Schönau Nr. 137 Die Konrad-Färbe – auch genannt „Ernst-Färbe“
Einige heut eher unscheinbar wirkende Häuser in Groß Schönau haben eine etwas bewegtere Geschichte hinter sich als andere. Zu diesen besonderen Gebäuden gehört Schönau Nr. 137. Den Schönauer ist der Name „Konrad-Färbe“ sicher noch ein Begriff. Zuletzt war hier die „Patzel-Färbe“ angesiedelt. Im Volksmund wurde sie auch „Ernst-Färbe“ genannt. Ob dies von einem Vornamen herrührte, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.
Die Flur
Zu Frühzeiten von Schönau gehörte zum Haus Nr. 137 ein eigener Flurstreifen, der sich auch im heutigen Flurbild noch deutlich abzeichnet. Nachbarn waren auf der einen Seite die Gemarkung Grafenwalde/Leopoldsruh und auf der anderen Seite die Gartennahrung Nr. 138. Die Flur reichte apendixartig weit bis in die Salmdorfer Flur hinein. Als Größe wurden insgesamt 12,3 ha ermittelt, darunter 7 ha Wald, 1,5 ha Acker und 3,7 ha Wiese. In den alten Urkunden taucht diese Flur allerdings nirgends auf, weder im Urbar noch im Grundbuch wird der Flur gedacht. Die interessante Flurkarte von Schönau aus dem Jahr 1843 gibt an, dass diese Flur zum Schönauer Pfarrhaus Nr. 324 gehörte. Dazu passt, dass nach mündlicher Überlieferung der Dachdecker Frind aus der Schützenhausstraße Nr. 416 Pächter des Pfarrgutes war. Ob es sich dabei um genau diesen Flurstreifen handelte, ist heute leider nicht mehr zu klären.
Wann Haus Nr. 137 und der Flurstreifen von einander getrennt wurden, ist nicht mehr festzustellen.
Die Bewohner
Die älteste bekannte Besitzerin des Hauses war eine Benina Marschner, die das Auhaus 1713 an Christoph Liebisch verkauft. Damals hatte das Haus die Nummer H103. Dieser Christoph Liebisch war ein bedeutender Einwohner des Ortes. Er war Häusler, Musikant, Leinweber und vor allem ein Garnbleicher. Sein Grabstein ist auf dem historischen Schönauer Kirchfriedhof erhalten. Der gemeinsame Grabstein von Christoph Liebisch und seiner Frau Anna Elisabeth befindet sich auf dem Historischen Kirchfriedhof von Schönau.
Das Paar hatte neun Kinder. Nach dem Tod von Christoph Liebisch 1765 erwarb das Auhaus H103 der Sohn Johann Jacob Liebisch, der zuvor in Leopoldsruh lebte und ebenso wie sein Vater Garnbleicher war. Bis 1787 wurden dem Johann Jacob Liebisch insgesamt 18 Kinder geboren, das jüngste war der am 07.07.1787 geborene Augustin, der wie seine Brüder Johann Leopold und Johann Anton über viele Jahre Soldat war. Spätestens ab 1813 war er Invalide. 1799 hatte der Bruder Franz Joseph Liebisch das Haus des inzwischen verstorbenen Vaters erworben. Bei dieser Gelegenheit wird erwähnt, dass zum Grundstück nicht nur das Haus selbst gehörte, sondern auch noch zwei weitere Fleckel Gärten, welche an Mühlgraben und Auwasser grenzten. Franz Joseph Liebisch war zunächst auch Garnbleicher und später auch Bandmacher, muß aber bald darauf in Konkurs gegangen sein, denn am 12.01.1809 erwarb der Häusler und Reisemann Franz Klinger aus Ehrenberg als Meistbietender gemäß Licitationsprotokoll v. 28.06.1808 das Auhaus Nr. 137. Die Familie Liebisch blieb jedoch weiter im Hause wohnen, verlegte aber später ihren Lebensmittelpunkt vollständig nach Leopoldsruh, wo der oben erwähnte Augustin Liebisch spätestens im Jahr 1837 die Fa. August-Liebisch gründete (siehe Beitrag zur Fa. Liebisch).
Franz Klinger und seine Familie selbst sind erst ab 1811 in Schönau Nr. 137 nachweisbar. Hier werden ihm bis 1815 vier Kinder geboren. Über sein wirtschaftliches Unternehmen ist sonst nichts weiter bekannt. Am 22.09.1828 verkauft er die Grundstücksparzellen 247 und 248 an Joseph Hille aus Schönau Nr. 311, der hier zunächst von 1831 bis 1841 als Schnürenmacher und Bandweber agierte, spätestens aber ab 1843 als Bandfabrikant in Nr. 137 tätig war. Schon 1845 erwarb er jedoch das Anwesen Schönau Nr. 181 und verlegte wohl die Bandwarenproduktion auch dorthin. Das Haus Nr. 137 wurde 1847 verkauft, Käufer war der Färbermeister Ernst Konrad aus Schönau Nr. 136, der nun in Nr. 137 die Tradition der Färberei eröffnete, welche bis 1945 andauerte. Letzter Besitzer 1945 war dann Franz Patzelt.
Das Gebäude
Das Haus war ursprünglich ein typisches Wohnhaus des 18./19. Jahrhunderts mit verbrettertem Obergeschoß. Ob landwirtschaftliche Räumlichkeiten vorhanden waren, wie Stall oder Scheune, war nicht zu ermitteln. Ein Raum im kurzem westlichen Seitenflügel hatte ein doppeltes Gewölbe und war vielleicht ein Arbeitsraum aus der Zeit der Nutzung als Bandweberei.

Aus dem Jahr 1892 stammt die älteste bekannte bildliche Darstellung des Gebäudekomplexes. Rechts ist das 1885 errichtete zweietagige Färbereigebäude mit vier Fenster zu erkennen. Nach 1903 wurde als südliche Erweiterung ein Kesselhaus mit Trockenräume, Heizung und Lagerflächen errichtet. Der nächste Anbau war 1908 ein weiterer einetagiger Arbeitsraum im Anschluß an das 1885 errichtete Gebäude.
Zur Färberei gehörte bis 1928 eine Mangel (spätere Hausnummer war Nr. 337). Spätestens 1932 ist Paul Ackermann neuer Besitzer der Färberei. Vermutlich hat er das Kesselhauses erweitert und einen zwei-etagige Werksaal errichten lassen, mit je 5 Fenstern an den Stirn- und Längsseiten, wie auf den meisten Bildern jener Zeit zu sehen ist. Die Errichtung des Werksaales kann jedoch auch mit Aufgabe und Verkauf der Mangel um 1928 im Zusammenhang stehen.
1939 ist dann Franz Patzelt Besitzer der Färberei, der ebenfalls kleinere Erweiterungen ausführen läßt. Die ursprüngliche L-Form des Hauptgebäudes wird durch den 1940 erfolgten Abbruch des kurzen Seitenflügels erheblich geändert. Der oben erwähnte Raum mit doppeltem Gewölbe wird halbiert und erhält eine Flachdecke.

Nr. 137 war zuletzt die Patzel-Färbe
1956 wurdendas südliche Werksgebäude und 1963 der östliche Anbau abgerissen.
Das Grundstück mit der Katasterfläche 201 wurde übrigens durch den Mühlbach geteilt. Das Wehr, das den Mühlbach vom Dorfbach abtrennte, befand sich offenbar ebenfalls auf oder bei diesem Flurstück. Der Raum mit dem doppeltem Gewölbe reichte bis an den Mühlbach heran. Ob damit eine Wassernutzung für die Färbe verbunden war, bleibt unklar.

Beginn des Mühlgrabens in Niederschönau; links ist Haus Nr. 137 zu sehen, die Konrad-Färbe (M. Turyna, VS)
