Das Flurstück 504/1.
Das inzwischen schon abgerissene Wohnhaus Schönau Nr. 6 stand auf einem eigenen Flurstück mit der Flurstücks-Nr. 504/1. Das Flurstück ist relativ groß und hatte die Form eines flachen Dreiecks. Das Grundstück stieg rückwärtig erheblich an, so dass in den Hang ein ebenerdig zugänglicher Keller hineingebaut werden konnte. Das Grundstück gehörte ursprünglich zur Grafenwalder Flur und war damit Eigentum der Hainspacher Herrschaft.

Die Grafenwalder Flur wurde wohl nach dem 30-jährigen Krieg parzelliert und an zahlreiche Inwohner vergeben. Durch glückliche Umstände ist aus dem Jahr 1909 ein Bauplan des Hauses erhalten geblieben, der hilft, die Raumaufteilung im 19. Jahrhundert zu rekonstruieren: Im Erdgeschoß eine große Stube, an drei Seiten umrahmt von einem dreijochigen Umgebinde, dazu gegenüber ein Raum mit Steinmauern, ein massiver Stall, sowie das Ausgedinge, wieder mit zwei Bögen Umgebinde. Im Ausgedinge lebte also stets die ältere Generation. Im Rückwärtigen Bereich des Hauses ein Trocken-WC und ein separater Raum, eventuell ein Lagerraum, alles Verbunden durch einen Gang. Vom großen Flur führte eine Treppe zum Dachgeschoss. Im Dachboden gab es direkt über der großen Stube im Erdgeschoss eine große Schlafkammer, gegenüber befanden sich zwei weitere Kammern. Jenseits des Ganges gab es einen Keller, der in den Hang hinein errichtet worden war. Ob sich das Haus ursprünglich linker Hand fortsetzte, kann den Unterlagen letztlich nicht entnommen werden, darf jedoch aufgrund der Pläne aus der Mitte des 19. Jahrhunderts vermutet werden.


Vielleicht gab es hier noch eine Art Scheune und darüber einen normalen Dachraum. [Archiv Decin]
Die Bewohner
Im 18. Jhd. lebte in der Nr. 6 die Familie Keule, deren Tochter Marie Elisabeth heiratete im Jahr 1781 Josef Hille aus dem benachbarten Haus Schönau Nr. 7. 1798 starb die Mutter Elisabeth Keule, danach zog die Tochter mit Familie aus der Nr. 7 in die Nr. 6. Im Jahr 1816 wurde hier das Enkelkind Veronika Hille geboren. 1821 starb Marie Elisabeth Hille. Dann beginnt eine größere Überlieferungslücke bis zum Jahr 1862, als hier am 19.06.1862 ein Neffe von Josef und Maria Elisabeth Hille, Johann Jacob Hille als Tagelöhner und Junggeselle mit 72 Jahren starb.
Offensichtlich hat nun wiederum dessen Neffe Johann I, der 1829 geborene Sohn seines Bruders Ambros Hille, das Haus Nr. 6 ererbt. Als Johann I Hille am 17.02.1862 heiratete, lebte er noch als Schuhmacher in Schönau Nr. 131. Dessen Besitzer, der Färber Johann Hille, war auch Trauzeuge bei der Hochzeit von Johann und Magdalena. Die Braut Magdalena stammte allerdings auch aus Schönau Nr. 6, sie lebte hier mit ihrer Mutter Magdalena Opitz. Ob der oben genannte Johann Jacob Hille und Magdalena Opitz gleichzeitig im Haus Nr. 6 wohnten, ist nicht ganz klar. Als Magdalena Opitz im Jahr 1893 starb, wird sie Haubesitzerin von Nr. 6 und Ausgedinge in Nr. 91, ihrem Geburtshaus, genannt. Spätestens seit 1865, als ihr erstes Kind geboren wurde, lebte die Familie Johann I und Magdalena Hille bereits in Nr. 6; Johann war Schuhmachermeister.
Aufteilung der Wohnräume in Nr. 6 um 1896
Der große, wohl ungeteilte Raum im Erdgeschoß war sowohl Arbeitsraum des Schuhmachermeisters als auch Lebensmittelpunkt für die gesamte Familie, gewiss einschließlich der Kochstelle. Sicher ist dies den Plänen aber nicht mehr zu entnehmen. Die große Kammer im Dachgeschoß diente als Schlafraum für die Familie. Die Nutzung der beiden anderen Kammern ist unklar. Ob der erwachsene Sohn Johann II vor seiner Trauung 1896 im Haus eine Kammer als eigenen Schlafraum nutze, wäre möglich. Im Ausgedinge im Erdgeschoss, Lebens- und Rückzugsraum der älteren Generation, wird zuletzt der Vater Johann I Hille gewohnt haben, wie sicher schon zuvor auch wohl dessen Schwiegermutter Magdalena Opitz. Magdalena Opitz starb 1893 und im Mai 1896 ihre Schwiegertochter Magdalena Hille, die Frau von Johann I. Im Juli des gleichen Jahres heiratete der Sohn Johann II Anna, die Tochter von Alois Hille aus Schönau Nr. 114 und zog mit ihr ebenfalls in die Nr. 6. Kurz darauf wurden die beiden Kinder Anna und Johann geboren. Die Familie wird dann den großen Schlafraum im Dachgeschoß für sich genutzt haben. Johann II war wie sein Vater Schuhmachermeister. Es darf angenommen werden, dass beide die Werkstatt gemeinsam führten.
Der frühe Tod von Johann II, er starb 1899 an TBC, änderte einiges. Die Witwe zog mit ihren beiden kleinen Kindern zurück in das Elternhaus Nr. 114. Der Vater Johann I lebte weiterhin in Nr. 6. Hier hat unsere Großmutter ihn einmal vor dem Haus stehen gesehen, mit einer gestickten Haube auf dem Kopf, wie sie sich genau erinnerte. Gestorben ist Johann I allerdings 1911 in einem Spital in Schluckenau. Die genauen Umstände, die dazu führten, sind leider nicht bekannt. Zu diesem Zeitpunkt wohnte in Schönau Nr. 6 bereits der Strumpffabrikant Josef Grohmann, der im Jahr 1909 die ersten baulichen Veränderungen am Haus veranlasst hatte.
Zu den außergewöhnlichen Umständen des Lebens von Johann I Hille gehörte, dass sich eine Photographie von ihm erhalten hat. Ich nehme an, dass sie für ein besonderes Ereignis im seinem Leben steht, der Hochzeit seines einzigen Kindes Johann II im Jahr 1896. Zu diesem Zeitpunkt war Johann I bereits 67 Jahre alt.


Eine zweite Besonderheit ist sein Spitzname Franzens Schuster. Abgesehen davon, dass in Schönau dieser Berufszweig stets Schuhmacher genannt wurde, ist die Nähe von Johann I zum Fabrikanten Franze überaus deutlich. Bereits bei der Taufe des ersten Kindes im Jahr 1865 war Johann Franze, Bandfabrikant aus Schönau Nr. 128, ein Pate, 1868 bei der Taufe des zweiten Kindes Johann II seine Ehefrau Theresia Franze. Deren Tochter setzte die Tradition als Pate bei der Taufe der Enkeltochter Anna im Jahr 1897 fort. Der Spitzname Franzens Schuster drückte also offensichtlich auf diese besondere Weise die enge Verbindung zwischen
diesen beiden Familien aus. Die mir von unserem Vater überlieferte familiäre Deutung, dass Johann I ein von Franze angenommenes Waisenkind sei, nachdem dieses irgendwo in einem Nixdorfer Waisenhaus aufgewachsen sei, ließ sich durch keinerlei Indizien belegen.


Blick in eine Schuhmacherwerkstatt (allerdings in Wild-Schönau/Österreich). Diese Situation hatte mich animiert, diesen Beitrag zu schreiben.
Die Bewohner des Hauses Schönau Nr. 6
