Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Rudolf Marschner – der Eisengarn-Marschner

Rudolf Marschner, 1897-1976, Schwiegersohn vom Band’l-Marschner.

Martha, die zweite Tochter von Johann Marschner, heiratete im Jahr 1919 den Rudolf Marschner, ein Sohn des Franz Marschner, Schuhmacher in Schönau Nr. 64. Ein Bruder von Franz war Josef Marschner, „Pack’l-Marschner“, ein Großvater meiner Großmutter.

Nach der Hochzeit lebte die Familie Rudolf Marschner in Schönau 133. Auf diesem Gelände stand früher das Schönauer Schloss, bis es um 1430 von den Hussiten zerstört wurde. Um 1921 gehörte es dem Spediteur und Kohlenhändler Josef Rämsch. Rudolf Marschner war zu dieser Zeit Werkmeister bei der Fa. August-Liebisch-Söhne in Schönau/Leopoldsruh.

Schönau Nr. 356, vor dem Umbau im Jahr 1925

Um 1925 begann er in seinem zwischenzeitlich erworbenen Haus Schönau Nr. 356 eine eigene Produktion der Herstellung von Eisengarn. Hieraus rührt auch sein Name Eisengarn-Marschner. Zur Größe der Firma ist leider nur wenig zu sagen. Werkmeister war Alfred Kastner aus Kleinschönau. Nach Auskunft von Irene Goth sollen es um die 20 Arbeiter gewesen sein. Besser steht die Überlieferungslage bezüglich der baulichen Maßnahmen und Veränderungen zum Haus Schönau 356. Demnach ist das Haus um 1871/1872 durch Augustin Müller auf dem bäuerlichen Grund der Landwirtschaft Schönau Nr. 62 „Lauers“ gebaut worden. Im Jahr 1926 begann Rudolf Marschner mit diversen Umbauten am Haus. Zunächst wurde ein 5 x 5 m großer Anbau errichtet, der das Wohnhaus mit einem bereits bestehenden Schuppen verband. Der so entstandene Lagerraum war 12 m lang. Im Jahr darauf erhielt das Haus eine Dampfmaschine zur Energieerzeugung, die eine Leistungskraft von 45 PS lieferte. Im Jahr 1931 wurde ein weiterer, ca. 6 x 6 m großer Anbau errichtet, im Erdgeschoß gab es einen Lagerraum und im Obergeschoß eine Küche. Die Firma erhielt 1929 eine wasserrechtliche Erlaubnis zur Einleitung von täglich 50-100 Liter mit Farben belasteten produktionsbedingten Abwässern in den Dorfbach. Diese enthält einen interessanten Bericht zur Technologie der Eisengarnerzeugung.

Schönau Nr. 356, Baupläne von 1871, Archiv Decin

Schönau Nr. 356, Baupläne für die Erweiterung 1925, Archiv Decin

Eisengarn ist ein mehrfach gezwirntes undparaffiniertes Baumwollgarn. Der Name bezieht sich auf die hohe Strapazierfähigkeit und Festigkeit des Materials. Eisengarn enthält anders als häufig angenommen kein Eisen. Mehrere Baumwollfäden werden zunächst in gelöster Stärke, Paraffin und Wachs getränkt. Im Anschluss werden im Polierverfahren die Fäden mittels Stahlwalzen und Bürsten gespannt mit dem Ziel, alle Faserenden zu glätten. Das Resultat ist ein glänzendes, sehr reißfestes Garn, das extrem strapazierfähig ist. Das Eisengarn wurde ursprünglich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Wuppertal entwickelt. Es fand Verwendung für Schnürriemen, Hutlitzen für Uniformen, Bänder, Futterstoffe und als Nähgarn sowie in der Kabelindustrie. Dadurch verhalf es den lokalen Bandwebereien im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu beträchtlichem wirtschaftlichen Auftrieb (wikipedia).

Vier Generationenbild 1951 in Lindau

v. Links: Johann Bandel-Marschner, stehend seine Tochter Martha Marschner, sitzend Enkelin Irene Goth, geb. Marschner, deren Tochter Hannelore Goth, rechts: Rudolf Eisengarn-Marschner