Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Das Neudörfler Spitzenbergfest

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Seit längerem suche ich nach den Hintergründen zu einem Wallfahrtsberg, der sich bei Neudörfel befunden haben soll und den ich auf einer alten Karte bei Neudörfel eingetragen gefunden habe (Kartenwerk Atlas Augusteus 1742). Bei der Nachforschung bin ich auf einen Aufsatz von K. Dittrich in Unser Niederland, Folge 206, S. 74, aus dem Jahr 1965 gestoßen, der genau zu diesem Fest die überlieferte Geschichte mitteilt:

Viele Gemeinden des Niederlandes feierten von altersher zur Sommerzeit die Gedenktage der Kirchenpatrone und besonders verehrter Heiliger mit öffentlichen Prozessionen in der freien Natur. Mochte die Sonne noch so heiß brennen – zum Annabergfest litt es keinen Lobendauer in seinen vier Wänden und beim Börnelfest der Wölmsdorfer fehlte kaum einer, weil eben das „Ortsfest“ das größte war, bei dem jeder sein mußte (wenn er noch laufen konnte). Den Auftakt zu der Reihe erbaulicher Heimatwallfahrten, die vom Pfarrherrn von der Kirche aus geführt wurden, bildete jene der Neudörfler. Schon vor den eben genannten Gemeinden begingen sie seit alten Zeiten am Dreifaltigkeitstag (1. Sonntag nach Pfingsten) ihr Spitzenbergfest. Fast dreieinhalb Jahrhunderte ist der fromme Volksbrauch alt, denn so lange weist auf dem nahen Spitzenberggipfel ein hohes Gedenkkreuz himmelwärts!

Mit seiner recht luftigen Höhe von 554 Meter überragt unser auf der Richterschen Familienflur (Spitzenberg-Richter) liegender Gipfel alle Höhen der Umgebung (Güttelberg 424, Gerstenberg 494, Raupenberg 457 Meter). Wie so manchmal noch in den Jahren vor der Vertreibung in gewitterschwangeren Stunden sorgenvolle Blicke die wolkenverhangene Spitzbergkuppe suchten, so sahen unsere Vorfahren im Juni des Jahres 1616 angsterfüllt zur dunkelverhangenen Bergspitze; wo drei Tage schon Unwetter tobten von nie erlebter Wildheit. In großer Sorge um ihre Feldfrüchte gelobten unsere Ortsbewohner, auf dem Spitzenberg ein festes Gedenkkreuz aufzurichten, wenn Hagel und Wetterschlag die Fluren verschonen würden.

Und wirklich, als dann Feuerblitz und Pulverrauch aus der Wetterkanone sich verzogen hatten, war der Berggipfel frei und aus der zuvor nachtschwarzen Unwetterwand trieben mächtige Wolkenfetzen westwärts der Grenze nach Sachsen zu. – Zweihundertfünfzig jahre lang pilgerten die Neudörfler mit ihren Verwandten und Bekannten der ganzen Umgebung ihrem Gelöbnis getreu zum Gipfelkreuz auf dem Spitzenberg bis 1866. In jenem Kriegsjahr stürzten durchziehende Feindestruppen das uraltes Weihekreuz herab. Sie fürchteten, dass von ihm aus Signale ins weite Land gesendet werden könnten.

Zum bald wieder erneuerten Gedenkkreuz zogen noch achtzig feierliche Prozessionen der fast dreihundert Neudörfler alljährlich, bis vor zwanzig Jahren nach diesem letzten Spitzbergfest für viele bald der Kreuzweg der Heimatvertreibung begann.

Anmerkung: Die Jahreszahl 1616 ist sicher ein Lesefehler, tatsächlich wird es das Jahr 1696 gewesen sein.

A.F. Zürner: Atlas Augusteus (vor 1742)

https://www.deutschefotothek.de/documents/obj/90009270/dd_hstad_0000078