Christian Riedel, ein Bildhauer des Barocks in Schönau / Nordböhmen

Wohl jeder, der Groß Schönau in Böhmen etwas näher kennt, kennt auch die markante steinerne Skulptur an der Brücke über den Dorfbach in Mittel-Schönau bei Haus Nr. 127. Das ist unverkennbar der Brückenheilige Johannes von Nepomuk, wohl der bekannteste und auch beliebteste Heilige Böhmens. Allein in Schönau gibt es ja bekanntlich gleich zwei weitere Skulpturen des Johannes von Nepomuk und zwar die Figurengruppe im Umfeld der Stadtkirche und die großartige barocke Skulptur neben dem Kupferschmiedschen Bauernhaus in Nieder-Schönau, Nr. 255. Doch zurück zum Brückenheiligen bei Haus Nr. 127:

beide Aufnahmen M. Turyna VS
Im staatlichen Denkmalsverzeichnis gibt es eine detaillierte Beschreibung des Kunstwerkes, die aufgrund seiner bildreichen Darstellung hier in deutscher Übersetzung wiedergegeben werden soll:
„Die Statue des Heiligen steht in einem Kontrapunkt mit einem erleichterten rechten Bein. In einer Geste der Liebe neigt er sich zu einem Kruzifix, das er auf seinem linken Unterarm trägt. Die rechte Hand ist in einer demütigen Geste vor der Brust verschränkt. Der Kopf mit Biretta und kreisförmigem Heiligenschein mit fünf Sternen ist gebeugt und zur linken Schulter gewandt. Das Gesicht wird von halblangem, gewelltem Haar und Bart umrahmt. Der Heilige ist mit einem Umhang, einer spitzenbesetzten Rochette, die durch vertikale Falten gegliedert ist, und knöchellangen Klerikern bekleidet, die vorne geknöpft sind. Der Heilige Johannes von Nepomuk steht auf einem Sockel, der direkt mit einem quadratischen Sockel mit profiliertem Hauptgesims verbunden ist. Der Sockel ist auf der Vorderseite mit einem Spiegel mit viertelkreisförmigen Ecken verziert. An der Unterseite des Spiegels befindet sich die Jahreszahl „ANNO 1728“. Im Feld des Spiegels befindet sich eine Inschriftenkartusche (Gott/ zu Ehren und/ dem heil/ Iohan von Nepo/ muck/ Staffirt von Franz /Zimmer/ 1842), die an den Rändern mit Palmblättern verziert ist.“
Zum Denkmalwert finden sich folgende Ausführungen: „Ein hochbarockes Werk aus der Werkstatt eines künstlerisch fortgeschrittenen hochbarocken Meisters, der stark von der Bildhauerproduktion der mittel- und nordböhmischen Region beeinflusst war. Der Meister bewies eine außerordentliche Liebe zum Detail und zum Material, wobei er einige Teile sogar in schnitzereiähnlicher Weise schnitzte (insbesondere die Modellierung der Hand, die Verzierung des Hermelinmantels). Seine Qualität übersteigt die Grenzen der Region [ist also von überregionaler Bedeutung (A.H.)].“
Als Bildhauer und Künstler gilt allgemein Christian Riedel. Die Familie Riedel hat in Schönau einen klangvollen Namen, ist doch im selben Jahr 1728 ausweislich der erhaltenen Inschrift auch die oben genannte große Nepomuk-Figurengruppe bei der Kirche von einem Riedel geschaffen nämlich von Johann Georg Riedel, einem Bruder unseres Christian Riedel.

Die Geschwister Riedel stammten aus Karbitz, heute Chabařovice. Das ist ein kleinerer Ort zwischen Teplitz/Teplice und Aussig/Usti nad Labem, Ortsbild prägend war ein langgestreckter Straßenanger. Hier lebte Ende des 17. Jahrhunderts der Steinmetzmeister Thomas Riedel und seine Ehefrau Margaretha. Am 22.05.1696 wurde den Eheleuten zunächst der ältere Bruder, Johann Georg, und dann am 12.12.1698 der etwas jüngere Christian Riedel als zweites und drittes Kind von wohl vier Söhnen geboren. Wann es Christian Riedel ins Nordböhmische Niederland verschlagen hat, wissen wir nicht. Ob beide Brüder gleichzeitig nach Schönau kamen ? Immerhin sind die beiden bekanntesten Werke der Brüder Riedel im selben Jahr 1728 geschaffen worden.
In den Kirchen-Büchern von Schönau taucht Christian Riedel erstmals auf, als er am 06.11.1731 die Anna Theresia, eine Tochter von Michael Helt, Richter in Nixdorf, heiratet. Unter den Trauzeugen findet sich mit Jacob Herrmann der herrschaftliche Vogt von Hainspach, später auch von Schönau. Am 04.07.1736 wird Hans Joseph als einziges Kind der Eheleute Riedel geboren. Auch hier zeugen die Paten von einer guten Vernetzung der Familie Riedel in Schönau.
Nur wenig später, am 23.09.1736, erwirbt Christian Riedel das auf dem hochobrigkeitlichen Forwerk gelegene Auhaus H7, wozu auch ein Gärtel gehörte. Christian Riedel wird bei dieser Gelegenheit allhiesiger Bildhauer genannt. Einige Zeit später verkauft Christian Riedel im Jahr 1746 allerdings das Haus schon wieder, Käufer ist Joseph Liebisch, ein Binder wohl aus Schönau. Familie Riedel bleibt aber in dem Haus wohnen und wird nun regelmäßig in den Mannschaftsbüchern von Leopoldsruh geführt, wozu das Auhaus H7 gehörte. Um 1771 erhielt das Haus die Nr. 132. Bald schon findet sich der Hinweis, dass sich der Bildhauer Christian Riedel in Polen aufhalten würde. 1762 ist er schon „zwei Jahre abwesend“. Beim Sohn heißt es, „reist mit dem Vater“. Der Sohn Johann Josef Riedel, ebenfalls Bildhauer, kauft 1765 des Anton Pohl, Inwohner und Reisemann in Niederschönau Auhaus Nr. 273 (H 160). 1769/1770 wird in den Mannschaftsbüchern angegeben, dass Josef Riedel (geboren 1736), Bildhauer, desertiert sei. Erwähnt werden die Ehefrau Maria Magdalena (geboren 1746) und der Vater Christian Riedel (geboren 1699). 1773 ist Johann Josef Riedel, der Bildhauer, gänzlich nach Polen entwichen und das Haus kaufen die Kinder des Laboranten Josef Pohl.
Mit dem Jahr 1766 verlieren sich die Spuren der Familie Riedel in Schönau allmählich, es gibt auch keine Sterbeeinträge in den Kirchenbüchern. Zum Bruder Johann Georg Riedel habe ich überhaupt keine Einträge in den Kirchenbüchern gefunden.
Der Brückenheilige von Schönau, unser Johannes von Nepomuk, ist die einzige Skulptur in Groß Schönau, die Christian Riedel zugewiesen werden kann. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit von Christian Riedel (oder auch Riedl) war Wölmsdorf, wo ihm die Schaffung der Skulpturen an der zur Wallfahrtskirche hinauf führenden Treppe zugesprochen wird. Laut Inschriften auf den Skulpturen sind die Heiligen Adalbert, Wenzel, Johannes v. Nepomuk, Rosalia und Rochus sowie die zwei kleinen Engelfiguren zwischen 1739 bis 1741 geschaffen worden. Weitere Skulpturen werden Christian Riedel in Hainspach und Lobendau zugewiesen. Aber hier ist noch einiges an Forschung notwendig, deren Ergebnisse in einem weiteren Beitrag dargestellt werden sollen.


Aufnahmen in Wölmsdorf 2024
Quelle für die Denkmalbeschreibung:
https://pamatkovykatalog.cz/socha-sv-jana-nepomuckeho-1265799
Quelle für Wölmsdorf