Hille Familie

Heimat- und Ahnenforschung in Nordböhmen und darüber hinaus

1945 – Ein Bericht von Marie Hille, geb. Strobach, meiner Großmutter

Wenn Marie Hille nur einen (zusammenfassenden) Bericht über die letzten Tage in der Heimat und die ersten in der Fremde geschrieben hätte [Tatsächlich schrieb sie sowohl für ihren Sohn Erich als auch für meinen Vater Johann je einen gesonderten Rückblick die Ausweisung betreffend.], würde er so lauten [Transkripiert und redigiert von Johann Hille, meinem Vater]:

Frühlingswind wehte übers Land und die Sonne lockte alle Blumen hervor und gab den Feldern und Gärten ein liebliches Erwachen. Es war ja der Wonnemonat Mai. Berge und Täler waren in ein herrliches Grün verwandelt.

Jeden Samstag Nachmittag, wenn ich zu Hause fertig war, packte ich mir die Tasche, nahm Putzlappen für die Laterne mit beim Martel, Öl, Schwammer und Streichhölzer. Dann ging ich in den Garten von meinen Eltern, pflückte Blumen für’n Friedhof, nahm die Gießkanne und Rechen u. ging los. So pflegte ich alle Gräber unserer Lieben. Nachdem ging ich zum hinteren Friedhoftor hinaus auf den Wulksteg zum Martel. Oft senkte sich dann schon die Sonne und ich putzte die Laterne, zündete ein Licht an, goß die Blumen, das Wässer hatte ich bei Hamann gegenüber vom Straßengraben, wo es aus einer Quelle kam, mitgenommen. Es wurde immer stiller in der Natur und ich setzte mich dann auf die Bank und lauschte dem Sonntageinläuten zu. Die Töne kamen vom Kreuzberg, von Hainspach oder Fürstenwalde. So saß ich lange da und meine Gedanken zogen zum Vater und zu Dir lieber Hansi. Wenn ich dann im Dunkeln heimkam, schlief manchmal meine Mutter und Erich schon. Gebadet hatten wir uns immer schon Freitagabend.

Doch all die Frühlingspracht wurde durch dröhnende Kanonenschüsse gestört. Der Feind kam immer näher, der Grenze entlang. Evakuierungen fanden in den sächsischen Ortschaften statt, wo sich der Feind näherte. Auch wir hatten Flüchtlinge aus Bautzen. Auch später aus Liegnitz eine Frau, welche ihre Mutter und Schwester bei sich hatte. Sie wohnten in Onkel Josefs Wohnung. Auch aus Oppeln war eine Frau mit 5 Kindern in Großmutters Wohnung. Als die erste Familie wieder fort war, kam eine Ortsbauernfamilie aus dem Kreise Brieg in unser Haus. Die Töchter wohnten in der Molkerei im Wohnhaus, die Pferde waren im Schützenhausstall untergebracht. Die Oma, welche krank war, starb nach einigen Tagen in Onkel Josefs Schlafzimmer. Die Bauersleute hatten Mehl und Fleischgläser mitgebracht. Ein Pastor beerdigte die Oma, und dann gab es ein feines Traueressen in Großmutters Zimmer. Gänsebraten, Wein, Kuchen hatte die Bauersfrau in der Weißen Mühle backen lassen. Bald mußten auch sie mit ihrem Treck wieder fort von Groß-Schönau.

Mit der Frau aus Oppeln holte ich einmal Kohle für sie bis am Hainspacher Bahnhof bei Kaspern, einem Kohlenhändler. Die Frau kam dann mit ihren Kindern ins Tschechische.

Schlimme Nachrichten kamen täglich, und wir standen vor dem Zusammenbruch. Ich ging noch schnell zu Fuß nach Schluckenau, holte Stoffe bei Frau Nigrin, welche dort zum Nähen hingebracht waren. Der Markt war vollgestopft von lauter Trecks. Als ich heim war, kamen Tiefflieger.

Bald wurde dann nach dem Zusammenbruch die GedeKa [Depot der „Genossenschaft der Kaufleute“] geräumt. Die Einwohner fuhren mit Leiterwageln. Frau Müller, eine Wienerin [sie wohnte im Haus gegenüber], kam zu mir, ich soll doch auch in die GedeKa gehen, da bekommen wir Suppenzeug. Ich nahm mir eine Tasche und Tüten mit. Als ich das Gassl hinauf ging, es war schon finster, krachten in Oberschönau Kanonen und ich stolperte vor Schreck. Im Hof von der GedeKa standen viele Einwohner mit Leiterwageln und hatten schon Säcke darauf mit Weizen und Zucker. Innen konnte man in Getreide waten, es waren Säcke aufgeschnitten worden, jeder wollte was Gutes haben. Ich fand bald eine Kiste mit süßen Suppenpäckchen. Gleich kamen auch andere hinzu und leerten mit aus. Die Tante Mia und ich hatten auf Anweisung von anderen auch einen Sack Weizen.

Am nächsten Tage verteilte der Molkereibetriebsleiter die lagernde Butter an die Leute.

Die nächsten Tage zogen die Polen ein, da war was los. Sie gingen in die Häuser, verlangten Milch; ich gab ihnen Erichs bißl Markenmilch. Viele Einwohner waren mit etwas Hab und Gut in die Wälder an der Grenze gefahren. Wir hatten auch das Wagel gepackt hinten am Gange stehen.

Einige Polen wuschen sich in Onkel Pepis Wohnung und rasierten sich dort. Oben in meiner Wohnung waren sie auch, da lag das Fernglas am Tisch, das war dann weg. Sie zogen wieder ab, die Schützenhausstraße hinaus. Fahrräder waren geplündert worden und verschiedenes.

Nach diesen Ereignissen kamen noch größere. Bald kamen die Sieger und die Ausweisungen begannen, auch Verhaftungen fanden statt. Im Alten Gericht war ein Lager von Verurteilten. Kommissare übernahmen die Fabriken.

Abends nach 8 Uhr durften wir Deutsche nicht mehr auf die Straße. Wir schafften eingekochte Gläser und Kleidung bei Nacht durch den Garten übers Feld zu Tante Hilde. Auch Lissner Josefs Frau [die Rose] war des Nachts in ihrem Haus um noch Sachen zu holen und bei uns verpackte sie dieselben und ging nachts über die Schweizerkrone nach Sachsen. So kamen ganze Kolonnen über die Grenze bei Nacht, manche mußten den Weg mit dem Leben bezahlen.

Die Kommissare kontrollierten alle Arbeitgeber am Rathaus über ihre Belegschaften.

Als mein Chef dran war, machten sie Schluß. So bekam Herr Endler, wo ich in seiner Buchbinderei arbeitete, keine Scheine für seine Belegschaft. Meiner Mutter wurde Sonntag Abend ein Schein zugestellt von der Firma Karl Stein, durch Marschner, und am andern Morgen kamen Kommissare, verlangten die Scheine, und ich hatte keinen; mußte sofort die Heimat mit Erich verlassen. Unterwegs traf ich Herrn Frind und Frau Endler. Sie gingen auf die Narodni Vibor [die tschechische Gemeindeverwaltung] zu Grünzeug-Schwarz, unseren Gemüsehändler, der war Kommunist. Er ließ mir sagen, ich solle einen Seitenweg von der Hauptstraße abfahren und warten. So fuhren wir, Erich und ich, mit unserem Hab und Gut bei der „Heimat“, dem Gasthaus, herunter, bis zur Brücke bei Mandel-Paul. Heimatlos unter freiem Himmel warteten wir eine bange Stunde. Inzwischen stellte mir Herr Schwarz einen Schein aus. Nach langem Warten kam meine Mutter mit dem Schein, daß ich wieder zurück kommen kann. Zu Hause kam gleich die Frau Frind, umarmte mich und gab mir ein Stück Selchfleisch vor Freude.

Das war der Tag gewesen, an dem das Tantl und Familie auch ausgewiesen wurden.

Es folgten täglich Ausweisungen. Es war schlimm.

Ausgewiesene kamen bei Nacht über die Grenze und holten sich Lebensmittel und Kleidungsstücke bei Bekannten. So war auch die Anni einige Male im Oberdorf bei einer Familie und ich trug ihr auch was zum Essen hinauf.

Früh ging ich in die hl. Messe, nachdem manchmal das Gassl ‘runter, wo man vor Herlt-Bäckers und Siegels Haus die Austreibungen sah, oder gingen sie die Straße nach Niederschönau schon runter. Einmal sah ich Metzner-Fleischer und Familie, dann mal Gasthaus-Helth u. andere.

Einmal saß ich in der Badewanne, da klopfte es an die Haustür. Die Mutter war nicht zu Hause. Ich zog mich schnell an. Meine Mutter und Erich kamen auch und die Soldaten von der Swoboda-Armee kamen wieder. Sie suchten Quartier. Es kamen 2 Offiziere und 1 Diener, ihr sog. Pfeifendeckel. Mein neues Schlafzimmer und der Mutter Wohnung wurde beschlagnahmt. In Josefs Wohnung waren eine Menge Soldaten untergebracht. Sie alle vollzogen die Ausweisungen.

Uns gegenüber waren die beiden Offiziere freundlich. Die zwei Herren wohnten im neuen Schlafzimmer, der Diener in Großmutters Zimmer. Einer der Offiziere war in Prag in einer Vatikanischen Bibliothek und der andere war in Prag Zahnarzt. Unseren 2 Herren mußte ich einmal Pilze braten, da mußten wir mit essen. Im Schlafzimmer sagten sie einmal, weil ich weinte und sie frug, ob wir auch fortkämen, indem sie aufs Herz-Jesu-Bild zeigten., ich soll auf Gott vertrauen, auf den, der an der Wand hing (Jesus). Sie gaben Erich auch einmal Knödel und Schweinsbraten. Ihre Menage aßen sie nicht bei mir in der Stube, sondern saßen dabei am Bettrand. Früh um 4 oder fünf kochte ich ihnen, bevor sie zum Ausweisen gingen, eine Tasse Kaffee und Würfelzucker dazu. Sie sagten, daß sie zu den Ausweisungen verpflichtet wurden. Einmal sagten sie, daß sie für mich andere ausweisen wollen. Das nahm ich nicht an.

Als sie fortzogen, hinterließen sie 100 Kronen.

Die Lissner Tante bettelte auch um hier zu bleiben, aber sie mußten fort. Geld und Schmuck sollten sie nicht mitnehmen, das würde weggenommen.

Die Unruhe hörte nicht auf.

Tägliche Ausweisungen brachten Aufregungen. Keine Nachricht mehr vom Papa und dem Hansi. Nach der Arbeit ging ich oft zum Martl hinaus. Auch dort grub ich unser Geld ein, was ich zu Hause liegen hatte, 7 oder 800 M und tschechisches Geld.

Täglich zogen Tschechen in die freien Häuser. Auch die Tante Mia mußte aus der Wohnung und mußte in meiner Tante Wohnung ziehen (Grünzeug-Strobach). Frau Pischel, welche mit dem Kommissar auch in meines Cousins Wohnung und Geschäft war, forderte mich auf, alle Sachen für meinen Gatten und Hansi der Mia mitzugeben, damit sie es fänden, wenn sie zurück kämen. Tante Mia durfte dann auch nicht mehr in unser Haus kommen. Der Tscheche in Lissner Tantes Haus hatte sie beobachtet. Auch bei uns zog ein Tschechenpaar in Rudis Wohnung. Onkel Rudi war das Jahr vorher gestorben. Onkel Josef war eingerückt. Der Papa war 6 Jahre dienstverpflichtet und Hansi war nach Strahlsund zur Marine eingerückt.

Bei den Ausweisungen spielten sich allerhand traurige Tragödien ab. Ich arbeitete noch bei Herrn Endler.

Erich ging in diesem ereignisvollem Jahr zur ersten hl. Kommunion. Auf der Pfarrei hatten die Kinder nach der hl. Feier ein stilles Beisammensein, wo wir Eltern geheimnisvoll beitrugen. Alles ging ja mit Furcht vor den Tschechen. Mittlerweile war der Herbst herangekommen. Alle Sommerpracht war mit unheimlichen Sorgen vorübergegangen. Viele unserer Bekannten hatten schon die Heimat verlassen müssen.

Ein stiller Herbsttag ging zur Neige.

Ich ging nach der Arbeitszeit noch einmal zu unserem Marterl hinaus, wie jeden Abend, nur durfte ich kein Licht mehr anzünden. Ich betete immer um ein Wiedersehen mit Vater und Hansi. Auf dem Rückwege kaufte ich bei Frau Pischl einige Lebensmittel ein. Meine Mutter hatte am selben Tage unseren Garten in Ordnung gemacht, da der bei uns wohnende Tscheche viel Interesse dafür zeigte und wir hofften im Hause zu bleiben. Abends fuhr ich alles Unkraut in die Schützenhausgrube und pflückte Holunderbeeren. Chechen spielten Fußball. Meiner Mutter sollte ich aus dem Schützenhaus einen ½ L. Bier mitbringen. Ihr schmeckte das Nachtmal an jenem Abend so gut, mir aber nicht, ein eigenartiges Ahnen stieg in mir auf. Es war 10 Uhr, da klopfte Herr Frind, er gab uns Bescheid, daß wir am nächsten Morgen bei der Ausweisung sind. Die Schwiegertochter, Frau von Franz, deren Schwager war Kommunist, hatte es nach einer Sitzung von ihm erfahren. Erich war damals 10 Jahre alt und ich 44 Jahre. Diese Nacht habe ich kein Auge zugemacht. In Strümpfen ging ich hin und her, da doch unter uns Chechen wohnten in Rudi’s Wohnung. Ein Bett bezog ich 2 x und nähte mir noch Hemden in Großmutters Stube auf der Maschine, packte den Koffer mit dem Nötigsten, da wir ja nur alle 30 Kg mitnehmen durften. Ich hatte auch die neuen Gardinen vor die Fenster gemacht, da ich dachte, daß man sie nicht fort schafft mit aller Wäsche, wie es üblicherweise getan wurde. Beim Chordirektor im Gastzimmer war ein ganzes Lager von Wäsche und Kleidung aus den Häusern aufgestapelt, von dort holten sich dann die neu ankommenden Chechen, was sie brauchten.

Und ich wachte die ganze Nacht.

Der Morgen graute..

Ich hörte feste Tritte, als ich im Schlafmantel auf der Cautch lauschte. Man hörte die Chechen zu Postmüller gehen. Frau Schmidt mit 2 Mädchen mußten fort. Stille war wieder eine Zeit; ½ 6 Uhr kamen wieder welche und leuchteten mit einer Lampe an Lissner Josefs Haustür. Es war wohl nicht die rechte Tür. Das Haus war schon leer. Nun aber pochte es mit starker Faust an unserer Tür. Ich machte aber nicht gleich auf. Unten der Cheche öffnete rasch und wir wurden gerufen: Pani Strobachova und Pani Hillova. In einer ½ Stunde hinaus! – hieß es mit barscher Stimme.

Ein Kommissar ging gleich mit hinauf, untersuchte alles nach und wühlte herum.

Ich weckte Erich, zog ihm sein Erstkommunionanzügel an und ich konnte nicht mal Kaffee kochen für den Jungen, denn ein Kommissar durchsuchte noch unsere Wohnung. Ich frug, ob ich mir ein Bett mitnehmen darf; stopfte es in einen Sack, auch Schuhe desgleichen. Ich brachte den Koffer nicht zu, schickte Erich zur Mutter, aber sie war schon mit dem Rückenkorb unten im Hof. Meine Mutter war sehr aufgeregt. Sie hatte sich nichts sehr mitgenommen; den Küchenkorb und ein Unterbett. So räumte ich Wäsche wieder in den Schrank, und der Kommissar mir immer hinten nach, mal bei der Mutter, mal im Schlafzimmer. Er kramte im Spiegeltisch unseres neuen Schlafzimmers rum, wo die Fotos alle waren.

Ich verließ mit Erich meine Wohnung in voller Ordnung. Wir wurden von einem Soldaten begleitet. Der Kommissar schloß die Wohnung ab.

Es war gegen 6 Uhr, da standen wir heimatlos auf der Straße.

Eine Frau Hesse kam von der Mandel bei der Ernst-Färbe mit einem Kreuz im Arm; natürlich waren immer Chechen an unserer Seite bis zum Bahnhof. Am Bahnhof war Sammelstelle. 70 Familien.

Dort wurden wir alle untersucht. Bielen-Mautsch’ Sohn, der die Eltern begleitet hatte und seinen Lohn von der Molkerei einstecken hatte, er war dort Heizer, bekam vor unseren Augen eine Ohrfeige wegen des Geldes, das er bei sich trug.

Unser durchsuchende Cheche war human. Er nahm uns nichts weg.

Aber vielen andern wurden Sachen abgenommen. Eine Bekannte, die noch zuhause bleiben durfte, wollte mir noch eine Gefälligkeit tun. Sie holte mir bei der Tante Hilde einen Mantel in der Tasche (Frl. Grohmann, welche den Kreuzberg pflegte).

Es war ein heißer Tag. Alte und junge Leute gingen und fuhren mit Wageln den Weg aus der Heimat. Eine Bauersfamilie hatte nur auf einem Schubkarren ihre Habseligkeiten (Marschner Bauer). Aus Grafenwalde war eine Frau nur in der Nachtjacke dabei und eine andere darüber.

Nun gings mit Soldaten mit aufgepflanzten Gewehr, als ob wir Verbrecher wären, nach Sebnitz, 2 Stunden zu Fuß. Es waren 70 Familien. Ein trauriger Zug war das. Am Bahnhof mußte noch eine Fabrikantenfrau (Bandel-Liebsch) ihr Kind vor Abgang auf der Bahnrampe stillen. Auf der Bierbrücke bat Erich um eine Schnitte Brot, der arme Junge hatte Hunger. Er war 10 Jahre alt. Wir hatten gar nicht frühstücken können zu Hause. Erich Er half auch in Wölmsdorf alten Leuten die Wagel schieben den Berg hinauf gegen Sebnitz.

Im Sebnitzer Wald mußte halt gemacht werden, das Baby mußte gestillt werden. Alle mußten warten.

In Sebnitz war Halt am Zollamt, 2 Stunden waren vergangen bis dort hin. Nun wurden wir innen visitiert, jedes in einem Raum untersucht wegen des Geldes oder Schmucks. Als ich ‘raus kam, verlor ich den Rock, weil sie alles aufgemacht hatten. Auch der kleine Erich mußte dort hinein. Der Schuhsack wurde ausgeschüttet, Erichs Schultasche und sein Regenmantel weggenommen, mein Arbeitsbuch und Sparkassenbuch von der Schluckenauer Sparkasse auch. Man hatte mir auch die Weizenkörner weggenommen, sie sagten am Zoll, das wäre für Kleinkind. Meine Mutter hatte noch was, sie brauchte nicht zur Durchsuchung..

Wir waren froh und atmeten erst einmal auf, als wir dann hinter den Zollschranken waren. Ein neues Leben stand vor uns, obwohl erst einmal heimatlos unter freiem Himmel

Nun hatten sich alle verteilt, zum Teil ins Lager.

Ein Fleischer, den ich traf, stellte unseren Wagen in seinen Hof und wir gingen zu Annis Bekannten, der Familie Richter. Diese nahmen uns für ein paar Tage auf. Das war am Freitag den 21.9.1945.

Sonntag fuhren wir nach Neustadt zum Tantl. Sie wohnten als Untermieter. Meine Mutter blieb dort, denn ihr wurde dort sehr schlecht. Erich und ich wir fuhren nach Lohmen zur Fam. Giersig. Ich hoffte, dort unterzukommen. Giersigs waren sehr gut zu uns. Sie konnten uns aber nicht aufnehmen, denn ihnen wären die Lebensmittelkarten entzogen worden, wenn sie Flüchtlinge aufnehmen würden. So fuhren wir abends zurück nach Neustadt und von dort nach Sebnitz. Meiner Mutter war immer noch sehr schlecht. Am Bahnhof in Sebnitz trafen wir Fabrikant Franz Frenzel. Habe ihn nicht mehr gesehen. Er hatte später in Leipzig zur Messe einen Schlaganfall u. starb. Einen Tag blieben wir noch bei den Bekannten. Montag oder Dienstag gingen wir dann ins Lager. Da bekamen wir eine Refernande, einen Reißer, weil ich erst später kam und meine Leute alle schon weiter verschickt waren.

So, nun im Lager trafen wir doch noch einen Teil Schönauer an, die zur Abmontage einer Papierfabrik geblieben waren. Da waren noch: Frau Marschner von der Landstraße, Herzig, Frau Schmidt, Wichodil, Fam. Lukesch, alle drei, Rosl, ihr Vater (Herr Austen), u. Lutz; Frau Hicksch-Bäckerin lag im Lazarett

Die Mutter bekam starken Durchfall vor Aufregung. Wir Frauen sammelten Holz im Walde, bauten uns im Hof einen Herd von Steinen und kochten uns zusätzlich eine Suppe. Mir hatte man zwar die Weizenkörner weggenommen, meine Mutter aber hatte noch was, sie war ja beim Zoll nicht durchsucht worden. Meine Mutter hatte sich wenigstens einen Topf, einen Löffel und einen Teller mitgenommen, das hatte ich nicht.

Freitag früh ½ 6 Uhr wurde ein Transport zusammen gestellt und ins Graupaer Lager verschickt Wir fuhren zunächst nach Pirna, das kostete 16,50 Mark. Dort regnete es sehr stark. Wir fuhren dann fast 2 Stunden im strömenden Regen zum Lager Graupa, es war im Walde gelegen, zum Teil war schon Typhus ausgebrochen. Unsere Decken und Sachen waren durchnäßt; wir lagen 28 in einer Baracke, Schönauer und Nixdorfer Lukesch, Austen und Schelzig. Dort kochten wir auch im Freien. Die Verpflegung war früh Kaffee, zu Mittag Kartoffeln mit Karfinatl und Soße, abends auch Kaffee und Brot. Am 2. Tage Mittag Schälkartoffeln und Quark, ein Stück Brot für die Reise und Kunsthonig. Wir wurden in die Kartei aufgenommen. Im Lager war’s furchtbar. Eine Hitze und keine sanitären Anlagen. Man wußte im Walde nicht, wo man hintreten sollte. Im Walde war eine lange Leitung, wo wir uns bei Hähnen waschen konnten. Bei uns lag auch eine Müller’s Familie aus Röhrsdorf. Einmal war in einer Baracke kath. Gottesdienst. Wir blieben ziemlich eine Woche dort.

An einem Morgen, es war noch dunkel, mußten wir fort von dort; ich mußte noch einen Schein abholen, verlief mich im Walde, ging dann einen Wassergraben entlang, fand die Kanzlei und fand dann auch meine Leute wieder.

Es regnete früh. Es ging fort, zuerst zu Fuß eine Stunde lang im Regendreck bis an die Elbe; Uns drückten die Schuhe und als unterwegs einmal halt war, merkten wir, daß die Mutter und ich im Dunkeln in der Baracke im Lager die Schuhe vertauscht hatten. An der Elbe, nahm uns und die Leiterwagen ein Schiff auf.

Die Fahrt ging weiter nach Torgau.. Ich kann mich noch gut erinnern, wie’s auf dem Schiffe war.

In Riesa standen auch Schönauer am Elbufer (Wenschuh-Tischler neben Ungermann-Bäcker); es wurden auch Flüchtlinge aufgenommen. In Riesa soll ein schlechtes Lager gewesen sein.

In Torgau wurden wir von den dort Heimischen angestaunt beim Vorüberfahren.

Im Lager in Torgau waren 1400 Ausgewiesene. Wir blieben eine Nacht im Lager. Erich schlief diese Nacht, ich nicht. In der Küche konnten wir uns was kochen. Wir bekamen ein Stück Brot und Butter.

Früh mußten die Wagel neu gebunden werden. Es hatte geregnet, durch den Regen war alles naß. Herr Knoblauch half uns. (Er ist schon lange tot.) Dann gings auf den Güterbahnhof. 2 Stunden standen wir in der Sonne, auf den Zug wartend. Auf einmal hieß es und kam Bescheid, wir müssen auf den anderen Bahnhof am Personensteig Aufstellung nehmen. Auf dem Wege dorthin mußte das Wagel über eine Rampe gehoben werden, wir hatten aber niemanden, der uns das Wagel die Rampe hochhob, denn wir hatten selber keine Kraft dazu und mußten warten, bis uns jemand half. Jeder dachte nur, so schnell wie möglich hinauf zu kommen. Wir waren die Letzten. Unterdessen war der Zug vollgestopft mit Gepäck und Flüchtlingen. Der diensthabende Eisenbahner sagte zu mir, nur schnell, der Zug fährt gleich ab. Ich war schon verzweifelt und weinte und betete zum hl. Judas Thadäus. Ein reines Wunder geschah. Ein fremder junger Mann stand auf einmal bei uns, er packte das Wagel ab, langte die Sachen zum Zugfenster rein, wo auch Familie Lukesch saß, band dann den Wagen am Zug fest, wir stiegen ein, und der Zug fuhr mit den 70 Familien ab. Seitdem verehre ich den hl. Judas Thadäus.

In Mücheln war Station. Es war finster als wir ankamen. Hunderte von Menschen stiegen aus. Das Rote Kreuz empfing die 1400 Menschen mit Wageln. Teilweise wurden sie mit Lastautos in die Lager gefahren, es waren 14. Wir mußten laufen, fast eine Stunde. Wir hatten unsere Bekannten beim Aussteigen verloren. Beim Durchschleusen erblickte ich Herrn Austen aus Nixdorf. Ich hatte furchtbare Bauschmerzen, hatte die Winde zurückgehalten. Wir mußten auf die Elise hochfahren, in ein Lager. In unserem Lager mußte ich gleich in die Sanitätsbaracke, bekam Tabletten und Einreibungen und mußte ½ Stunde liegen. Später konnte ich noch des Nachts in die Baracke zu meinen Lieben.

Wir bekamen süße Graupensuppe, früh Marmeladebrot und Kaffee., Mittag Möhreneintopf mit Fleisch, abends Soße und Kartoffeln. Am andern Tage Erbsen und Kartoffeln, abends Brot, Wurst und Butter.

Im Lager waren noch Lukesch, Nohl und noch andere Bekannte. Am andern Tag ging ich mit einem Stock Kartoffel stoppeln, damit wir uns zusätzlich was kochen konnten. Eines Tages mußten wir in die Stadt gehen. Wir suchten Schönauer. Traurige Bilder kamen uns da zu Gesicht in den Lagern. Wir fanden dann Bekannte in einem Pferdestall, der als Lager diente.

In unserem Lager waren wir bald 14 Tage, die Verpflegung war hier zufriedenstellend bis gut.

Dann konnten wir uns wählen, ob wir nach Laucha oder nach Freyburg wollen. In Laucha war eine Zuckerfabrik, und da Lukesch in die Zuckerfabrik wollte, meldeten sich Lukesch und Nohls und viele andere nach Laucha. Am nächsten Tage ging es um 11 Uhr nach Laucha , vorher bekamen wir Gemüseeintopf. Wir fuhren 2 Stunden durch Ebenen mit Lastauto. Es war sehr kalt. Erich saß vorn bei zwei Frauen und bekam eine Schnitte. Wir wurden mittels Lastauto über den Fliegerhorst runter dorthin gefahren.

Zuvor wurden wir in Mücheln wegen Ungeziefer geprüft; wir hatten keins.

In Laucha war wieder eine Enttäuschung. Statt, daß wir Wohnung bekamen, mußten wir wieder in ein Lager, zu Obendorf auf den Tanzsaal. Dort waren viele Menschen. Die Kinder weinten viel des Nachts und viele husteten. Auch mir wurde eines Nachts sehr schlecht, brach auf der Stiege zusammen. Frau Lukesch kam mir zu Hilfe; es war schlimm und ich mußte anderntags noch liegen.

Ratten waren im Hof.

Frau Obendorf war gütig mit uns Flüchtlingen. Sie ließ uns am Ofen manchmal was kochen.

Viele von den damaligen Flüchtlingen sind tot. Manche sind in die andere Zone gemacht

Nun wurde nach 14 Tagen Wohnung gesucht. Einige nahm ich nicht an, auf einem Boden oder sehr kalte Wohnung, bis wir dann bei Frau Holzapfel einen alten Ladenraum bekamen. In der ersten Nacht schliefen wir 3 in einem Bett. Dann bekam ich eine alte Bettstelle von der Volkssolidarität. Wir mußten in der Küche dann mit kochen.

Lukesch waren unsere einzigen Bekannten geblieben. Wir gingen Stoppeln zusammen und Ährenlesen.

Nach bangen Monaten erhielten wir endlich Nachricht vom Papa u. dem Hansi, aus Eckernförde. Welche Freude für uns. Es war wohl vor Weihnachten gewesen.

Im März, eines Morgens ließ ich Erich zur Tür hinaus auf den Schulweg. Ach, welche Freude da. Der Papa und Hansi standen vor der Tür. Es gab ein gesundes Wiedersehen, um das wir so oft beteten, besonders beim Marterl unterm Lindenbaum.

Geschrieben um 1960