. mit Namen Protze finden sich in den Urbarien für Röhrsdorf dagegen nicht.

Der Bauer Christoph Protze ist als Stammvater aller späteren Röhrsdorfer Protze anzusehen. Ob der im Urbar 1668 als 3. Gärtner genannte Georg Protze auch zu dessen Familie gehörte, ist schwer einzuschätzen. Als im Grundbuch im Jahr 1709 der Erwerb des „ohne Ruthen liegenden“ Gartengrundstückes durch Christoph Protze niedergeschrieben wird, gibt es keine ansonsten zu erwartende Verwandschaftsbezeichnung zum ehemaligen Besitzer Georg Protze.

Bereits für die folgende Generation konnten 5 Söhne des Christoph Protze identifiziert werden, die zumeist Garn- und Getreidehändler waren. Die Breite der Berufe in der dritten Generation erweiterte sich um die seinerzeit verstärkt nachweisbaren Leinweber, Schuster und sogenannte Häusler und Hausgenossen, also Personen, zu denen keine besonderen Berufsangaben vermerkt wurden.

Ich habe versucht, anhand der zur Verfügung stehenden Unterlagen, die originale Größe des Bauerngutes der Familie Protze in Röhrsdorf Nr. 38 zu rekonstruieren. Da keine lebenden Gewährsleute mehr aufgefunden werden konnten, habe ich dazu online zur Verfügung stehende graphische Kartierungsunterlagen genutzt. Dabei ergab sich die Schwierigkeit, dass anhand der Grundbesitzerkarte von 1843 nicht zu entscheiden war, ob zur Wirtschaft von Beginn an neben dem offensichtlichen Waldhufenstreifen auch eine südlich angrenzende große Ergänzungsfläche dazugehörte.

Der Waldhufenstreifen selbst hatte eine Gesamtgröße von ca. 13 ha, darunter 3,5 ha Wald und 9 ha Acker. Die südlich anschließende Ergänzungsfläche war ca. 11,5 ha groß, darunter 3 ha Wald, 7,4 ha Acker/Wiese sowie mehrere Teiche von ins. 0,5 ha Größe. Beide Flächen zusammen hatten folgende Werte: Gesamtfläche 24,38 ha, darunter 6,5 ha Wald. 12,4 ha Acker und 4 ha Wiese. Die Wirtschaftsfläche ist damit zwar, wie erwartet, erheblich kleiner als jene des Lehnbauerngutes Röhrsdorf Nr. 1, sie entspricht aber recht gut der Größe der anderen Bauerngüter des Dorfes, soweit deren Flächen kreativ ermittelt werden konnten.

Auch für das Gartengut G3 konnten die ursprünglichen Werte ermittelt werden: Gesamtfläche 10,9 ha, darunter 7,5 ha Wald und 3,3 ha Wiese. Ackerflächen gab es im Jahr 1843 offenbar nicht. In jenem Jahr ist als Besitzer dieses Flurstreifens die Familie Protze aus dem Bauerngut Nr. 38 angegeben. Wann konkret dieser Zweig der Familie diesen Flurstreifen erworben hatte, wodurch dieser zur Überschor wurde, konnte auch anhand des Grundbuches bislang nicht abschließend geklärt werden.

Durch die Verknüfung der in den diversen Mannschaftsbüchern für Röhrsdorf enthaltenen Familien und bei Unterstellung eine lokalen Wohnstabilität konnte für diesen Ort eine Konkordanz oder besser eine Synopse der verschiedenen Hausnummerierungen erstellt werden, die in Tabelle 1 dargestellt ist. Aufgeführt sind in den Spalten (von links beginnend) die Nummern aus dem Röhrsdorfer Grundbuch, die Nummerierungen in den Mannschaftsbüchern von 1752 bis 1762, die Nummerierung aus den Mannschaftsbüchern ab dem Jahr 1763 sowie abschließend die Nummerierung ab dem Jahr 1771. Somit ist für den Interessierten nachzuvollziehen, wie sich die Nummern der einzelnen Häuser im Laufe der Zeit geändert haben.

Da die Beschäftigung mit der Familie Protze Ausgangspunkt für die Erarbeitung des Ortsplanes von 1752 war, findet sich im Anhang dieses Aufsatzes eine kleine Nachkommensliste des Stammvaters der Familie14, des Bauern Christoph Protze (1630-1700). Eine Übertragung der Wohnhäuser der Familie Protze im Jahr 1752 auf beiliegenden Ortsplan zeigt keine besonderen Auffälligkeiten oder Konzentrationen. Die Häuser der Familie verteilen sich locker über das gesamte Dorfgebiet, bei einer leichten Ansammlung am oberen Ende des Dorfes.

Literaturangaben:

Josef Fiedler, Heimatkunde des politischen Bezirkes Schluckenau (Rumburg 1898)

Horst Frind, Die Nachkommen von Balthasar Frind (1608-1683). Bauer in Hainspach (Maintal 2002)

Rainer Maaz, Das Hainspacher Kirchbuch von 1656-1695. Sudetendeutsche Familienforschung Jahresheft 1994 (Regenburg 2000)

Klaus Müller, Ein gezielter Blick in die Berni Rula von 1654 (Regensburg 2015)

Karl Richter, Geschichte des Niederlandes. Die Besiedlung (Sonthofen 1960)

1Ein gutes Beispiel aus der Herrschaft Hainspach: H. Frind 2002

3Diese und weitere Angagen zu Geschichte und Wirtschaft von Röhrsdorf nach J. Fiedler 1898, S. 397-400.

11Eine Prüfung auch auf das Verzeichnis der Berni Rula von 1654 ist nur bedingt möglich, da hier für Röhrsdorf angegeben wurde, dass die 6 Bauerngüter verlassen waren, (K. Müller 2015, S. 7)

14Die Aufstellung ist ein Auszug aus einer umfangreichen, von mir erstellten Nachkommensliste zur Familie Protze, die, wie in unserem Fach durchaus üblich, ständig fortgeschrieben wird. Bei genealogischen Verknüpfungen nach Röhrsdorf sind unkompliziert Partizipationen möglich.