Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

„Heimatbriefe“ 1945-1962

für ehemalige deutsche Bewohner von Groß-Schönau in Nordböhmen.

In Erinnerung an meinen Vater Johann B. Hille 1928 – 2007.

Vorbemerkungen.

Neben den üblichen Quellen für die Erforschung der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den ehemals deutsch besiedelten Gebieten Böhmens und den daraus erwachsenen Schicksalen gibt es auch Quellen, die, wenn nicht sogar ganz vergessen, doch weitgehend unerschlossen und damit unzugänglich sind. Beispielhaft sollen hier daher die sogenannten „Heimatbriefe für Groß Schönau in Nordböhmen“ und deren erste formale und inhaltliche Erschließung vorgestellt werden in der Hoffnung, sie endgültig aus der Versenkung zu holen und vor dem erneuten Vergessen zu bewahren. Ich kann hierfür auf umfangreiche Vorarbeiten von Dr. Johann Hille, meinem Vater, zurückgreifen, der durch unermüdlichen Fleiß dazu beigetragen hat, diese Briefe zu sammeln und zu sichern, und der die Heimatbriefe mittels gezielter Studien und Analysen dahingehend geprüft hat, welchen Informationsgehalt sie für die Vertriebenen und auch für die daheim Gebliebenen geboten haben. In der Zeitschrift Unser Niederland hat Johann Hille seine Analysen zu den Heimatbriefen kurz vorgestellt und eine erste Würdigung der Arbeit der Autoren dieser Heimatbriefe vorgenommen (Hille 2003). Auf diesen Artikel stütze ich meine folgenden Ausführungen.

Schönau an der böhmischen Nordbahn, oder wie es nach seiner Stadterhebung 1908 und entsprechendem Erlass seit 1914 genannt wird: Groß-Schönau in Böhmen, war eine typisch dörfliche, im hohen Mittelalter im Zuge des herrschaftlichen Landesausbaus entstandene und mit ca. 38 bäuerlichen Landwirtschaften und etwa halb so vielen Gärtnern besetzte Siedlung, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert einen unvergleichlichen Aufstieg zu einer führenden Band- und Wirkwaren produzierenden Gemeinde in Böhmen anwuchs und in deren Blütezeit zum Barmen des nördlichen Böhmen wurde (zusammenfassend und mit älteren Literaturangaben E. Marschner 1988).

Der Typus Heimatbrief

Dabei handelt es sich um mit Schreibmaschine erstellte Briefe, die von engagierten Heimatvertriebenen eines bestimmten Ortes (in diesem Falle von Groß-Schönau in Böhmen) geschrieben und mittels zahlreicher Durchschläge an Bekannte oder Interessierte verschickt wurden und deren Inhalt Informationen über den Heimatort und dessen Bewohner oder die aus ihm Vertriebenen bildeten, im Prinzip allgemein zugänglich waren und von denen sie annahmen, dass sie die Angeschriebenen interessierten. Die Informationsquellen waren unterschiedlich (eigenes Erleben oder von anderen Zugetragenes). Die Verfasser erarbeiteten die Briefe unentgeltlich, die Adressaten wurden lediglich gebeten, die entstandenen Unkosten (Porto, Briefpapier) durch einen kleinen Betrag zu begleichen.

Mit dem Begriff Heimatbriefe hat sich schon A. Feiber (1996) ausführlich befasst. Allerdings deckt sich die dort gewählte Begrifflichkeit nur zum Teil mit den hier vorzustellenden Heimatbriefen, deren Verfasser ausschließlich in der damaligen SBZ (Sowjetische Besatzungszone) bzw. DDR (Deutsche Demokratische Republik) wohnten. Die unterschiedliche politische Entwicklung in Ost und West bedingte auch unterschiedliche Verarbeitungs- und Verbreitungsformen. Ab 1962 war es in der DDR aus politischen Gründen nicht mehr möglich, Heimatbriefe – geschweige gedruckte Informationen ähnlicher Art – zu verfassen und zu verschicken, so dass die Heimatbriefe zum Erliegen kamen.

Darstellung von Inhalt und Auswertung der Heimatbriefe

Durch die Vertreibung der Deutschen ab 1945 – im vorliegenden Falle aus Groß-Schönau in Böhmen und seinen Ortsteilen sowie dem angrenzen Fürstenwalde – aber auch durch (reguläre) Umsiedlungen in den Jahren bis 1961 aus diesem Bereich erfolgte eine zunächst ungeordnete Verteilung der Betroffenen auf das sog. „Restdeutschland“, die für diese ein erhebliches Informationsdefizit bezüglich der neuen Wohnsitze, des Überlebens und weiterer „Geschehnisse“ (Heiraten, Geburten, Ortswechsel usw.) zur Folge hatte.

Um diesem Übel einigermaßen abzuhelfen, sammelten engagierte ehemalige Ortsbewohner aus Groß-Schönau Daten von den damaligen Mitbürgern und schickten sie gesammelt als sog. Heimatbriefe an Bekannte mit dem Anliegen, diese Informationen an die ehemaligen Nachbarn usw. weiter zu verbreiten.

Insgesamt stehen 116 Heimatbriefe vom Ehepaar Franz und Herta Nake für eine Auswertung zur Verfügung. In diese sind auch Informationen von Herrn Rudolf Fiedler aus den Jahren 1945 – 1947 eingearbeitet worden.

Für die Bearbeitung der genannten Heimatbriefe wurden neben diesen auch andere gedruckte und ungedruckte Quellen benutzt, wie z. B. das Standardwerk von Erhard Marschner (1988) zur Geschichte von Groß-Schönau, die Deutschen Heimatkalender von 1929 und 1933, der handgezeichnete Stadtplan im Maßstab von 1:5.000 von Hermann Konrad und Friedrich Lang (1964-1979) zum Stand von 1945 sowie die bei der ehrenamtlichen Ortsbetreuung geführten sogenannten Seelenlisten von Groß-Schönau und den Ortsteilen mit Stand von ebenfalls 1945.

Aus der Hand von Johann Hille, der selbst aus Groß Schönau stammte und hier 1928 in Haus Nr. 415 geboren worden war, liegen im Zusammenhang mit der Auswertung der Heimatbriefe letztlich nunmehr z. T. mehrseitige Analysen und detaillierte, auch statistische Darstellungen der erzielten Untersuchungsergebnisse für verschiedenste Kategorien vor, über die wie folgt ein kurzer Überblick gegeben werden soll:

1. Erschlossener Personenbestand: Es wurden nach Jahrgängen sortierte Namenslisten und solche für den Gesamtbestand der Heimatbriefe erstellt, so dass Recherchen zum Verbleib einzelner Personen möglich sind

2. In den Heimatbriefen verwendete Ortsbezeichnungen

3. Ausführliche Untersuchungen einzelner Sachverhalte:

3.1. Grund und Jahr der Personen-Nennungen

3.2. Verbleib der Vertriebenen unter besonderer Berücksichtigung der regionalen Verteilung der neuen Wohnorte.

3.3. Heimkehrer (Soldaten)

3.4. Branchenzugehörigkeiten, darunter auch Zugehörigkeiten zu einzelnen Betrieben in Groß-Schönau

3.5. Heiraten

3.6. Sterbefälle:

3.6.1. Zivilisten

3.6.2. Soldaten

4. Hausbestandsveränderungen in Groß-Schönau nach 1945 mit Schwerpunkt auf den Abriss einzelner Gebäude

5. die Durchführung von regionalen und zentralen Heimattreffen mit ausführlichen Statistiken zu den Teilnehmenden

6. Unter dem Stichwort Berichte werden die Informationen über Groß Schönau zusammengestellt, die sachlich und ohne Emotionen geschrieben über die Darstellung von Einzelschicksalen hinausgehen, insbesondere über das Leben der Daheimgebliebenen

Resümee

Die in den Heimatbriefen genannten Namen lassen sich nicht in jedem Falle bestimmten Personen zuordnen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich (abweichende Schreibweisen der Namen; Name steht nur für Familie; Irrtum bzgl. des Familienstandes).

Trotz der genannten Unsicherheiten wurde in den Heimatbriefen eine enorme Fülle von Daten/Informationen verarbeitet, die statistisch entweder sichere Gesamtaussagen ermöglichen oder zumindest Trends sicher angeben.

Von den gesamten genauer zuordnungsfähigen Personenmeldungen (1689) entfielen auf die ersten drei Berichtsjahre (1945-1947) mehr als 2/3, genau 1219 (~72 %). Ab 1947 nahm die Zahl der jährlichen (verschiedenen) Informationen ständig ab und fiel ab 1953 im Durchschnitt auf weniger als 150. Zudem ist auch eine Verschiebung der Informationsbereiche von Aufenthaltsangaben zu Geburtstagen und Sterbefällen zu beobachten. Das Interesse der Vertriebenen – aus Groß-Schönau – an derartigen Informationen nahm nach 1950 rapide ab.

Die ob ihres hohen Informationsgehaltes anfangs sehr wichtigen Heimatbriefe verloren im Laufe der Zeit für viele Vertriebene aus Groß-Schönau ihre für sie brauchbare Aktualität. Das führte im Laufe der Zeit zu einer erheblichen Abnahme der Zahl der Heimatbriefe pro Jahr, denn die zugeführten Informationen wurden immer spärlicher. Dies alles in Verbindung mit den politischen Verhältnissen in der DDR führte zur Einstellung der Herstellung und des Vertriebes der Heimatbriefe.

Die aus den Heimatbriefen zu gewinnenden Informationen haben allerdings nicht nur eine lokale Bedeutung (Schicksal der Vertriebenen eines bestimmten Ortes, hier Groß Schönau). Die durchgeführten Analysen könnten auch eine wichtige Grundlage für überregionale historische Auswertung ähnlicher Fragestellungen bilden. Unbekannt ist derzeit jedoch, ob ähnliche Untersuchungen bereits schon bei anderen Heimatbriefen dieser Art durchgeführt wurden.

Würdigung der Arbeit der Autoren der Groß-Schönauer Heimatbriefe

Da die Verfasser der Heimatbriefe ausschließlich ehrenamtlich tätig waren, ist eine entsprechende Würdigung ihres Engagements überfällig.

Autoren der Heimatbriefe waren der Initiator, Rudolf Fiedler sen. aus Groß-Schönau Nr. 311 und, nach dessen Tode, zunächst seine Frau Hedwig Fiedler und dann das Ehepaar Franz und Herta Nake aus Groß-Schönau Nr. 317.

Fiedler, Rudolf * 18.11.1886 + 28.01.1948

Fiedler, Hedwig * 04.03.1890 + 28.11.1948

Nake, Franz * 29.05.1889 + 10.11.1959

Nake, Herta * 16.02.1899 + 30.11.1984

Allgemeine Einschätzung

Nach dem Auswertungsstand vom 16.10.2002 wurden in den Heimatbriefen 2374 Personen aus Groß-Schönau und dessen Ortsteilen erfasst, dazu kommen noch 35 Personen, die 1945 nicht mehr in Groß-Schönau wohnten oder als Nicht-Schönauer in den Heimatbriefen erwähnt wurden. Diese Anzahl entspricht 53 % des am 01.09.1939 festgestellten Personenbestandes.

Zählt man die in den Heimatbriefen beschriebenen DIN A4 Seiten zusammen, ergeben sich für die einzelnen Jahre folgende Zahlen:

Allein die Heimatbriefe von Franz und Herta Nake umfassen 67 Seiten mit insgesamt 62.000 Wörtern auf 4100 Zeilen. Die damit verbundenen Sach- und Personeninformationen lassen sich nicht genau auszählen, dürften aber bei mindestens 50.000 liegen.

Unbekannt bleibt leider die Höhe der jeweiligen Auflage der Heimatbriefe. Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass sie auch von Hand zu Hand weitergegeben wurden, so dass sich die Zahl der Leser erheblich gegenüber der ursprünglichen Auflage erhöht.

Spezielle Einschätzungen

Berufe: Von den gesamten Berufsangaben und/oder Betriebszugehörigkeiten der Schönauer werden jeweils 16 % nur in den Heimatbriefen genannt.

Umzüge: Es wird über 337 Umzüge berichtet – meist auch die Gründe dafür.

Heimattreffen: Die großen Heimattreffen 1947 und 1948 je zweimal im Leipziger Zoo und je 1 Treffen

in den Jahren 1950 bis 1952 im Halleschen Bergzoo wurden überwiegend von den Autoren der

Heimatbriefe organisiert und die Teilnehmer namentlich erfasst.

Heiraten: Es wird über 249 Eheschließungen berichtet.

Geburten: Es gibt Angaben zu 95 Ehepaaren, mit insgesamt 124 Geburten.

Sterbefälle: Es wird über 602 Todesfälle (von Zivilpersonen aus Groß Schönau) berichtet, meist auch Angaben zu Alter und Todesursache

Situationsberichte: In fast allen Heimatbriefen wird auch über die Lebenslage der in Groß Schönau verbliebenen Deutschen berichtet sowie über betriebliche und bauliche Veränderungen daselbst.

Zusammenfassend darf festgestellt werden, dass die Autoren der Groß-Schönauer Heimatbriefe – ehrenamtlich! – eine enorme Arbeit geleistet haben, die nicht nur von lokaler Bedeutung war und ist, sondern auch für den überregional arbeitenden Historiker von Interesse sein dürfte.

V. Ausblick

Überlieferungsbedingt werden komplette Sammlungen der originalen Heimatbriefe eine große Seltenheit sein. Mein Vater hat sich daher um die vollständige maschinenschriftliche Abschrift der Heimatbriefe bemüht. Ein großer Teil der Heimatbriefe liegt mir darüber hinaus auch im Original vor. Da eine separate Publikation der Heimatbriefe (und deren Auswertung) vermutlich an fehlenden Kapazitäten scheitern wird, bietet sich an, zumindest die Heimatbriefe auf der Homepage der Vereinigung Sudetendeutscher Familienforscher einzustellen und somit Interessierten einen direkten Zugriff auf die Heimatbriefe zu ermöglichen.

Literatur und Quellen

Feiber, Albert A.: Zum Heimatbegriff der Flüchtlinge und Vertriebenen anhand der frühen Vertriebenenpresse (1945 – 1955), ungedruckte Magisterarbeit Universität Regensburg 1996.

Hille, Johann: „Heimatbriefe“ 1945 – 1962 (für ehemalige Groß Schönauer). In: Unser Niederland, H. 642 (Mai 2003), S. 126.

Konrad, Hermann; Lang, Friedrich: Stadtplan von Groß-Schönau in Böhmen. München und Kempten 1964/1979.

Marschner, Erhard: Geschichte der Stadt Groß Schönau in Böhmen im Bezirk Schluckenau, Frankfurt a.M. 1988.

Deutscher Heimatkalender (nebst einem Adressverzeichnisse der Gerichtsbezirke Schluckenau-Hainspach). Georgswalde 1929 und 1933.

Unser Niederland. Blätter für die Heimatvertriebenen aus den Bezirken Hainspach, Rumburg, Schluckenau und Warnsdorf, alle im nördlichsten Böhmen gelegen, Herausgegeben vom Niederlandverlag, München.