









Vor einigen Jahren wurden die letzten baulichen Reste des Anwesen Leopoldsruh Nr. 1 abgetragen. Damit verschwand nicht nur ein imposantes und die Ortschaft Leopoldsruh prägendes Gebäude sondern auch ein bedeutendes geschichtliches Denkmal für diesen Ortsteil. Das Anwesen trug nicht zu Unrecht die Nr. 1. Bei allen vorhergehenden Neu- und Umbenennungen, davon konnte ich für die Zeit von 1700 bis 1900 gleich vier feststellen, behielt das Gebäude stets die Nr. 1.
Zuletzt war das Anwesen Wohnsitz der Familie Rämisch, die hier seit 1909 eine Landwirtschaft betrieb, welche im Volksmund „Ramschen Rudi“ genannt wurde.
Landwirtschaft ist hier jedoch erst seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nachweisbar. Im 18. Jahrhundert war das Anwesen dagegen der Sitz einer Familie von Handelsmännern und Garnhändlern mit Namen Paul.
Handelsmänner und Garnhändler spielten in der vorindustriellen Phase des böhmischen Niederlandes eine ebenso bedeutende Rolle wie zuvor schon die sogenannten Reisemänner, sorgten sie doch dafür, dass die zahlreichen vor allem auf den häuslichen Webstühlen in Heimarbeit produzierten Bänder ein weites Absatzfeld fanden. Sie waren eine Voraussetzung dafür, dass sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Schönau und den anderen Orten des böhmischen Niederlandes Bänder- und Leinwandmanufakturen bildeten, die selbst wieder Ausgangspunkt für die späteren großen Bandfabriken wurden.
Schon im Jahr 1727 wird Hans Christoph Paul als Handelsmann und Gerichtsschöppe genannt. Ob er bereits in Leopoldsruh lebte, ist unsicher, da Leopoldsruh erst ab 1740 in den Kirchenbüchern aufscheint. Im Jahr 1751 ist sein Sohn Johann Josef Paul sogar Richter von Leopoldsruh. Nach seinem Tod 1765 übernimmt sein Sohn Johann Josef Paul diese Aufgabe. Das Amt des Richters steht zu jener Zeit für das Ausüben der Niederen Gerichtsbarkeit. Er war Ortsvorsteher und vertrat die Herrschaft in vielerlei Angelegenheiten. Das Richteramt wurde erst abgeschafft, als die kleineren Orte wie Leopoldsruh und Grafenwalde 1847 nach Schönau eingemeindet und Gemeinderäte bzw. Bürgermeister gewählt wurden. Die Nr. 1 von Leopoldsruh hatte damit eine ähnliche Bedeutung für den Ort wie das Alte Gericht für Groß Schönau.
1830 schließlich kauft laut Grundbuch der Handelsmann Joseph Schneider aus Grafenwalde für seinen Sohn Anton die Realität Nr. 1 in Leopoldsruh. Auch Anton Schneider war Handelsmann, ebenso wie seine Brüder Johann Franz in Schönau Nr. 3 und Josef in Grafenwalde Nr. 12. Wie dieser Sohn erwachsen war, liess er das alte Haus wegreissen und baut ein neues daneben hin, das war im Jahr 1840 [Liehrschmieds Chronik].
Der eben genannte Anton Schneider war nicht nur Handelsmann sondern zudem auch Ökonom, so wurden seinerzeit die Bauern und Landwirte genannt. Der Sohn Eduard Schneider schließlich war ausschließlich in der Landwirtschaft tätig. Nach etlichen Schicksalsschlägen verkaufte die Familie Schneider die Wirtschaft dann im Jahr 1909 an Josef Rämisch aus Schönau Nr. 133 „Spediteur-Rämisch“, der sie seinem Sohn Rudolf übergab.

Familie Pietschmann zu Besuch bei Familie Rämisch, Leopoldsruh 1 (Slg. Zimmer, Alsleben)

Auf dem Foto von 2021 (googlestreat) ist zu erkennen, dass der linke Teil des Hauses später angebaut wurde, also jünger als der Hauptbau ist. Möglicherweise erklärt dies die Bemerkung beim Liehrschmiede, dass das Haus erst 1840 errichtet worden sei. Vielleicht war das also nur ein Umbau bzw. ein Anbau.
Kunstgeschichtliche Indizien deuten darauf hin, dass das Haus vor 1800 errichtet wurde, also in jener Zeit, da es Sitz der Leopoldsruher Richter war. Vom Habitus war es wohl kein Bauernhaus, vielmehr dürfen wir hier ein zu repräsentativen Zwecken errichtetes barockes Anwesen sehen. Leider ist das genaue Datum seiner Errichtung unbekannt. Möglicherweise haben sich ja irgendwo noch Bauhölzer aus dem Hausgerüst oder aus dem Dachgebälk erhalten. Mittels moderner wissenschaftlicher Methoden, der Dendrochronologie, könnte man noch heute versuchen, das Alter der für den Bau verwendeten Hölzer zu ermitteln.
Das Haus verfügte über einen zweietagigen Keller, der tiefere führte zuweilen Wasser.
Bilder Sammlung H+A Zimmer, Alsleben, und M. Turyna VS