Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Firma August-Göbel’s Söhne

Die Flur

Das Fabrikgebäude Schönau Nr. 410 steht auf einem Grundstück, das zu einer kleinen Landwirtschaft gehört, einer sogenannten Gartennahrung, welche nach einer alten Zählung die Bezeichnung G 8 trägt. Es gehörte zu einer kleinen Gruppe von Landwirtschaften, die Erb-Drescher genannt wurden und in der Regel viel kleiner waren, als die übrigen Gartennahrungen. Der Flurstreifen war jedoch ähnlich den bäuerlichen Fluren wie eine Waldhufenflur ausgebildet. Beginnend am landwirtschaftlichen Hof erstreckten sich die Felder und Wiesen in einem geschlossenen Streifen bis hin zum Wald. Der Flurstreifen ist heute nur mäßig gut zu rekonstruieren. Rechts grenzte die Flur an die sogenannten Folgewiesen, die seit dem 16. Jhd. dem Pfarrbauer gehörten und ebenfalls wie ein landwirtschaftlicher Flurstreifen wirkte. An der linken, westlichen Seite schloß sich direkt der nächste Flurstreifen eines Erbdreschers an (G 9, Nr. 125). Der Flurstreifen war laut familiärer Aussage ca. 3 ha groß. Er umfasste ursprünglich Äcker und Wiesen. Wald gehörte nicht dazu. Die Flurstücksnummer lautete 536/1. Wann August Göbel I das Flurstück erworben hat, auf dem dann das Fabrikgebäude 410 errichtet wurde, ist nicht zu klären, auch nicht wer der Vorbesitzer war.

Der Flurstreifen endete am sogenannten Damm. Hier begannen die Fluren von Klein Schönau. Entlang der Grenze zu Altgrafenwalde floss ein Bach, der in letzter Zeit auch ein Wasserbassin speiste. Der zum Grundstück gehörende Flurstreifen erstreckte sich auch noch etwas in die Flur von Kleinschönau hinein. Unklar ist, ob diese Flächen auch der Familie Göbel gehörten.

Flustreifen: rot Wohnhaus Nr. 123, hellrot Scheune, blau Wasserbassin, grün und braun Wiesen und Äcker

Die Familie Göbel

Die Familie Göbel war ein altes Bauerngeschlecht in Rennersdorf bei Stolpen. Später waren sie auch Häusler in Neudörfel, einem Ortsteil von Rennersdorf. Hier wurde im Jahr 1803 Johann Carl Traugott Göbel geboren. Am 21. April 1837 erwarb Carl Göbel in Schönau von seinem künftigen Schwiegervater Josef Hille Haus und Grundstück Nr. 123. Bei dieser Gelegenheit wurde die Größe des Grundstücks angegeben: 1 Joch 887 Klafter der Acker und 1590 Klafter die Wiese, das sind 0,895 ha Acker und 0,576 ha Wiese, sind somit ca. 1,471 ha Gesamtfläche. Einen Monat später, am 15.05.1837, heirateten Carl Traugott Göbel und Agnes Hille.

Diese Eheleute hatten 6 Kinder. Carl Traugott Göbel war wie seine Vorfahren evangelisch und sehr fromm. Er behielt nach mündlicher Überlieferung im katholischen Niederland seinen evangelischen Glauben bei. Bereits bei der Taufe seiner Kinder tritt eine enge Beziehung zu den Fabrikanten seiner Zeit in Erscheinung. Pate bei der Taufe seines Sohnes Augustin 1851 war der Fabrikant August Liebisch aus Leopoldsruh Nr. 9 und die Fabrikantengattin Theresia Franze aus Schönau Nr. 128. Er selbst wird bei diesen Gelegenheiten als Gärtner und Bandweber bezeichnet.

Der Beginn der Bandwarenerzeugung

Carl und August, die Söhne von Karl Traugott und Agnes Göbel, waren zunächst ebenfalls Bandweber. 1873 wird Carl Göbel erstmals Buchhalter genannt. Es darf angenommen werden, dass er ebenso wie sein Bruder August in der Fa. August-Liebisch’s-Söhne beschäftigt war. Angehörige dieser Familie waren wiederholt Paten bei den Taufen der Kinder von Carl und August Göbel. Carl Göbel wird 1888 in den Kirchenbüchern als Geschäftsleiter genannt, später jedoch nur noch Bandweber. Er wohnte in jener Zeit in Nr. 119 in Oberschönau. Das Haus hieß bei Torn-August. Am 20.06.1900 ist er allerdings bereits verstorben.

August Göbel wird dagegen seit 1885 erstmals und dann ab 1891 stets als Werkführer bezeichnet. 1901 gründete August Göbel schließlich seinen eigenen Betrieb. Im Fragebogen der Industrie- und Handelskammer in Reichenberg v. 09.06.1939 wird als Gründungsdatum der Firma der 26.08.1901 angegeben. Das Startkapital resultierte aus einem österreichischen Patent, das er mit Datum v. 15.12.1901 für ein Verfahren zum Weben von Schreibschrift erworben hatte [Pat.-Nr. 14358]. Damals war August Göbel Werkmeister.

Aus dem Jahr 1935 liegt eine kurze Firmengeschichte vor, wonach August Göbel im Jahr 1901 die Firma mit den kleinsten Mitteln, aber größtem Vertrauen in die eigene Kraft gegründet hat. Ein überaus bescheidener, kleiner Bau im Ausmaße von 40 m² mit 2 Bandwebstühlen, 2 Spulmaschinen, 1 Schlagmaschine bildeten den Anfang. Im Jahr 1902 konnte der Betrieb verdoppelt und 1906 verdreifacht werden. Ein weiterer Zubau 1909 erhöhte den Anfangsbetrieb auf das Siebenfache und ein Aufbau im Jahre 1912 auf das Zwölffache seiner ursprünglichen Kapazität. [zitiert aus der Turmknopfurkunde von 1935].

Schönau Nr. 410, das Fabrikgebäude

Das Fabrikgebäude Nr. 410 wurde 1906 errichtet. Im Bauarchiv gibt es Unterlagen [vermutlich aus dem Jahr 1938] zur Aufstockung des Bürogebäudes, das ursprünglich, wie auf den Briefbögen zu erkennen ist, ein eingeschossiges Gebäude mit ausgebautem Dachgeschoss und turmartig gestalteter Eckformation war. Statt des Dachgeschosses verfügte das Gebäude nun über ein flachgedecktes volles Obergeschoss, so wie es auch heute noch zu sehen ist.

Die Firma August-Göbels-Söhne

Noch vor dem Tode von August Göbel wurde die Firma durch seine Söhne als August-Göbels-Söhne fortgeführt. Die handelsgerichtliche Eintragung erfolgte am 26.11.1926. Die Fabrikleitung übernahm der älteste Sohn August. Der zweite Sohn Josef wurde Geschäftsführer. Rudolf, der dritte Sohn, wurde Handelsreisender der Firma. Zu den Inhabern der Firma zählten jedoch auch die Schwestern Anna Swoboda sowie Frieda Eisert. Der jüngste Sohn Karl gehörte nicht zur Firma. Er übernahm das elterliche Wohnhaus Schönau Nr. 123 und gründete eine Tischlerei „Göbel-Tischler“. Er fertigte u. a. für die Küche meiner Urgroßeltern den großen Schrank an.

Im Jahr 1935 gab es in der Firma 12 Angestellte [9 männlich und 3 weiblich], sowie 33 Arbeiter und 24 Arbeiterinnen. Gemäß Fragebogen wurden hergestellt: Etiketten für die gesamte Bekleidungsindustrie, Wäscheadressen, Marinemützenbänder, Henkel für Schneider, Strippen mit eingewebten Namen, Paspule, Barmer Bögen, Hosenschutzborten, Festabzeichen, Lesezeichen, Ansichtskarten, Armbinden, Ärmeletiketten, DAF Mützenband. Der Firmengeschichte von 1935 in der Turmknopfurkunde wurde ein Musterbogen mit Etiketten beigefügt.

Nach dem Krieg wurde August Göbel als Spezialkraft nicht ausgewiesen. Er leitete die Firma bis zu seinem Tode 1948. Marie Göbel konnte dann mit „Sack und Pack“ nach Deutschland ausreisen.

Beispiele aus der Produktionspalette

Eine Spezialität der Firma August-Göbels-Söhne waren gewebte Bildbänder und solche mit Schriftzügen. Durch glückliche Fügung sind zwei Musterkataloge der Fa. August-Göbels-Söhne erhalten geblieben. Sie enthalten 10 bzw. 23 Seiten, auf denen eine breite Produktionspalette dargestellt ist.

Weiterhin sind insbesondere Lesezeichen und ähnliches zahlreich aufgrund günstiger Verhältnisse erhalten geblieben, einige werden hier beispielgebend abgebildet. Dieses Bild stammt aus dem Nachlaß meiner Großmutter Marie Hille, geb. Strobach.

Das Firmenjubiläum im Jahr 1936

Im Jahr 1936 gedachte die Firma August Göbel’s Söhne ihres 35 jährigen Bestehens. Aus diesem Anlaß wurde ein Gruppenfoto mit allen Betriebsangehörigen angefertigt. Im Hintergrund ist das Wohnhaus Nr. 123 zu erkennen. Die Inhaber der Firma, die Geschwister Göbel, sitzen nebeneinander in der zweiten Reihe. Aufgrund des nur wenige Zeit zuvor erfolgten Todes von August Göbels Sohn August (III) war die Stimmung allerdings sehr bedrückt.

Da zahlreiche Verwandte der Familie mit in der Firma arbeiteten, kann man auch von einem erweiterten Familienunternehmen sprechen.

Betriebsjubiläum 35 Jahre Firma August Göbels Söhne 1901 – 1936

1. Reihe: 1- Pietschmann; 2 – Marschner, Josef aus Niederschönau; 3 – Zeiler, Anton; 4 – Zeiler (Bruder von 3); 5 – Swoboda, Oskar; 6 – Wilde, Hans; 7 – Braunstein, Wenzel; 8 – Lissner, Ambros (aus Schönau Nr. 30); 9 – Klinger; 10 – Adler, Josef; 11 – Wünsche, Adolf;

2. Reihe: 1 – Hille, Martha (b. Katschinka-Bäcken); 2 – Heide, Rosa; 3 – Zumpfe, Karl aus Ober-Schönau; 4 – Sahr (?), Willi, Zeichner aus Wölmsdorf; 5 – Miller, Hans, Zeichner, Vater vom Briefträger; 6 – Hentschel, Emil aus Nieder-Schönau; 7 – Marschner, Josef (Sohn v. Pack’l-Marschner); 8 – Ramsch (?), Franz (Turner); 9 – Kaufer; 10 – Wünsche, August; 11 – Hampel, Walli; 12 – Ram’sch, Anna (To. v. Helene Ramsch, sp. verh. Müller);

3. Reihe: 1 – Kaufer/Kofer (Nähe Pack´l-Marschner); 2 – Pietschmann, Rosa; 3 – Kokisch, Anna (verh. Grohmann, Salmdorf); 4 – Elmer, verh. Hofmann (?); 5 – Lehnert, Berta, geb. Elmer; 6 – Müller, Anna (aus Nr. 333, Obere Schmiede); 7 – Kullmann, Anna (verh. Botzenweber); 8 – Konrad, Ida; 9 – Neumann, Berta; 10 – Meißner, Berta; 11 – ?; 12 – Hentschel, Martha, geb. Göbel; 13 – Marschner, Marie (verh. mit Oskar M.); 14 – Rudolf, Hilde; 15 – Seiffert, Anna;

4. Reihe: 1 – Heine-Vater; 2 – Eisert, Wenzel; 3 – Marschner, Josef, sn.; 4 – Göbel, Rudolf; 5 – Göbel, Josef; 6 – Göbel, August; 7 – Rämisch, Helene; 8 – Swoboda, Anna; 9 – Eisert, Martha; 10 – Eisert, Frieda;

5. Reihe: 1 – Hille, Adolf (Klein Schönau); 2 – Grohmann, Willi , Salmdorf; 3 – Schöps; 4 – Reinsch, Josef; 5 – Wünsche, Anton; 6 – Strobach Josef; 7 – Saar, (Bruder von oben 2. Reihe); 8 – Dietrich Anton, aus Hainspach/Neudörfel; 9 – Pietschmann

Die weitere Familiengeschichte und die Häuser fer Familie werden in einem eigenen Beitrag dargestellt.

Zur Geschichte von Firma und Familie Göbel ist ein Rossmann-Fotoheft erschienen.