
Herbert Goth zum Gedächtnis.
Dieser Beitrag wird sich mit einer eher etwas kleineren Bandfabrik in Groß Schönau befassen. Während die Fa. Hille & Hampel zu ihren Blütezeiten über 300 Personen beschäftigte, waren bei der Fa. August-Göbels-Söhne etwa 40 Personen in Lohn und Brot. Der Band’l-Marschner dagegen hatte bis zuletzt nicht mehr als 19 Betriebsangehörige.
Johann Marschner, der Band’l-Marschner, war von Beruf Bandwarenerzeuger. Seine Bandweb-Stühle standen in Ober-Schönau im Haus Nr. 355, das unter dem Namen „Klinger-Wenzels-Erben“ bekannt sein dürfte.
Zur Unterscheidung von den zahlreichen weiteren Marschner-Familien in Schönau wurde er Band’l-Marschner genannt. Ähnlich verhielt es sich mit seinem Schwiegersohn Rudolf Marschner, der Eisengarn-Marschner genannt wurde. Auch der Laden-Marschner, der in Schönau Nr. 394 ein Kolonialwarengeschäft führte, gehörte zu dieser Familie. Ein weiterer, entfernter Verwandter des Eisengarn-Marschner war der Pack‘l-Marschner, der, wie der Name signalisiert, Pakete austrug.
Aus heutiger Sicht ist das Wirken von Johann Marschner, dem Band’l-Marschner, untrennbar mit seinem Stiefvater, dem Werkmeister Eduard Marschner, sowie mit seinem Schwiegervater, dem Bandwarenerzeuger Alois Hille, verbunden.
Eduard Marschner, Werkmeister bei „Hille & Hampel“
Eduard Marschner war jahrzehntelang Werkmeister in der Bandwarenfabrik von Hille & Hampel in Hainspach und Groß Schönau. In einem Zeitungsartikel von 22. Juli 1910 wird anläßlich seiner Firmenzugehörigkeit von 55 Jahren seinem langjährigen und verdienstvollen Wirken für die Firma ausführlich gedacht. Demnach muß er bereits seit 1855 für diese Firma tätig gewesen sein.
Eduard Marschner war seit 1855 in erster Ehe mit Anna Kindermann aus Hainspach 63 verheiratet. Mit ihr hatte er drei Kinder, darunter den später in Schönau bekannten Laden-Marschner, der in Schönau 394 einen Lebensmittel- und Kolonialwarenladen betrieb. Bereits bei der Taufe des ersten Kindes Johann im Jahr 1858 waren die Bandwarenfabrikanten Emanuel Hampel aus Schönau 51 und Theresia Hille aus Schönau 50 Paten des Täuflings. Eduard Marschner wohnte zunächst in Hainspach 107, hier wurden die Söhne Johann und Eduard geboren, später dann auch in Hainspach 152. Offensichtlich, nachdem der Fabrikant Johann Hille nach Hainspach verzogen war, bezog Eduard Marschner dessen altes Haus in Schönau 50. Hier wurde 1866 der Sohn Josef, der spätere „Laden-Marschner“, geboren. Spätestens ab 1885 lebte die Familie jedoch in Schönau 51. Beide Häuser gehörten zum Betriebskomplex der Firma Hille & Hampel. Hier ist er nach 1910 gestorben. Zwei Jahre nach dem Tode seiner Frau 1883 ehelichte Eduard Marschner in Schönau die Witwe Veronika Marschner aus Schönau 73.
Veronika und Johann Marschner
Veronika Marschner, geb. Strobach, war in erster Ehe mit dem Bandweber Johann Marschner aus Schönau verheiratet. Die Eheleute Veronika und Johann Marschner lebten in Ober-Schönau 84 bzw. 73, wo auch ihre Kinder Veronika, Josef, Anna und Johann geboren wurden. Der Vater Johann Marschner war von Beruf Bandweber. Er starb nach 1870, sein Sterbeeintrag findet sich jedoch nicht in den Kirchenbüchern.
Johann Marschner in Röhrsdorf
Johann Marschner, der Band’l-Marschner, hatte im April 1896 das erste Mal geheiratet. Seine Frau Anna Kindermann war 1877 in Schönau 334 geboren worden, ihre Familie lebte dann jedoch in Röhrsdorf 20, wo die Eheleute auch heirateten. Die Marschner-Familie lebte zwar weiter in Röhrsdorf, hatte wohl aber ein unstetes Leben, das mit vielen Umzügen verbunden war. Jedes ihrer vier Kinder wurde in einem anderen Wohnhaus geboren. Zuletzt bezog die Familie das Haus der Schwiegereltern in Röhrsdorf 20. Hier wurde 1903 die jüngste Tochter Anna geboren. Diese starb allerdings bereits ein Jahr später in Schönau 51 im Hause ihres Stiefgroßvaters Eduard Marschner.
Über das frühe Berufsleben von Johann Marschner (Band’l-Marschner) ist nur wenig bekannt. Bei der Taufe seiner Kinder wird er stets Bandweber genannt. Allerdings hatten sich zu jener Zeit seine Geschwister Veronika und Josef bereits wirtschaftlich etabliert. Letzterer lebte als Geschäftsführer bzw. Teilhaber der Fa. Marschner & Scholz in Dresden, Falkenstraße 6, und wurde in der Familie Goldonkel genannt. Johann lebte einige Zeit bei ihm, kehrte aber dann nach Röhrsdorf zurück und arbeitete als Buchhalter bei der Fa. Raffel. Möglicherweise ist er zudem identisch mit dem Trauzeugen bei der Hochzeit des Laden-Marschner im Jahr 1891, wo als Zeuge Johann Marschner, Schlosser in Spremberg 92, auftaucht, gemeinsam mit dem Buchbinder August Kunert, ebenfalls Spremberg 190.
Johann Marschner und die Bandwarenerzeugung Alois Hille in Schönau
1903 starb Anna, seine erste Frau. Johann Marschner heiratete am 26.04.1904 in Schönau erneut. Seine zweite Frau war Marie, die Tochter von Alois Hille, die im Jahr 1875 geboren worden war. Alois Hille wiederum war selbst ein Bandwarenerzeuger, der im eigenen Haus Schönau Nr. 114 produzierte und ein weitläufiger Verwandter zur oben genanten Familie Hille & Hampel war. Johann Marschner war zu dieser Zeit Expedient in Röhrsdorf Nr. 20, vermutlich wohl bei der Fa. Hille & Hampel oder der Fa. Raffel. Aus Gründen der Firmenerweiterung errichtete Alois Hille im Jahr 1904 ein separates Produktionsgebäude, das sog. Fabrik’l in Schönau Nr. 425, mit angeschlossenem Wohnbereich. Der Band‘l-Marschner kam die erste Zeit noch von Röhrsdorf nach Schönau, bezog aber dann mit Marie und seinen Kindern die Wohnung im neuen Fabrikgebäude Schönau Nr. 425, wo am 16.09.1905 die Zwillinge Johann und Josef (Fritz) geboren wurden, wobei Josef allerdings nach 17 Tagen wieder starb.
Die familiäre Überlieferung erzählt, dass Johann Marschner anlässlich der Hochzeit mit Marie Hille von seinem Schwiegervater Alois Hille zwei eigene Bandwarenstühle erhielt, die an der Stirnseite des Fabrikneubaus aufgestellt wurden.

Bandfabrik von Alois Hille, Schönau Nr. 325 (Bauunterlagen Archiv Decin)
Nach dem Wechsel der Firmenleitung an Alois Hille jn. führten betriebsökonomische Differenzen allerdings bald zur Trennung der gemeinsamen Produktion und zum Auszug von Johann Marschner aus dem Fabrik’l. Er stellte seine Web-Stühle bei „Wenzel Klingers Erben“ Schönau 355 auf, wo er zunächst auch wohnte. Mit dieser Adresse war er 1914 Zeuge bei der Trauung von Martha Marschner, Tochter des Laden-Marschner, mit Paul Brauner.

Schönau Nr. 360, Bandfabrik Franze an der Zeidler Straße. Hier hatte der Band’l-Marschner auch Stühle stehen
Zu den Hintergründen der Trennung von Alois Hille ist nichts bekannt. Das Verhältnis zur Familie des Schwiegervaters war offensichtlich weiterhin gut. Seine Frau Maria hatte noch zwei Schwestern Anna und Berta und den eben genannten Bruder Alois, der nach dem Tode des Seniors Alois Hille die Firma allein weiterführte.
Johann Marschner bezog vor 1921, das Jahr in dem seine Tochter Ottilie heiratete, das geräumige Haus Schönau 481, welches dort steht, wo der Botzenstaig beginnt. Das Haus war von Josef Paul erbaut worden, der es jedoch nach dem Tod seiner Frau veräußerte und nach Lobendau verzog.
Als im Jahr 1926 nach verschiedenen Umzügen innerhalb des Hauses Schönau 114 mein Großvater Johann Hille, der Sohn der eben genannten Anna Hille, das Haus verließ, nahm Johann Marschner ihn zu sich in sein Wohnhaus Schönau 481 auf.

Schönau 481, hier wohnte die Familie Band’l-Marschner ab 1921 bis zur Ausweisung 1945 (Zustand 1985)
Am Wohnhaus Schönau Nr. 481 begann der Botzenstaig, eine alte Wegeführung, die quer über die Felder nach Kaiserswalde führte und dabei den Botzen passierte. Am Beginn des Botzenstaigs stand ein Wegekreuz. Der Corpus ist nicht mehr vorhanden. Eine Inschrift ist mir nicht bekannt.

Granitsockel vom Kreuz am Botzenstaig
Zu Firma und Familie des Bandel-Marschner habe ich ein Fotoheft erstellt:
