Beitragsbild: Leopoldsruh 56 / 6 im Jahr 1900.

Zu den am frühesten genannten Firmen in der Bandwarenindustrie von Groß Schönau zählte stets auch die Firma August-Liebisch’s Söhne in Leopoldsruh. Josef Fiedler gibt in seiner politischen Heimatkunde Schluckenau von 1898 auf S. 163 als Gründungsjahr für diese Firma 1808 an. Richtig ist jedoch das Jahr 1818, wie es im Bericht von 1858 angegeben worden ist.
Der Aufstieg dieser Bandwarenfabrik fand etwa zur gleichen Zeit statt wie auch die der Firma Hille & Hampel (siehe dazu den Beitrag).
Firmengründer war der im Jahr 1787 als Sohn des Bleichers Jakob Liebisch in Schönau Nr. 137 geborene Bandweber August Liebisch, der spätestens im Jahr 1821 nach Leopoldsruh verzog, wo er im Haus Nr. 9 ebenfalls als Bandweber wirkte, das er 1834 von Lorenz Hentschel erworben hatte. Als solcher wird er in den Kirchenbüchern anläßlich der Geburten seiner Kinder bis zum Jahr 1835 auch weiterhin genannt. Erst bei der Taufe seines jüngsten Kindes 1837 wird er erstmalig als Bandfabrikant in Leopoldsruh Nr. 9 erwähnt. Pate bei der Taufe dieses Kindes war im Übrigen der Bandfabrikant Ambros Hille aus Schönau 51. Aber auch schon bei den vorherigen Taufen traten als Paten Handelsmänner und Fabrikanten auf. Man darf also von einem stetigen gesellschaftlichen Aufstieg von August Liebisch ausgehen. Im Jahr 1831 wird seine Firma in einer überregionalen Zeitschrift erstmals als Produzent von Bändern genannt: leinene, wollene und baumwollene Bänder, in jenem Jahr allerdings noch für Kleinschönau, ab 1833 dann in Leopoldsruh.

In der Liehrchronik wird ausführlich über den Beginn des Wirkens von August Liebisch geschrieben:
„Die 2. Bandfabrik ist August Liebisch. Der war früher beim Militär, war 18o9 Gefangener in Frankreich ein Jahr, kam Anno 1810 nach Hause, ganz arm. Da er aber bei seinem Vater Schnieren gemacht hatte, da mochte noch ein alter Stuhl da sein. Den trachtete er zu überziehen, was damals wohl nicht teuer mag gekommen sein, denn ein solcher Stuhl war nicht sehr breit und wurden nur 10 höchstens 12 Bandel darauf gemacht und die Bandel waren nicht viel breiter wie ein Strohhalm. Er sagte zu mir, wenn er von seinem Anfang erzählte: „Wie ich nur den Stuhl im Gange hatte, dann war mir nicht mehr bange, ich war sehr fleissig und verdiente manchmal in einer Woche 15 Taler.“ Das hat er eine Zeit betrieben, dann konnte er heiraten. Da kaufte er ein kleines Häusel in Niederschönau. Da er aber mehr Stühle setzten wollte, war das Häusel zu klein.
Da verhandelte er mit einem gewissen Dittrich in Leopoldsruh. Wie er dann ein paar Jahre herauf war, baute er die Wohnstube nochmal so gross und setzte ein paar Stühle hinein, den übrigen Raum brauchte er zum Scheeren und Treiben und Einpacken. Er hatte 5 Söhne und 4 Töchter, die alle im Geschäft mitarbeiten mussten. Montags brachten die Arbeiter die Schnieren zu Hause, die sie gemacht hatten. Damals machten sie schon bunte Bandel. Früher konnten sie nur weisse Bandel machen. Die bessere Ware kam damals aus Sachsen, aus Gross Röhrsdorf. Der eine Fabrikant hiess Boden, der andere Sone. Die kamen mehrmals her. Die Ware ging alle nach Wien. Dort hatte er ein Gewölbe, sogar wie das Geschäft noch klein war, so erzählte er mir: „Wir waren 8 Fabrikanten, wir hatten einen grossen Reisewagen, da hatten wir alle 8 unsere Waren drauf, da ging es bis Bunzlau.“ Dort wurden die Pferde gewechselt, mit denen ging es vollends hinaus nach Wien. Da wurde so fortgearbeitet bis zum 48er Jahr. Da ging es nicht mehr mit sächsischer Ware, weil ein so grosser Kurs auf dem Geld lag. Da mussten sie sehen, dass sie die Waren selber machten konnten, was ihnen auch gelang. August Liebisch sein grosser Sohn hatte grossen Unternehmungsgeist, der baute schon im Jahre 1850 eine Fabrik in Leopoldsruh und im Jahre 1851 starb der Alte [August Liebisch, der Firmengründer].“
Als Augustin Liebisch 1851 mit 63 Jahren starb, hinterließ er die Firma seinen Söhnen Johann, Leopold und Augustin, die die Firma nun unter dem Namen „August-Liebisch Söhne“ weiterführten. Josef, ein weiterer Sohn, war in Wien tätig (Schottenfeld / Kirchgasse).

Schon aus dem Jahr 1858 liegt die älteste Abbildung der Firmengebäude vor. Wenn sich auch das Umfeld in den vergangenen 150 Jahren erheblich geändert hat, so muß man doch auch davon ausgehen, dass die Darstellung etwas idealisiert ist. In den dargestellten Gebäuden versteckt sich der Gebäudekomplex Nr. 6 und 56 in Leopoldsruh und die Ortskundigen verbinden diesen mit der bis 1945 hier wirkenden Firmen Blumen-Rösler und Knopffabrik Marcuzzi. Im Zusammenhang mit dem Bild von 1858 findet sich auch folgende interessante Beschreibung zur Prodiuktion: „Weiße und farbige Bänder bilden die Haupterzeugnisse der Leopoldsruher Fabrik, in der knapp 200 Personen beschäftigt wurden. Durch die Mechanisierung der Bänderproduktion konnte im Vergleich zum Jahr 1800 pro Arbeiter das Vierfache erzeugt werden“. Außerdem werden in diesem Beitrag auch detailierte Angabgen zur Nutzung der einzelnen Gebäuteteile, den vorhandenen Maschinen und den Beschäftigten gemacht.

Leopoldsruh Nr. 9 (leicht verdeckt von LR 8), Foto um 1900
Während Leopold und Johann Liebisch im Haus Leopoldsruh Nr. 9 verblieben, erwarb Augustin Liebisch jn. den Komplex Leopoldsruh Nr. 6. Er war verheiratet mit Anna Maria Klinger aus Nixdorf, einer Tochter des Strumpfwirkfabrikanten Franz Klinger aus Nixdorf 260.
In Leopoldsruh Nr. 6 wurden 1859 und 1861 die beiden Söhne Franz Leopold und Augustin geboren. Allerdings war diesen kein langes Leben vergönnt. Sie starben bereits in den Jahren 1886 und 1892 unverheiratet als Fabrikanten in Leopoldsruh Nr. 6
Nach dem der Gesellschafter Heinrich Ruzićka in die Firma eintrat, wurde 1859 die dreistöckige Weberei Nr. 127 an der Zeidler Straße erbaut.
Die Firma verfügte im Jahr 1865 über eine Dampfmaschine (10 PS) und über einen Dampfkessel (8 PS), beides aus Sachsen.

1878 gab es Niederlassungen in Wien, Werderthorgasse No. 7, und in Prag in der Breitegasse. Auf dem Kopf-Bogen wird gesagt, dass man eine Band-, Hosenträger, Gummi Waaren ¬ Eisengarnfabriken sei.
Im Jahr 1878 beteiligte sich die Firma auch bei der Bestückung des Schönauer Tumknopfs mit Beispielen aus der Produktionspalette:


Zu den Betriebsangehörigen ist namentlich ansonsten nur wenig bekannt. Die Brüder Karl und August Göbel aus Schönau Nr. 123 werden wiederholt als Buchhalter, Werkführer oder Betriebsleiter dieser Firma genannt.
Das Ende der Firma und die weitere Entwicklung der Firmengebäude:
F.R. Hoßner wurde im Jahr 1897 Geschäftsteilhaber in Leopoldsruh Nr.6. Nach der Übernahme der Bandfabrik durch den Hosenträgerfabrikanten Rudolf Hoßner wurden 1903-1920 noch weitere Werksgebäude errichtet. 1937 kaufte der Baumeister Franz Hille den Komplex, ließ die die hinteren Gebäude weitgehend abreißen und baute das Werksgebäude Nr. 127 zu einem ein Wohnhaus um.
Ein Bild von 1898:

In der bereits erwähnten politischen Heimatkunde Schluckenau von Josef Fiedler von 1898 findet sich eine weitere Abbildung der Mechanischen Bandweberei „August-Liebisch-Söhne, Schönau und Leopoldsruh“ (Abb. 2). Der Gebäudekomplex ist erheblich angewachsen. Die Gebäude im Vordergrund ziehen sich entlang der Zeidler Straße hin. Auch das aus der früheren Abbildung bekannte Gebäude mit den beiden kleinen Ecktürmchen ist zu erkennen. Jedoch gilt in noch vermehrtem Maße, dass hier eine idealisierte Gesamtschau der Gebäude gegeben werden sollte, die eigentlich getrennt liegende Gebäude auf einem gemeinsamen Bilde vereinte. Die große Esse im Vordergrund wird einigen Schönauern noch bekannt sein; ihre Sprengung in den späten 30 Jahren war nach Aussage meines Vaters ein aufregendes Spektakel gewesen.
Durch der Übernahme der Firma durch den Hosenknopffabrikanten Hoßner kam die Firma August Liebisch Söhne zum Erliegen. Nachnutzer des Gebäudekomplexes in Leopoldsruh waren die Firmen Blumen-Rösler und Marcuzzi.

Literaturauswahl:
Josef Fiedler, Heimatkunde des politischen Bezirks Schluckenau 1898.
Erhard Marschner, Geschichte der Stadt Groß Schönau in Böhmen im Bezirk Schluckenau, Frankfurt 1988.
Edgar Pscheidt, Als die Schlote noch rauchen durften … . Die Frühphase der Industrialisierung in Nordböhmen 1797-1860. Benediktbeuern 1987.
Schematismus des Königreiches Böhmen für das Jahr 1842 (S. 655)
