Groß Schönau / Velky Senov im Nordböhmischen Niederland ist ein ganz normales, im Mittelalter gegründetes Waldhufendorf. In der Ortsmitte weist es allerdings eine merkwürdige Abweichung von dieser Flurform auf. Von Nord nach Süd erstreckten sich hier herrschaftliche Gründe, deren Wurzeln in einer eigenen, örtlichen Obrigkeit zu suchen sind.

Flurkarte Schönau um 1846, rote Linien, Grenze der herrschaftlichen Flur, gelb: Burgwall Schönau; blau: Flurstreifen Altes Gericht; bearbeitet nach:
Schon in der Frühzeit des Ortes werden in den Urkunden mehrfach Herren von Schönau genannt, die das Dorf entweder zur Hälfte oder Teile hiervon besaßen. Sitz der Herren von Schönau war ein befestigter, mittelalterlicher Burgwall, den man sich als eine von Wassergräben umgebene Hofstätte vorzustellen hat. Dessen Lage ist mit dem stattlichen Anwesen Schönau Nr. 133 zu identifizieren, das bis 1945 der Familie Rämisch gehörte, vulgo „Spediteur-Rämisch oder Kohlenram’sch“. Dessen Gebäude sind schon längst abgetragen. Das Areal zeigt sich noch heute merklich als kleine Anhöhe im Gelände. Hier also befand sich bis zu seiner Zerstörung im Jahr 1429 durch die Hussiten vor nunmehr nahezu 600 Jahren die Schönauer Burg. Auf der „1. Militärischen Karte“ von 1750 sind noch deutlich die umlaufenden Gräben einer ehemaligen Wasserburg zu erkennen. 1668 waren die baulichen Reste der Burg längst abgerissen, Steine und Baumaterial sollen beim Aufbau des Schlosses in Hainspach verwendet worden sein. Geblieben ist die kreisrunde Struktur des Flurstücks, die von den ursprünglichen Gräben der Wasserburg herrührt und noch heute der letzte Hinweis auf die besondere geschichtliche Bedeutung des Grundstückes ist. Das Bauernhaus Nr. 133 selbst war auf jeden Fall jüngeren Datums. Dass die Gräben auch bis ins 19. Jahrhundert hinein gelegentlich Wasser führen konnten, ist zeitgenössischen Chroniken zu entnehmen. Besonders aufschlußreich für die Grundstücksgeschichte sind historische Fundstücke, von denen in der um 1900 aufgezeichneten sog. Liehrchronik die Rede ist. Demnach wurden bei Bauarbeiten im Zusammenhang mit Erweiterungen des Anwesens Nr. 133 wiederholt mächtige verkohlte Holzbalken gefunden, die stark geschwärzt aber nicht verfault waren. Auch wurden Ofenkacheln, Töpfe und anderer Hausrat gefunden, die nach Aussage des Chronisten vom alten Schlosse herrühren würden. Die vorgefundenen Balken aber beließ man im Boden, da sie bei dieser Tiefe nicht weiter störten. Leider haben sich diese archäologischen Funde nirgends erhalten, örtliche Hinweistafeln sucht man vergeblich. Auch wird das Flurstück nach Aussage des Rumburger Museums nicht als archäologisches Kulturdenkmal geführt. Eine Gefährdung bei möglichen Bau- oder Erschließungsarbeiten ist damit aufgrund der zu konstatierenden örtlichen Unkenntnis über die besondere geschichtliche Relevanz des Grundstücks gegeben. Dabei wohnt dem Flurstück aus den dargestellten Gründen eine besondere historische Bedeutung im Hinblick auf die außergewöhnliche Ortsgeschichte bei.

Ausschnitt aus dem Landkartenblatt Nr. 4 der 1. Josephinischen Militäraufnahme (18. Jahrhundert), in der Mitte die Wassergräben des ehemaligen Schönauer Schlosses, der Plan ist eine der ältesten überlieferten kartographischen Darstellungen von Groß Schönau überhaupt. [https://maps.arcanum.com]

das Flurstück 493 zeigt noch heute deutlich die Grundform einer kreisrunden, mittelalterlichen Wallanlage; bearbeitet nach der Grundkarte bei [https://www.ikatastr.cz/]

Schönau Nr. 133, Situation im Jahr 2023, es ist noch eine deutliche Geländekuppe wahrzunehmen.

Schönau Nr. 133, Gebäudekomplex Kohlen-Ram’sch / Spediteur-Rämisch