Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Neudörfel – Studien zur Flur-Geschichte eines Dorfes im nördlichsten Böhmen, oder – Das vergessene Dorf am Frohnbach

Wichtigste Quellen für genealogische Studien sind unweigerlich die Kirchenbücher. Dazu kommen für die älteren Zeiten noch die Grundbücher, hilfreich sind weiterhin Mannschaftsbücher und Urbare. Alle diese Quellen stehen bekanntlich in den staatlichen Archiven der Forschung in vorzüglicher Weise zur Verfügung1. Am Beispiel der Gemarkung von Neudörfel (Abb. 1), einem kleinen Ort im nördlichsten Böhmen, soll heute aufgezeigt werden, wie eine Auswertung dieser zunächst primär genealogisch ausgerichteten Quellen helfen kann, eine Flur- und vielleicht damit auch eine Siedlungsgeschichte zu verfassen. Grundlegend hierbei waren die Katasterkarten aus der Zeit um 1843, die zumindest für diese Gegend flächendeckend zur Auswertung zur Verfügung stehen2, und die für nachstehende Karten die grafische Grundlage bildeten.

Die bislang der Literatur zu entnehmende Geschichte von Neudörfel ist schnell erzählt3. Demnach entstand der Ort wohl Ende des 14. Jahrhunderts als Waldhufendorf4 und hatte 1446 ein Lehngericht und sechs besessene Männer (Bauern)5. In den Folgejahren ist ein stetes Anwachsen des Dörfleins zu beobachten. Im Jahr 1471 übernahmen die Herzöge von Sachsen das nordböhmische Niederland von den Berken von der Duba.6, dem bedeutenden, über Jahrhunderte hinweg u. v. a. auch auf der Burg Tollenstein bei Georgenthal ansässigen böhmischen Adelsgeschlecht. Aus dem Jahr 1475 liegt mit der sogenannten Landaufnahme ein erstes detailliertes Inventar dieser Gegend vor, das als Grundlage für den Verkauf des Amtes Tollenstein-Schluckenau an den sächsischen Obermarschall Haugold v. Schleinitz diente. Neudörfel verfügte nun über 10 Bauern. Hundert Jahre später teilten die Erben des Schleinitz das Land in drei Teile. Hiervon kündet die Teilungsurkunde von 1566. Für Neudörfel sind weiterhin 10 Bauern und nunmehr 14 Auhäusler, mithin 14 Familien, vermerkt7. 1668 zählte der Ort 9 Bauern, 3 Gärtner und 14 Häusler8.

Betrachtet man die Flurkarte von Neudörfel, so offenbart sich eine topografische Besonderheit. Anders als bei den übrigen Waldhufendörfern im Nordböhmischen Niederland gruppieren sich die bäuerlichen Flurstreifen nicht „harmonisch“ nebeneinander sondern zeigen eine davon abweichende Grundgestalt (Abb. 2); merkwürdig dazu noch das Fehlen eines mittigen Bachlaufes, an dessen beiden Seiten sich für gewöhnlich die bäuerlichen Hofstellen perlenschnurartig aneinander reihen. Statt dessen belegte die Mitte des Ortes ein größerer Dorfteich, aus dem ein kleiner Bach in Richtung Osten floß und der später in Obereinsiedel in den Sebnitzbach mündete.

Verschiedene Hinweise lassen darauf schließen, dass die Siedlungsgeschichte von Neudörfel etwas anders abgelaufen sein könnte als bei den anderen Waldhufendörfern9. Mit den folgenden Überlegungen sollen nun Indizien dafür zusammengetragen werden.

Auffällig ist zunächst ein separater, eher südlich gelegener, nahezu quadratischer Gemarkungsteil, der durch die Wiesen am Frohnbach von der Kerngemarkung abgetrennt wirkt10. Ein Teil der bäuerlichen Flurstreifen Neudörfels zieht über den Frohnbach hinweg und endet erst an der Gemarkungsgrenze zu Niedereinsiedel, der südlich an Neudörfel anschließenden Gemarkung.11 Die Wiesen am Frohnbach trennen nun oder verbinden gewissermaßen beide Teile der Gemarkung von Neudörfel.

Der Wasserlauf, der diese Wiesen durchfließt, trägt den Namen Frohnbach. Er entspringt im sächsischen Rugiswalde und kreuzt nach 1 km Lauf die sächsisch-böhmische und zugleich Gemarkungsgrenze und mündet nach weiteren 1,7 km in den Dorfbach von Obereinsiedel. Während sich auf sächsischer Seite entlang des Frohnbaches ab Rugiswalde eine lockere Besiedlung hinzieht, endet diese auf der böhmischen Seite abruppt. Das war aber wohl nicht immer so. Indizien in der Fluraufteilung lassen darauf schließen, dass sich auch auf den Wiesen am Frohnbach eine kleine bäuerliche Ansiedlung befunden hat. Noch 1843 sind auf der Flurkarte von Neudörfel „in den Wiesen“ einige kleine und nebeneinander angeordnete, viereckige Flurstücke zu erkennen, die vermutlich die letzten Hinweise auf aufgelassene Hofstellen sind (Abb. 3). Es sind dies 5 Flurstücke an der Zahl, die sich sämtlichst südlich des Frohnbaches aneinander reihen und an diesen angrenzen. Diese fünf Flurstücke geben einen Hinweis auf die Zahl der bäuerlichen Hofstellen in diesem Weiler12. So es hier also eine dörfliche Ansiedlung gegeben hat, so wird diese auch über bäuerliche Wirtschaftflächen, möglicherweise in Form von Flurstreifen, verfügt haben. Auf Abbildung 1 ist der Versuch dargestellt, die im 19. Jahrhundert noch vorhandenen bäuerlichen Flurstreifen auf die beiden Siedlungen, Neudörfel und den Weiler am Frohnbach, aufzuteilen. Den Verlauf der alten trennenden Gemarkungsgrenze habe ich durch rote Strichlinien abgedeutet.13 So könnte auch die ungewöhnliche Struktur einiger Flurstreifen zu erklären sein. So orientieren die vier nördlichen und dabei west-ost-verlaufenden Flurstreifen14 auf Neudörfel und die nord-südlich verlaufenden und quasi rechtwinklig an die zuerst genante Flurstreifengruppe anstoßenden Flurstreifen eher auf das Dorf am Frohnbach.

Wann die Siedlung am Frohnbach niedergegangen ist und die Fluren Neudörfel zugeschlagen wurden, läßt sich bislang nicht näher eingrenzen. Das älteste Urbar aus dem Jahr 1574 kennt an dieser Stelle nur Neudörfel; das Dorf am Frohnbach gab es da wohl schon lange nicht mehr. Die oben aufgeführten frühen Quellen zur Landesgeschichte aus den Jahren 1471 und 1475 führen auch Abgaben zu Siedlungen auf, die heute nicht mehr zu identifizieren und damit zu lokalisieren sind. Hier wäre noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten, ein Unterfangen, das vorliegende Studie nicht leisten kann.

Interessanter Weise werden bereits in den frühen Quelle ab 1574 bei einigen bäuerlichen Höfen sogenannte Überschare erwähnt. Das sind von den eigentlichen bäuerlichen Fluren entfernt gelegene, separate Fluren, in diesen ausgedehnten Rodungsgebieten meist als Waldhufen konzipiert. Die für das Jahr 1843 rekonstruierbaren Flurstreifen lassen erahnen, wie die Flur des Dorfes am Frohnbach ursprünglich strukturiert gewesen sein mag und wie die Fluren später, nach dem Niedergang der Siedlung am Frohnbach, in das gemeinsame bäuerliche Gemeinwesen von Neudörfel einbezogen wurden (Abb. 2).

Die Flurbesitzerkarte von 184315 nennt für die bäuerlichen Nutzflächen auch die Namen der jeweiligen Eigentümer. So lassen sich für die abgelegenen Überschare die tatsächlichen Eigentümer ermitteln. Das sind, wie zu erwarten, zumeist die Bauernhofbesitzer in Neudörfel. Es zeigt sich, dass von den 11 Landwirtschaften von Neudörfel allein 6 Höfe auch Flächen in dem separaten Gemarkungsteil „Frohnbach“ bewirtschafteten.

Geht man anhand der ab 1740 vorliegenden Grundbücher ins Detail, so ist zu erkennen, dass wiederholt bei Grundstücksverkäufen oder -übernahmen die dazu gehörende Überschar ausdrücklich erwähnt wird. Leider gelingt es anhand der zur Verfügung stehenden Quellen nicht, die Besitzerfolgen von 1718 lückenlos bis zur Aufstellung von 1574 zurückzuverfolgen16

In Ermangelung auch des geringsten historischen Nachweises für diese Siedlung17 habe ich den Weiler „das Dorf am Frohnbach“ genannt. Möglicherweise könnten eines Tages durch archäologische Bodenfunde, z. B. mittelalterliche Scherben im Bereich der fünf erwähnten Parzellen, eindeutige Beweise für diese Theorie und damit für dieses allein aufgrund der Fluraufteilung erschlossene Dorf gelingen.

Über die Ursachen des Wüstwerdens mittelalterlicher Dörfer gibt es eine reichhaltige Literatur, insbesondere im Bereich der historischen Wissenschaften und der mittelalterlichen Archäologie. Krankheiten und Seuchen sind gewiss eine Möglichkeit, schlechte wirtschaftliche Grundlagen, unergiebige Äcker und dgl. gewiß eine andere. Ich vermute hier allerdings eher eine Umweltkatastrophe in Form eines größeren zerstörerischen Hochwassers, welche auch in dieser leicht bergigen Gegend zuweilen vorgekommen sind und verheerende Auswirkungen nach sich gezogen haben können.

Falls jedoch beide Dörfer nicht gleichzeitig bestanden haben sondern sukzessiv, hätten wir auch eine schlüssige Erklärung des Dorfnamens Neudörfel. Aber da bewegen wir uns schon sehr im Feld der Spekulation. Unbestritten bleibt jedoch der Umstand, dass Neudörfel zu den höchstgelegenen Orten des böhmischen Niederlandes zählt.

Auf eine weitere historische Besonderheit in der Fluraufteilung von Neudörfel soll noch explizit eingegangen werden. In den Urbaren wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Richter von Neudörfel weder Erb- noch Lehnrichter ist, der Richter vielmehr den Boden an die Obrigkeit verkauft habe und er nunmehr nur noch als Gärtner bezeichnet werden könne. Die Rekonstruktion der Besitzerabfolge läßt erkennen, dass die Flächen des rezenten Hofes Neudörfel Nr. 2 die letzten verbliebenen Reste des ursprünglichen Lehnrichtergutes sind. Die dem Bauerngut Nr. 1 zugewiesenen Flächen, die sich zudem über beide Gemarkungsteile erstrecken, gehörten zwar ebenfalls einem Richter, allerdings jenem von Niedereinsiedel, die dieser schließlich im Jahr 1744 an den späteren und aus dem Dorf Schönau stammenden Besitzer Hans Christoph Liebisch verkaufte. Merkwürdiger Weise überliefert J. Fiedler in seiner Heimatkunde (1898, S. 467 f.) die Abschrift eines Lehenbriefes vom Neudörfler Lehengericht für das Jahr 1767 zugunsten des getreuen Unterthanes Johann Christoph Liebschen, ein Vorgang, der anhand der Neudörfler Grundbücher allerdings nicht verifiziert werden konnte18.

Abb. 1, Blick vom Spitzberg in nordwestliche Richtung auf Neudörfel, Aufnahme 1. Hälfte 20. Jhd.

Abb. 2, Gemarkungskarte von Neudörfel mit skizzierter Fluraufteilung, der Lage von Neudörfel und dem Dorf am Frohnbach und angedeuteter Grenze zwischen den beiden Gemarkungen. Bearbeitet nach einer historischen Karte von 1843 https://ags.cuzk.cz/archiv/

Die Flurstücke des erschlossenen Dorfes am Frohnbach (Auszug aus der Karte Abb. 2)

Legende: schwarze Linien: Katastergrenzen der dörflichen Flurstücke; dünn gepunktete Linien: Flurgrenzen der Waldhufenstreifen; blaue Strichlinie: Frohnbach

Anmerkungen

1 Für Neudörfel ist das staatliche Arciv in Leitmeritz zuständig

2 https://ags.cuzk.cz/archiv/

3 Mit nur wenigen Zeilen zuletzt beschrieben bei: Pfeiffer 1977, S. 125; etwas ausführlicher zuvor bei Fiedler 1898, 464-468, der zudem eine erste Ortsgeschichte anhand der Eintragungen im Urbar von 1668 zusammenstellt.

4 Ersterwähnung für das Jahr 1446 im Zinsregister von Wildenstein, der Burg auf dem Kuhstall in der Sächsischen Schweiz (Fiedler 1898, S. 466). Wer sich mit dem Jahreszinsverzeichnis der Herrschaft Hohnstein von 1446 näher befassen will, dem seien als Einstieg die Ausführungen bei Richter (1960, ab S. 17) empfohlen. Die Urkunde selbst ist transcribiert bei Gautsch 1880 S. 115 ff. Anders als Gautsch, der dieses Newedorffel dem gleichnamigen Ortsteil von Hinterhermsdorf zuweist, wird es bei Meiche (1899, S. 316) als das Neudörfel bei Lobendau identifiziert.

5 1945 hatte der Ort 47 Häuser und ca. 250 Einwohner. Infolge der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach 1945 sind heute nur noch 10 Häuser vorhanden.

6 Diese Inforrmationen und die folgenden nach Richter 1960, S. 21 ff. Zu den Berken von der Duba einführend https://de.wikipedia.org mit weiterführender Literatur.

7 Die Teilungsurkunde von 1566 ist Teil der Böhmischen Landtafel und ist Dank der Digitalisierung durch das Prager Landesarchiv online einsehbar http://www.badatelna.eu/

8 Siehe Anm. 1 (Archiv Leitmeritz, inv. 2264 und 2288)

9 Zur Besiedlungsgeschichte vorzüglich das Buch von Helene Jahn-Langen (1961), über die Bevölkerungs- und Sozialstruktur einer Industriedorflandschaft.

10 Hieran wiederum schließt sich ein weiterer, angehängt wirkender Flurteil an, der aus der Gemarkung Niedereinsiedel herausgelöst erscheint.

11 Zu Niedereinsiedel: E. Herzig (1923)

12 Sicher wird man anhand der Grundbücher (beginnend ab 1740) sehr frühe Eigentümer dieser 5 Flurstücke ermitteln können, in der Hoffnung, auch schon für diesen Zeitpunkt die Eigentümer mit Inhaber von Landwirtschaftsgütern identifizieren zu können. Leider scheitert ein solches Vorhaben schon allein an meinen begrenzten zeitlichen Kapazitäten.

13 Möglicherweise hat sich das Dorf am Frohnbach auch noch bis in die Gemarkung Obereinsiedel erstreckt, da sich hier noch zwei weitere, ähnlich strukturierte Flurstücke anschließen.

14 Die beiden schmalen, zu den Wirtschaften 23 und 27 gehörenden oberen Flurstreifen erwecken den Eindruck einer ursprünglichen Zusammenghörigkeit. Allerdings lassen sich gerade bei diesen beiden Wirtschaften separate Besitzer bis 1574 rekonstruieren. Die mögliche Flurtrennung müßte dann zuvor erfolgt sein und wäre damit schwer zu verifizieren.

15 https://ags.cuzk.cz/archiv/openmap.html?typ=skicic&idrastru=LIT346018430

16 Verfasser hat daher zwei getrennte Tabellen der Besitzerabfolgen erstellt, a) von 1574-1677 und b) 1718-1945, die sich derzeit leider nicht miteinander eindeutig verknüpfen lassen.

17 J. Fiedler zitiert allerdings als ältesten Namen für Neudörfel „Neudörfel am Fromholze“, allerdings ohne konkreten Nachweis, so dass eine Überprüfung des Originalkontextes auf die Schnelle nicht erfolgen konnte.

18 Die Abschrift selbst allerdings stellt für den heutigen Forscher eine willkommene und leicht analog zu verwendende Übertragung eines Kaufkontraktes jener Zeit in ein verständliches Deutsch heutiger Zeit dar.

Literatur:

Gautsch, Karl: Aelteste Geschichte der Sächsischen Schweiz nebst den frühesten topographischen Nachrichten. Nach archivalischen Quellen. Dresden 1880.

Herzig, Josef: Aus alter und neuer Zeit. Historische Daten der Stadtgemeinde Niedereinsiedel i.B. Niedereinsiedel 1923.

Meiche, Alfred: Zinsregister. In: Mitteilungen des Nordböhmischen Excursions=Clubs 22 (1899), S. 314-316.

Pfeifer, Wilhelm: Der Heimatkreis Schluckenau im nordböhmischen Niederland. Ein sudetendeutsches Heimatbuch. Kempten 1977.

Jahn-Langen, Helene: Das Böhmische Niederland. Bevölkerungs- und Sozialstruktur einer Industriedorflandschaft. Bad Godesberg 1961.

Richter, Karl: Geschichte des Niederlandes. Die Besiedlung. Sonthofen 1960.