Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

Bandfabrikant Franz Anton Hille und die Geschichte des Hauses Nr. 311 in Niederschönau

Grabstein von Familie Hille – Strobach, Inschriftentafel (Foto Karin St.)

Das heute hier vorzustellende auf dem historischen Kirchfriedhof von Groß Schönau befindliche Denkmal ist für den heutigen Betrachter allein schon deshalb sehr auffällig, weil auf einem quadratischen Sockel eine lebensgroße Frauenstatue steht, deren Kopf von einem Schleier bedeckt wird. Der tschechischen Denkmalbegründung können wir folgendes entnehmen: „Die weibliche Figur trägt ein langes, gekräuseltes Kleid, der untere Saum des Oberbekleidungsstücks besteht aus Spitze, das Kleidungsstück ist mit einer Schärpe in der Taille umgeschnallt, die Frau hat einen Vorhang über Schultern, Armen und Kopf, ihr Haar ist wellig. Auf dem Weg gekämmt und locker hat sie ein dekoratives Stirnband auf der Stirn, das Gesicht ist mit einem antiken Profil verziert. Die rechte Hand wird in einer Geste erhoben, ist aber im Unterarm gebrochen. Die linke Hand fehlt ebenfalls“. Geschaffen hat das Grabmal Leopold Zimmer aus Schönlinde, wie auf der rechten Seite des Sockels steht. Die Inschrift auf der Vorderseite des Sockels ist heute nur schwer zu lesen. Aber auch hier hilft eine hervorragende Fotoaufnahme, die nötigen Informationen für eine Zuordnung der Verstorbenen zu entziffern. Doch zunächst soll, soweit gegenwärtig zu entziffern, der Trauerspruch wiedergegeben werden, der die obere Hälfte der Inschriftenplatte ziert:

[die oberen zwei Zeilen sind für mich leider nicht lesbar]

Wir weinen (?)…. vergebens

Gott nahm uns wieder, was er einst uns gab

Der Hoffnungsstern jedoch wird nie vergehen

Wir folgen dir, es gibt ein Wiedersehen

Dann folgen untereinander die Namen von vier Verstorbenen, die offensichtlich auch in der Reihenfolge ihres Todes niedergeschrieben wurden, wenn auch nirgendwo Daten zu entziffern sind:

August Hille Franz [Anton] Hille

Rosalia Hille

Mathilde K. C. Strobach

Der Platz für zwei weitere Namen auf der rechten Spalte ist leer geblieben. Die Namen führen uns in dieser Kombination zur Familie des Bandfabrikanten Franz Anton Hille aus Niederschönau Nr. 311, der hier nebst seiner Frau Rosalia und dem gemeinsamen Sohn August hier offenbar als letzter bestattet wurde. Mathilde Strobach wiederum war seine jung verstorbene Enkeltochter.

Franz Anton Hille (27.08.1786 – 20.04.1872) war ab 1831 Schnürenmacher und später Bandfabrikant in Niederschönau Nr. 311. Das Haus Nr. 311 muß um das Jahr 1750 neu aufgebaut worden sein, nachdem es zuvor mehrfach als baufällig bezeichnet worden war. Franz Anton Hille stammte aus Niederschönau Nr. 270 und erwarb im Jahr 1819 das Haus Nr. 311 nebst einem Grasgarten. Bald darauf muß er auch mit der Bänderfabrikation begonnen haben, wenn auch die früheste schriftliche Erwähnung aus der Zeit erst um 1841 stammt. Rosalia, seine Frau (27.03.1788 – 23.08.1857), wurde als Tochter von Johann Franz Wähner, einem Reisemann in Nixdorf, geboren. Der jüngere Sohn Augustin (12.09.1816 – 27.04.1847) erwarb 1839 das Haus von seinem Vater, starb allerdings bereits 1847 als lediger Bandfabrikant in Schönau Nr. 311 an Thypus. 1842 wurde er bei einer Taufe als Handelsmann bezeichnet.

Der vierte auf dem Grabstein befindliche Name gehörte Mathilde K(atharina) C(äcilia) Strobach (01.06.1860 – 03.09.1860), eine Enkelin von Franz Anton Hille. Dessen Tochter Maria hatte 1854 den Graveur Johann Strobach geheiratet, der hernach selbst als Bandfabrikant in Nr. 311 wirkte, wo er 1885 im Alter von nur 58 Jahren starb. Die Familie Strobach hatte allerdings anderswo ihren eigenen Grabstein, der vermutlich nicht mehr erhalten ist. Warum deren Tochter Mathilde mit auf dem Grabstein der Großeltern steht ? wer kann das heute noch sagen.…

Josef Hille, der ältere Sohn von Franz Anton Hille, erwarb bereits 1828 das Haus Schönau Nr. 137, wo er als Schnürenmacher wirkte, bevor er 1847 das Haus an Familie Konrad verkaufte und seine Firma nach Niederschönau Nr. 181 verlagerte. Dessen 1846 geborene Sohn Pius Hille sn. führte die Bandfabrikation in Nr. 181 fort und ist dort bis 1876 nachweisbar. Dann verlieren sich die Spuren der Familie bzw. enden mit Pius Hille (jn.) 1945 in Nixdorf.

Die Bandwarenproduktion in Nr. 311 wurde vom einzig überlebenden Sohn Johann Strobachs, Johann August Karl Strobach, fortgeführt, bis sie Ende des 19. Jahrhunderts erlosch. 1893 ist noch die Geburt dessen Sohnes Werner Erich Walter zu verzeichnen, dann verlieren sich auch diese Spuren.

Letzte Bewohner des Hauses Groß Schönau Nr. 311 waren der Sattlermeister Herrmann Lumpe und die Familie seines Schwiegersohnes Rudolf Fiedler, dem Verfasser der Heimatbriefe der Vertriebenen aus Groß Schönau (siehe Literatur).

Schönau 311 um 1984, Winterbild, im Hintergrund ist der Furnand-Bauer, Schönau 307, zu erkennen (Slg. M. Turyna VS)